Waschzettel – Angelika Meier

3. August 2026
von Thomas Kunst
Auf einer Treppe sitzt ein Mann und hält ein Buch in die Kamera. Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass man nur seinen Oberkörper und seine Beine bis zu den Knien sieht.
Thomas Kunst hält „Feierabend des Fauns“ von Angelika Meier. Foto: DNB / Christine Hartmann

Seit Jahren ist es mir nicht mehr so ergangen, dass ich derart in Verzückung und Begeisterung geraten bin wie beim Lesen der Bücher von Angelika Meier.

Ich halte sie für eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur. Ihre Bücher „Stürzen, drüber schlafen“ (Erzählungen, Diaphanes, 2013) „Osmo“ (Roman, Diaphanes, 2016) und „Die Auflösung des Hauses Decker“ (Roman, Diaphanes, 2021) zeigen ihre ausgereifte, hohe Sprachmündigkeit, ihre Fähigkeit, abstrus melodiöse, gedanklich gewitzte Einfälle mit Melancholie und heiterer Aussichtslosigkeit zu versöhnen.

Eine nahezu apokalyptische, kleinteilige Welt finden wir in den beschriebenen Landschaftsräumen vor:  In dem Roman „Auflösung des Hauses Decker“, einem Kammerspiel, gibt es Teppiche aus toten Fischen und Damenbinden in den Flüssen, die sich bei Hochwasser in den Bäumen verfangen und Kinder daran erinnern, in einem Zauberwald unterwegs zu sein…eine kleine Kulturgeschichte der weißen Glacéhandschuhe in der Kleiderordnung Himmlers…Abhandlungen zu Picassos „La Guernica“ oder der Malerei Hockneys…Groteske Verrenkungen der Normalität zeigen Meiers Lust, den Alltag auf eine idiotische Art zu hintergehen: Jürgen Klinsmann bekommt in einem Berliner Dönerladen de Luxe und nicht wie vorgesehen vor dem Kottbusser Tor, von Horst Köhler und seiner Gattin das Bundesverdienstkreuz an das Revers von seinem dunkelblauen Leinensakko gesteckt nachdem Köhlers Frau die Regie in ihre Hände genommen hatte: „Wisst ihr was, wir lassen das ganz mit der Verleihung. Horst, gib dem Jürgen das Kreuz doch einfach hier und jetzt. Das wäre dir doch am liebsten, oder, Jürgen?“ oder: „Drei Heringe sitzen auf dem Baum und kämmen sich“…“Sagt der eine: Ich wär so gern ein Vogel, dann könnt ich fliegen. Sagt der zweite: Ich wär so gerne zwei Vögel, dann könnt ich hinter mir herfliegen. Sagt der dritte: Ich wär so gerne drei Vögel, dann könnt ich sehen, wie ich hinter mir herfliege. „

Im Roman „Osmo“ wird Mary Lynn nach einem angeblichen Mord aus Kalifornien verbannt und in die Glut der Wüste geschickt, in die insolvente Solaranlage „Solariana“, die mit einem Sonnenwärmekraftwerk, das funktioniert, nicht das geringste zu tun hat. Hier soll Mary ihre Schuld abtragen, in dem sie in den Nächten die Spiegel putzen muss, zusammen mit sieben heimatlosen Veteranen aus irgendwelchen Kriegen. Weniger Zuversicht beim Reinigen dieser übergroßen, reflektierenden, an den Rändern schon absterbenden, sich auflösenden Glasflächen gab es wohl nie. Am Rande der Anlage steht ein schwarzer Turm, in dem das gebündelte Licht, statt in Strom verwandelt zu werden, direkt zur Sonne zurückgeschickt wird. Hier wird gelebt und gestorben. Wenn es einen Optimismus gibt, der von der Sinnlosigkeit der Tagesgeschäfte keine Notiz mehr nimmt und nicht ins Stocken gerät, dann hier, in Angelika Meiers Wüste.

Im März 2026 erscheint ihr neues Buch „Feierabend eines Fauns“ (Diaphanes). Inzwischen habe ich, süchtig nach ihrem Ton und den geistreichen Verstrickungen ihrer Einfälle, sämtliche Bücher von ihr zuhause.

Thomas Kunst

Thomas Kunst ist Schriftsteller und langjähriger Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek. Im Deutschen Buch- und Schriftmuseum arbeitet er u. a. an den Nachlässen der Sammlung.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB / Christine Hartmann

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