Zettel über Zettel: Vergessen und Erinnern
Im Deutschen Buch- und Schriftmuseum war unlängst die Ausstellung „Forget it?! Zukünfte und Geschichten der Wissensspeicherung Eine erinnerungskulturelle Zeitreise“ zu sehen. Sie erzählte sowohl von frühneuzeitlichen Hungersteinen, Bioarchiven, Asservatenkammern, Zeitkapseln, Bergwerkstollen und der menschlichen DNA und bildete Brückenschlag zwischen Technik und Kultur: Im Rückblick auf die lange Geschichte der Speicherung von Informationen zielt sie ebenso auf einen exemplarischen Einblick in die aktuellen Entwicklungen bei der Suche nach den Speicherprozessen der Zukunft. Wie ein Ariadne-Faden zog sich die zentrale Frage nach dem Erinnern und Vergessen durch die Ausstellung.
Aus diesem Anlass fand die Eröffnung der Ausstellung auch nicht klassisch als Vernissage statt – das Museum lud zu einem ganzen Tag des Vergessens. Und der Erinnerung. Es ging um persönliche Spuren und kollektive Geschichten, um das Gewicht der Vergangenheit und die Leichtigkeit des Vergessens. Der Tag lud ein zum Innehalten, zum Erzählen und zum Fragen, was bleibt, was wir erinnern müssen – und was wir vergessen dürfen.

„Nur wer vergessen kann, ist gewappnet für diese Welt.“ Hat der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899–1986) damit recht? Oder ist es eher wie es der Literaturnobelpreisträger Günter Grass (1927-2015) folgendermaßen zuspitzt: „Nur gespeichert sind wir unsterblich.“, was eine jederzeit abrufbare Information und damit Erinnerung möglich macht?

Das wollten wir genauer von den Ausstellungsbesucher*innen wissen am Ende des Rundgangs und luden ein, ihre Gedanken dazu aufzuschreiben. Dafür standen gelbe und blaue Zettel bereit:
Nimm dir einen gelben Erinnerungs-Zettel und erzähl uns: Woran willst du dich unbedingt für immer erinnern? Was soll auch die Zukunft über dich oder deine Zeit wissen?
Nimm dir einen blauen Vergessens-Zettel und schreib dir von der Seele, welche blöde Situation, welches Gefühl, welches unnötige oder gefährliche Wissen du oder die Menschheit am besten vergessen sollte.
Kleb deine Zettel an unsere Erinnerungs-Wand! In unserer eigenen Zeitkapsel bewahren wir sie nach der Ausstellung für die Zukunft auf.
Für alle, die eine Vergessens-Zettel bildwörtlich für immer löschen wollten, stand zudem ein Aktenschredder bereit.
Am Ende der Ausstellung waren wir überwältigt von den vielen Zetteln mit anrührenden Gedanken, Lebensgeschichten und unliebsamen Erinnerungen. Hier eine kleine Auswahl:




Was passiert nun mit den Zetteln, wenn die Ausstellung zu Ende ist? Für „Forget it?!“ wurde – thematisch passend (oder eher als Gegenentwurf?) – eine Zeitkapsel erstellt. Gefüllt ist sie neben diesen Zetteln mit weiteren Faszikeln der Ausstellung. Ihre Bestimmung: erstmal vergessen werden, um irgendwann wiederentdeckt und erinnert zu werden.
Übrigens: Für alle, die „Forget it?!“ verpasst oder deren Inhalte gar vergessen haben ist sie als virtuelle Ausstellung online über die Deutsche Digitale Bibliothek verfügbar.
Am 17. Dezember 2025 sendete der Deutschlandfunk live aus der Ausstellung „Forget it?!“ im Rahmen der Sendung „Agenda“ unter dem Titel „Für immer sichtbar und gespeichert? Wie wir uns erinnern und was wir vergessen wollen“. Den Radiobeitrag können Sie hier nachhören.






