Tage des Exils in Frankfurt – Rückblick und Dank

15. September 2026
von Dr. Sylvia Asmus und Dr. Marc Wurich

Nach zweieinhalb Wochen endeten die Tage des Exils in Frankfurt am Main am 6. September 2026 mit einer Abschlussveranstaltung im Jüdischen Museum. Am 20. August hatte die diesjährige Schirmherrin, die russische Historikerin Dr. Irina Scherbakowa, das von der Körber-Stiftung in Kooperation mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek organisierte Veranstaltungsprogramm eröffnet. An 26 Orten boten insgesamt 50 Veranstaltungen auf vielfältige Weise Gelegenheit, sich mit dem Thema Exil auseinanderzusetzen. Das facettenreiche Programm machte Frankfurt als Ort der Erinnerung und der Verständigung über Verfolgung, Flucht und Exil in Gegenwart und Vergangenheit erfahrbar.

Emigration ist ein ewiges, jahrhundertealtes Thema – und zugleich ein äußerst schwieriges, insbesondere in der heutigen Zeit, in der Emigration und Migration zu den am stärksten instrumentalisierten Themen der politischen Auseinandersetzung gehören und Europa zunehmend in ultrarechte und ultralinke Lager spalten.

Irina Scherbakowa: Rede zum Exil
Die Historikerin Irina Scherbakowa an einem Rednerpult.
Irina Scherbakowa eröffnete das Programm mit der Rede zum Exil. Foto: Peter Jülich

Wie in jedem Jahr eröffnete die Schirmherrin die Tage des Exils mit der „Rede zum Exil“. Irina Scherbakowa sprach im Vortragssaal der DNB über Exil „zwischen Trauma und Hoffnung“. Auf der Webseite der Körber-Stiftung kann die bemerkenswerte Rede der russischen Historikerin, die seit 2022 selbst im deutschen Exil lebt, nachgelesen werden. Impressionen des Eröffnungsabends haben wir bereits in einem eigenen Blogbeitrag zusammengestellt.

Wir können auf ein abwechslungsreiches, informatives und anregendes Programm zurückblicken: auf Vorträge, Podiumsdiskussionen und Lesungen, auf Ausstellungen, Konzerte, Filmvorführungen und Theaterinszenierungen, auf Workshops, Stadtrundgänge und Führungen sowie auf zahlreiche weitere Möglichkeiten für Gespräche und Begegnungen.

Ein besonderes Highlight dieser Tage des Exils war das Gastspiel des Klezmer-Zirkus Dobranotch. Nicht nur, weil das Ensemble um Eliana Jacobs und die international bekannte Klezmer-Band Dobranotch dem Publikum an zwei ausverkauften Abenden im Zirkus Zarakali ein beeindruckendes Erlebnis bereitet haben. Sondern auch, weil dieses Gastspiel nur möglich wurde durch ein gemeinschaftliche Initiative mehrerer Frankfurter Einrichtungen. Für diese wunderbare und erfolgreiche Zusammenarbeit möchten wir uns auch an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei der Romanfabrik, dem Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie, der Jüdischen Gemeinde und dem Jüdischen Museum bedanken. Unser Dank gilt natürlich auch den fördernden Stiftungen, die das ermöglicht haben.

Wie schon 2022, als das Veranstaltungsprogramm erstmals in Frankfurt am Main stattfand, war die Deutsche Nationalbibliothek mit dem Exilarchiv auch in diesem Jahr ein zentraler Ort der Frankfurter Tage des Exils. Bei Veranstaltungen, Ausstellungen und Führungen boten die DNB und das Exilarchiv Räume für Begegnungen und Austausch. In der Rotunde der DNB präsentierte die Illustratorin Katja Weikenmeier ihre Porträtreihe „Im Exil – Schriftstellerinnen damals und heute“. Mit der belarussischen Lyrikerin und Linguistin Volha Hapeyeva sind wir in die Tiefen unserer Magazine hinabgestiegen, um Exilgedichte zu lesen und zu besprechen. Bei zwei Stadtspaziergängen erkundeten wir Orte besonderer Frankfurter Flucht- und Exilgeschichten. Thilo von Debschitz und Simone Bloch stellten mit Curt Blochs „Unterwasserkabarett“ ein einzigartiges Werk des kreativen Widerstands gegen den Nationalsozialismus vor. Prof. Dr. Andrea Hammel blickte auf die „schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien“. Und die Germanistin Dr. Ute Lemke folgte den Spuren der Deutschen Freiheitsbibliothek in Paris (1934-1939).

Auch an vielen weiteren Orten dieser Frankfurter Tage des Exils fanden großartige Veranstaltungen statt. In den Landungsbrücken erzählte „Ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt“, eine Theaterinszenierungen über die wunderbaren Frankfurter Künstlerin Erna Pinner (1890-1987), von Exil, Schaffenskraft und dem Willen weiterzumachen. Beim Amal Salon im Crespo Haus kam die Stadtgesellschaft zusammen und diskutierte die Frage: Wie wächst Frankfurt zusammen? Dazu erlebten die Anwesenden unter anderem ukrainische Tänze und Malerei aus Afghanistan. Im Freien Deutschen Hochstift wurde historisch ins 19. Jahrhundert zurückgeblickt – im Mittelpunkt stand die europäische Dimension der Revolution von 1848/49. Eine Veranstaltung des PEN-Zentrums/Writers in Exile widmete sich dem Exil aus China und der dortigen KI-Überwachung. Die chinesischen Autoren Tienchi Martin-Liao und Zhang Xiaomao sprachen über KI-Überwachung in der Volksrepublik und über das trügerische Gefühl der Sicherheit.

Bei Infrau e.V. gab es eine beeindruckende und zugleich bewegende Lesung von migrierten Frauen, die Texte aus ihrer Schreibwerkstatt präsentierten. Die Vortragsreihe „Unsichtbar? Stimmen aus dem Exil“, die der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie gemeinsam mit der VHS Frankfurt veranstaltete, machte die Stadt unter anderem als Zufluchtsort für queere Menschen sichtbar. Die Kulturothek verband an zwei Abenden kulinarische mit literarischen Genüssen. Musikalisch befassten sich zwei Konzerte in Dr. Hoch’s Konservatorium mit dem Thema Exil. Die Schriftstellerin Karosh Taha stellte im Literaturhaus ihren neuen Roman „Gulistan“ vor. Und in seiner Performance „Mathroo Basha“ („Muttersprache“) setzte sich der Künstler Hetain Patel im Jüdischen Museum mit seiner britisch-gujaratischen Familie auseinander.

Programmhefte der Tage des Exils Frankfurt 2026.
Programmhefte der Tage des Exils Frankfurt.
Foto: DNB/Marc Wurich

Auch diese Auflistung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit behaupten. Sie bietet nur wenige Einblicke in die unglaubliche Anzahl von 50 Veranstaltungen in 17 Tagen. Insgesamt erfuhr das Programm eine großartige Resonanz, erregte viel Interesse, förderte angeregte Diskussionen und ermunterte zum vielstimmigen Austausch in der Stadt. Genau das hatten wir und die Körber-Stiftung uns erhofft. Wir freuen uns, dass die Tage des Exils auch in ihrer zweiten Ausgabe in Frankfurt (erstmals 2022) so gut angekommen sind.

Im Namen auch der Kolleginnen und Kollegen der Körber-Stiftung möchten wir allen Beteiligten herzlich danken: Den Akteurinnen und Akteuren, den Kooperationspartner*innen und Förderern, die mit ihrem Engagement zum Programm und zum Erfolg dieser Tage des Exils beigetragen haben. Auch in den Medien haben die Tage des Exils viel Aufmerksamkeit erfahren. Ein besonderer Dank gilt hier auch unseren Medienpartnern, hr2-kultur und Amal News. Und schließlich bedanken wir uns natürlich bei der Körber-Stiftung und der Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung, ohne die es dieses großartige und wichtige Veranstaltungs- und Begegnungsprogramm nicht geben würde.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB/Marc Wurich

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