Subversive Klänge?

2. Februar 2026
von Linus Hartmann-Enke, Ruprecht Langer

Vom 22. bis 23. Januar 2026 begrüßte die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig Forschende aus der Musikwissenschaft zur Tagung „Subversive Klänge? Musik als Medium von politischem Protest“.

Die Geschichte des Protests, des gesellschaftlichen und politischen Widerstands ist untrennbar mit den jeweiligen Medien der Zeit verbunden. Flugblatt, Zeitung, Radio, Fernsehen, Soziale Medien – ohne diesen Widerhall würden kritische Gedanken nicht die Verbreitung erfahren, durch die aus einer persönlichen Meinung eine gesellschaftliche Bewegung erwachsen kann.

Dieses Thema ist für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek (DBSM) seit jeher von herausragender Bedeutung. Anlässlich des 35. Jahrestags der Friedlichen Revolution im Jahr 2024 startete das DBSM die Veranstaltungsreihe „Mediengeschichte des Protests“, die den öffentlichen Protest als ein zentrales Instrument von Demokratie und Rechtstaatlichkeit herausstellt.

Organisiert vom DBSM, vom Deutschen Musikarchiv (DMA) sowie vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig, waren neun Wissenschaftler*innen aus Deutschland und Österreich eingeladen, über die ganz unterschiedlichen Aspekte dieses Themas zu sprechen und miteinander in Diskussion zu kommen.

Blick von außen in den Vortragsraum, die Stuhlreihen sind gefüllt; an der Tür hängt das Plakat der Tagung.
Das Thema der Tagung hat ein breites Publikum angezogen. Foto: DNB, Fanni Fröhlich

Katrin Stöck (Theater Nordhausen / Loh-Orchester Sondershausen GmbH) sprach über den avantgardistischen und überaus kritisch-unbequemen Komponisten Friedrich Schenker, dessen szenisches Kammerspiel II „Missa nigra“ provozieren, persiflieren, abschrecken und aufrütteln soll. Dennoch wurde die Uraufführung 1979 im Fernsehen übertragen, wohl auch, um Ost und West zu beweisen, wie modern und tolerant die DDR war.

Überhaupt zog sich der rote Faden durch die Tagung, dass verdächtig wirkende Musik nur sehr schwer greifbar ist, und dass es mit steigendem Grad der Abstraktion immer schwieriger wird, den hineinkomponierten oder hineinimprovisierten Protest in ihr ausfindig zu machen – oder um zu belegen, dass es sich überhaupt um Protest handelt. Dies wurde eindrücklich von Claudia Helmert (Universität Leipzig) dargebracht, die sich mit (Free) Jazz in der DDR befasste. Je freier der Jazz, desto mehr steht er für Unangepasstheit, für Subversivität – eben für Freiheit in einer unfreien Welt. Damit war er stets verdächtig, aber zeigte durchaus die Hilflosigkeit jener, die ihn verbieten wollten. Gleichzeitig steht allen Überlegungen nach Protest und politischer Kritik im Jazz der entwaffnende Kommentar eines Zeitzeugen gegenüber: „Eigentlich wollten wir nur Party machen“. Schön, dass das kein Widerspruch sein muss.

Eine Frau steht am Pult und schaut auf den Laptop. Die Präsentation zeigt eine Folie über Jazz als Klang des Protests
Claudia Helmert befasst sich mit Jazz in der DDR. Foto: DNB, Linus Hartmann-Enke

Aber wo finden sich greifbare Beispiele für in Musik hineinkomponierten Widerstand gegen das Bestehende? Mit diesem Thema beschäftigten sich Stefan Keym (Universität Leipzig) und Friedrich Geiger (Hochschule für Musik München), die sich mit subversiven politischen Botschaften in der Instrumentalmusik des 19. und 20. Jahrhunderts (Keym) und dem musikalischen Widerstand im Dritten Reich (Geiger) beschäftigten.

Ein Referent steht am Rednerpult, der Fokus des Bildes liegt auf dem Publikum des gefüllten Raums.
Stefan Keym hat sich auf die Spurensuche nach konkreten Beispielen für subversive Botschaften in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts begeben. Foto: DNB, Ruprecht Langer

Regierungswechsel, sich anbahnende Revolutionen und deren Gegenströmungen, unterdrückte Minderheiten, Repressionen – dies alles veranlasste Komponistinnen und Komponisten, ihre Musik als Träger von Botschaften zu gebrauchen, um ihre Haltung, Sorgen oder ihre Wut zum Ausdruck zu bringen. Sei es durch versteckte Zitate von Volksliedern oder Nationalhymnen.

Im Dritten Reich war musikalischer Protest gerade bei Gegengruppierungen zur Hitlerjugend ein gern genutztes Vehikel, wie Geiger zeigte. Auch musikalisch neue Strömungen wie der US-amerikanische Swing wurden vom Regime als „undeutsch“ verboten und der alleinige Akt es zu hören als Widerstandsaktion gewertet.

Dass auch das stalinistische Russland mit zunehmender Zeit Politik und Musik vermischte und unter staatliche Aufsicht setzte, verdeutlichte der Vortrag von Jascha Nemtsov. Jüdische Musik wurde erst allmählich im Laufe der 30er Jahre von der staatlichen Ideologie zurückgedrängt und schließlich als volksschädlich dargestellt.

Der letzte Vortrag brachte noch einmal einen anderen Zungenschlag in die Tagung. Yvonne Wasserloos (Universität Mozarteum Salzburg) forscht schon seit geraumer Zeit zu Kulturkaperung und Reframing, also dem Ge- bzw. Missbrauch von Kultur, die in fremdem Kontext einer bestimmten Ideologie dienen soll. Dabei ging sie vor allem auf die Bemühungen der rechtsextremen sogenannten Identitären Bewegung ein, die durch den Missbrauch von an sich unverfänglichen Bildern, Filmen und nicht-politischer Musik Stimmung gegen eine angebliche „Überfremdung Europas“ und für die „Rettung der weißen Rasse“ vor einer „Islamisierung“ macht.

Abgerundet wurde das Symposium von einer ausführlichen Abschlussdiskussion, bei der die meisten Themen der Tagung noch einmal aufgegriffen und mit einander in Beziehung gesetzt wurden. Da auch schon während der Panels besonderer Wert auf das Gespräch mit dem Publikum gelegt wurde, kam die Diskussion schnell in Schwung. Auf diese Weise konnten neue Gedanken, Fragen und gelegentlich auch Antworten geteilt werden, die im breiten thematischen Spektrum der Tagung noch gefehlt hatten oder vertieft werden sollten.

Eine Frau aus dem Publikum spricht in ein Handmikrofon.
Nach den Beiträgen gab es genügend Zeit für Diskussion. Foto: DNB, Fanni Fröhlich

Die Organisatoren der Tagung blicken zufrieden und dankbar auf diese beiden Tage. Es war ein äußerst anregender, fundierter und vielseitiger Austausch vor vollem Haus.

Die Beiträge der neun Referierenden werden bis Ende 2026 in einem Konferenzband veröffentlicht: Online und Open Access – also bestens geeignet für eine möglichst hürdenfreie Nachlese und perfekt für alle, die nicht dabei sein konnten.

Das war das Vortragsprogramm

Katrin StöckSzenische Kammermusik in der DDR: Intention und Wirkung. Am Beispiel von Friedrich Schenkers Kammerspiel II „Missa nigra“
Maria EkertResistenz, Persistenz, Resilienz: Zur Kirchenmusik in der DDR.
Claudia HelmertKlang des Protests?! (Free) Jazz in der DDR.
Florian Lipp„Aus den Wildschweinen werden Haussäue“ – Punk und New Wave in der DDR zwischen Repression und Förderung. [Wegen Krankheit entfallen!]
Wolfgang Fuhrmann„Die Freiheit war gekommen, und wir hatten – kein Lied.“ Der März 1848 im Habsburgerreich.
Stefan Keym„Unter Blumen eingesenkte Kanonen“? Instrumentalmusik als Medium politisch subversiver Botschaften im 19. und 20. Jahrhundert.
Jascha NemtsovJüdische Musik im Stalinismus.
Friedrich GeigerMusikalischer Widerstand im „Dritten Reich“ und im Exil.
Yvonne Wasserloos„Wölfe im Schafspelz“. Subversion durch Kulturkaperung und Reframing.
*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Andrew Meakovsky, Oleg Matsekh and Marikiyan Matsekh

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