Vom Reichtum des armen Poeten
Wer kennt es nicht, dass Gemälde “Der arme Poet“ von Carl Spitzweg. Jenes einer Milieustudie gleichende Bild vom Künstlerpoeten, der sein Leben in den Dienst der Dichtkunst gestellt hat, ist mehr als nur Zeugnis eines Menschenschicksals.

Hier führt der kunstvolle Pinselstrich der meisterlichen Malerhand vor, was Hingabe wirklich bedeutet. In diesem Fall Hingabe fast bis zur Selbstaufgabe und vielleicht schon eine Gratwanderung am Rande des Wahnsinns. Doch der im Bett arbeitende Dichterpoet verkennt die Gefahr der Selbstisolation bewusst. Zwischen Zimmertür und Kachelofen bedeutet ihm seine matratzengemachte Lagernische das Tor zur Welt der Sinnenfreude gleich einer Erfüllung seiner Sehnsucht nach Parnass. Nach heutigen Maßstäben wäre er eine verkrachte Existenz, ein Opfer seiner brotlosen Kunst, von deren süßer Wonne er nicht genug bekommt. Doch schon damals galten Typen wie er als Außenseiter der Gesellschaft und ausgemachte Taugenichtse, die von der breiten Masse gemieden wurden. Sie zu verstehen bemühte man sich nicht. Der literaturverliebte, Brille tragende Protagonist, der das Haupt mit Schlafhaube bedeckt in seiner Bettstatt ausharrt, weiß wohl auch um den Argwohn, dass ausgeprägte Misstrauen und die reduzierte Wahrnehmung durch seine Mitmenschen. Wohl aber hält er eines hoch: die Kunst. Sein Bekenntnis zu ihr ist so tief und innig wie nur irgend möglich. Diese gelebte Entschlossenheit ist sein Selbstschutz mangels bürgerlicher Normalität im Sinne der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Da macht es keinen Unterschied, ob man vorverurteilt oder verachtet wird. Die eigene Welt ist der Rückzugsort, das Bollwerk, die Zentrale des Widerstands und das honigsüße Mekka wider alle Verwünschungen. Mitzuerleben, wie aus dem Elend der bedauernswerten Figur ein Zauber erwacht, bedarf keiner weiteren Worte. Man sieht es einfach.
Zu dieser Zeit zwischen Mitte und Ende des 19.Jahrhunderts befand sich die ganze Welt im Umbruch. Auch das deutsche Staatengebilde erlebte Veränderungen von epochaler Größe. Vom Wiener Kongress über die bürgerliche Revolution bis hin zur Reichsgründung kam die Situation oftmals einem politischen Pulverfass gleich. Dem zeitgenössischen Kunstbetrieb blieb diese Entwicklung nicht verborgen. Sie tangierte ihn nachhaltig, das Erbe der revolutionären Freiheitsdichtung mit sich führend, was in unserem Fall freilich eher nicht zutrifft. Spitzwegs Auge für Details des menschlichen Lebens und klischeehaft verklärte Szenen widerlegt geradezu, dass in Deutschland zeitgleich noch viel mehr passiert. Die Dampfmaschine ist lange erfunden, dass industrielle Zeitalter hat begonnen, doch der arme Poet bleibt von alldem unberührt. Für ihn zählt nur das Schöne, Arkadien, die Kunst. Weltfremd bis zur Absurdität, der Realität entrückt, verträumt und auch ein bisschen verrückt, zelebriert er das Glück eines Menschen, der seine Bestimmung gefunden hat. Ein Stift, einen Bogen Papier und die oasengleiche Abgeschiedenheit seiner Dachkammer sind alles, was er braucht. Der Dichter und Dramatiker Arno Holz schrieb später in seinem Gedicht “Phantasus“ mit den Worten: „Und wenn vom holden Wahnsinn trunken, er zitternd Vers an Vers gereiht, dann schien auf ewig ihm versunken, die Welt und ihre Nüchternheit…“ beispielhaft nieder, was nirgendwo sonst so deutlich wird wie hier. Der arme Poet hat also das Recht, ein Dasein als Sonderling zu führen. Das innere Heiligtum, seine einer Abhängigkeit gleichkommende Liebe zur Dichtkunst, macht es möglich. Er fühlt sich der Wirklichkeit enthoben durch sie und seine Fähigkeit, ohne Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, letztlich am Menschenleben schlechthin, über die Runden zu kommen.
Kurt Cobain hat im Laufe seines kurzen Lebens einmal gesagt: „Ihr lacht über mich, weil ich anders bin. Ich lache über euch, weil ihr alle gleich seid.“ Dass der arme Poet rund einhundertfünfzig Jahre zuvor ein ganz ähnliches Dilemma durchlebt haben dürfte, scheint klar zu sein. Ob er sich über seine Zeitgenossen mokierte, amüsierte oder beides, – darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht müde belächelt und abgelehnt, ist anzunehmen, dass er vor lauter Weltfremdheit gar nicht mitbekam, möglicherweise Zielscheibe spöttischer Verachtung in der Nachbarschaft zu sein. Vertieft in sein Schaffen und fieberhaft damit befasst, das Lebenerleben in Worten wiederzugeben, verbrachte er die Zeit sicher nach eigenem Gutdünken. Nur zu typisch für einen Musenmenschen wie ihn. Was ihm in seiner Dachkammer fehlt, ist ein buntgewirkter Traumfänger. Stattdessen hängt da ein Regenschirm über der Bettgruft, die gleichzeitig Arbeitsplatz ist, weil man vergeblich nach einem Schreibtisch Ausschau hält. Doch ihn hebt das nicht an. Er ist auf seine Rolle fixiert, lebt von der Leidenschaft zum Schreiben, liebt den Rausch der Suche nach dem einen geheimen Wort und macht es fix, sobald er es gefunden hat. Nichts für den Normalo, weil so ein ungesundes Leben seinen Preis hat. Doch Künstler, zumindest jene die sich hohe Ziele gesteckt haben, machen das so. Das Exzessive in einer Mischung mit stoischer Selbstdisziplin unterscheidet sie von ihren Mitmenschen. Beispiele ließen sich viele anführen. Der arme Poet aber ist eines der besten dafür in seiner bildlich verewigten Darstellung.
Die Erfolgsschriftsteller der heutigen Zeit sind häufig Autoren, die bestimmte Genres bedienen und mit ihren Büchern die Bestseller-Listen anführen. Zumeist sind sie spezialisiert, was die Auswahl von Themen angeht. Was bleibt ist wenig Spielraum für poetische Abenteuer der besonderen Art. Das Auftragswerk im eigentlichen Sinn kannte der arme Poet sicher nicht. Lag daran, dass ihn keiner kannte und seine Arbeit wahrscheinlich nie große Aufmerksamkeit erfuhr. Vielleicht hatte er auch gar kein Interesse an Bekanntheit oder gar Berühmtheit zu einer Zeit, in der das Erbe von Überflieger Goethe das Maß aller Dinge ausmachte. Seine Schreibwerkstatt, das Tintenfass und die Feder bildeten vermutlich eher die skurrile Gegenpartei zur offiziellen Szene von damals. Nach heutigen Maßstäben mag man ihn als Underdog ansehen, der einem kleinen Kreis Eingeweihter vertraut war, die so etwas wie einen Literaturzirkel unterhielten. Nach welchem Muster dabei verfahren wurde (Poetry Slam?), ist nicht überliefert. Und wo die Zusammenkünfte damals dann stattgefunden haben, auch nicht. Schließlich war der arme Poet ein Kind seiner Zeit, in der er wie andere auch auf moderne Kommunikationsmittel verzichten musste. Das ist mit eine Erklärung für die isolierte Abgeschiedenheit seiner poetischen Brutzelle. Wenn man sich traf, dann in Präsenz. Die Menschen pflegten den gegenseitigen Kontakt und teilten im Austausch von Mensch zu Mensch das Prinzip der zwischenmenschlichen Kommunikation. Auch eine hohe Form der Kunst, die der arme Poet vielleicht wertschätzte. Aber wieder mit der Charakteretikette, ein Sonderling zu sein.
Nun möchte man meinen, zum armen Poeten ist alles gesagt, was es zu sagen gibt. Doch weit gefehlt. Der arme Poet ist ein Dauerthema mit vielen Schleifen und Wendungen, die nie ganz aufhören. Ein Künstlerleben kann nicht einfach abgestellt oder aus den Köpfen getilgt werden, wenn es einmal dort Einzug gehalten hat. Die Einprägsamkeit so unverwechselbarer Charaktere brennt sich ins Gedächtnis und zieht immer neue Bewunderer an. Hier hat die Ursprünglichkeit einen Herzhafen. Das Prinzip der Ehrlichkeit, der unverfälschten Glaubwürdigkeit mahnt, Bekenntnis abzulegen für das Eine, dass jeder Verlockung widersteht. Unter anderem deshalb hat der arme Poet nie Patina angesetzt, sondern ist in seiner Originalität bis heute ein Maßstab geblieben. Die Szenerie da in der Dachkammer hält den Betrachter gefangen und nimmt ihn mit auf eine Reise wie sie nur stattfinden kann, wenn alle Vorurteile gefallen sind. Das macht den Reichtum des armen Poeten aus, so bezeichnend für alle, die sich selbst treu bleiben.
Armer Poet
von Jan Schäfer
Vom letzten Absatz in die Einsamkeit,
führten ihn zwei Schritte weit.
Ging über altersblanke Stufen,
die sein Reich wohl mit erschufen.
Aufzeigend gleich den Korridor,
der ihn trug zur Tür empor.
Nur ein Zimmer gab es da.
Lag ganz oben – wolkennah.
Direkt darüber kam das Dach
und der Mond sah ihn oft wach.
Die alte Kammer grauputzblass,
der Wände Werk vom Regen nass.
Doch er nahm es in Demut hin,
die Botschaft ganz erfüllt den Sinn.
So hieß das Schicksal ihn verstehen,
den Weg bestimmungsgleich zu gehen.
Seine Verehrung galt dem Wort.
Sie trug ihn täglich erdenfort.
Weil da kein Elend nach ihm drängte,
freischöner Geist die Feder lenkte;
der Musen Kuss ihm hold gegeben –
so führte er sein Künstlerleben.
Ein jeder Wandel lag ihm fern.
Den Verzicht ertragen – gern.
Dachte nur selten an den Tod
und teilte ohne Furcht die Not.
Allein die Kunst ganz offenbar,
sein einzig‘ Glück auf Erden war.
Trug doch kaum Fleisch noch auf den Knochen
und hatte mit der Welt gebrochen.
Selbst von der Liebe keine Spur –
kannte sie aus Büchern nur.
So lebte er, Poet vor Gott,
und schwieg zum Spiel der Welt.
Er hatte keine Wünsche mehr,
sein Los war ihm bestellt.
Und wenn er nachts zum Mond aufsah
und mit den Sternen sprach,
dann hörte er ihr Echo gleich
und folgte ihnen nach.
Jan Schäfer
ist langjähriger Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek am Standort Leipzig und im Fachbereich Sammlungen | Medienservice tätig.






