Wiederentdeckt: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

22. Juli 2026
von Dr. Sylvia Asmus

Manchmal beginnt eine literarische Wiederentdeckung im Archiv. Ein Roman, der 1943 unter dem Titel „Birds of Passage“ in englischer Sprache erschien, ist nun zu seinem sprachlichen Ausgangspunkt zurückgekehrt: Iwan Heilbuts „Zugvögel“ liegt erstmals in einer deutschen Ausgabe vor. Der Verleger Peter Graf hat den Roman herausgegeben und damit einen bemerkenswerten Text der Exilliteratur neu zugänglich gemacht.

„Zugvögel“ ist autobiografisch geprägt und erzählt in fiktionalisierter Form die dramatische Fluchtgeschichte der Familie Heilbut. Der Roman führt mitten hinein in die Erfahrungen von Verfolgung, Flucht und Exil und verbindet persönliche Erfahrung mit literarischer Gestaltung.

Passfoto von Iwan Heilbut, NL Iwan Heilbut, Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der DNB

Die Flucht der Familie Heilbut lässt sich anhand der Bestände im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 rekonstruieren. Iwan Heilbut, der zuvor bereits als Schriftsteller und Journalist erfolgreich gewesen war, emigrierte 1933 zunächst in die Tschechoslowakei und von dort nach Paris. Dort konnte er seine Arbeit als Kultur- und Theaterkritiker zunächst fortsetzen. 1937 erschien im Europa-Verlag in Zürich sein Buch „Die öffentlichen Verleumder. Die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ und ihre Anwendung in der heutigen Welt“.
In Deutschland waren Heilbuts sämtliche Werke verboten.

Die im Exilarchiv überlieferte Korrespondenz macht eindrücklich deutlich, wie schwierig die Exilsituation von Iwan Heilbut und seiner Frau Charlotte war. Die beiden hatten 1936 in Paris geheiratet. Trotz der Unterstützung durch Joseph Roth sowie Bruno und Elisabeth Frank erhielt Iwan Heilbut keine finanzielle Unterstützung von der Deutschen Akademie im Exil, zu viele Hilferufe erreichten die Organisation. Auch die Bemühungen, für Heilbut und seine Familie Visa für die Ausreise in die USA zu erhalten, blieben zunächst erfolglos. Im Oktober 1939 waren Iwan und Charlotte Heilbut Eltern geworden, ihr Sohn Francis war zur Welt gekommen und die Situation wurde noch schwieriger.

Aufgeschlagener Reisepass mit Passfotos von Iwan und Charlotte Heilbut
Falscher Pass für Charlotte und Iwan Heilbut, NL Iwan Heilbut, Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der DNB

Iwan Heilbut wurde in Frankreich interniert. Nach der Freilassung floh die junge Familie über die Pyrenäen nach Lissabon. „Wir sind in Lissabon. In der vorigen Nacht kamen wir an, nach einer langen Reise durch Spanien, nach einem Spaziergang, mit Francis auf dem Arm, über die Pyrenäen“, schrieb Heilbut am 26. September 1940 an Bruno und Elisabeth Frank. Einen Monat später, am 24. Oktober 1940 schreibt er an die Hilfsorganisation American Guild for German Cultural Freedom: „Die Wartezeit ist schrecklich. Das Schicksal, dem wir eben entgangen zu sein glaubten, rückt uns hier wieder näher. Es ist ein Irrtum – der uns verhängnisvoll wird, wenn man darin beharrt –, wenn man uns hier in Sicherheit glaubt. Ausserdem ist die Geldnot entsetzlich. […] Ich bin hier mit meiner Frau und meinem Kind, das jetzt ein Jahr alt ist. (Es ist seit Mai mit uns auf der Wanderung, lebt tagsüber auf unserem Arm, ist auf dem Arm mit uns über die Berge gekommen und hat weder Wagen noch Bett.). Es fehlt uns am allernotwendigsten, und da es auch anderen daran fehlt, kann von hilfsbereiten Freunden zur gegenseitigen Hilfe nichts getan werden. ich bitte Sie, senden Sie telegraphisch Geld, wir brauchen es, um bis zu dem Tage durchzuhalten, an dem wir das Schiff besteigen können. Wann wird dieser Tag erscheinen?“

Am 28. Dezember 1940 konnten die Heilbuts schließlich mit dem Schiff Serpa Pinto ausreisen; am 9. Januar 1941 erreichten sie die USA. Dort konnte Iwan Heilbut seine Arbeit als Schriftsteller wiederaufnehmen, musste jedoch zugleich einem Brotberuf nachgehen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Ab 1945 erhielt er einen Lehrauftrag für deutsche Literatur am Hunter College in New York. 1950 kehrte er nach Europa zurück. Er lebte in verschiedenen Städten in Deutschland und der Schweiz, hielt zahlreiche Vorträge und arbeitete für den Rundfunk und Zeitungen.

Am 15. April 1972 starb Iwan Heilbut in Bonn.

Der Nachlass Iwan Heilbuts wurde dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 von seinem Sohn Francis Heilbut übergeben, vermittelt durch John M. Spalek und mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Der sehr umfangreiche Nachlass umfasst Korrespondenzen und Lebensdokumente aus den unterschiedlichen Stationen von Iwan Heilbuts Leben – darunter aus dem Exil in Frankreich und Portugal sowie aus seiner Zeit in den USA. Überliefert sind außerdem Fotografien und zahlreiche Typoskripte, darunter verschiedene Fassungen des nun erstmals auf Deutsch erschienenen Romans „Zugvögel“.

Iwan Heilbut: „Zugvögel“, mit einem Nachwort des Herausgebers Peter Graf, Claassen 2026

Aufschlussreiche ergänzende Dokumente finden sich außerdem in den Beständen der Deutschen Akademie im Exil und des Emergency Rescue Committee. Mehrfach hat das Exilarchiv bereits auf Iwan Heilbut und sein Werk aufmerksam gemacht, unter anderem in der Ausstellung „Deutsche Intellektuelle im Exil“.

Mit der neuen Ausgabe von „Zugvögel“ bietet sich nun die Gelegenheit, seinen Roman zu entdecken, der eng mit der Geschichte des Exils verbunden ist. Die Wiederentdeckung zeigt zugleich, wie eng Literatur und Archiv miteinander verbunden sein können: Der Roman gestaltet die Erfahrung von Flucht und Exil literarisch, während die überlieferten Dokumente Einblicke in die Lebensgeschichte des Autors und in die Produktionsbedingungen geben.

Die Premiere der Buchvorstellung findet am 27. Juli 2026 in der Deutschen Nationalbibliothek statt.

Über die Kraft der Menschlichkeit in dunkelster Zeit 

Paris, 1939. Edvard und Rahel erwarten ein Kind. Nichts wünschen sie sich mehr als das ihr „Knirps“, wie sie ihn liebevoll schon vor der Geburt nennen, in Frieden aufwächst. Ihr Wunsch verhallt in der Welt, in der sie leben. Seit ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland haben sie im Pariser Quartier ein neues Zuhause gefunden. Doch die Angst vor dem Krieg zersetzt ihr Viertel. Es herrscht ein Klima des Misstrauens, das junge Paar wird denunziert, und während ihr Sohn zur Welt kommt, wird Edvard interniert und in das Lager „La Macabre“ gebracht. Er kann sich befreien, doch ist es für die drei ein weiter und gefährlicher Weg bis nach Lissabon, von wo aus sie auf ein Schiff nach New York gelangen wollen.

Iwan Heilbuts kraftvoller Roman, der bis heute auf Deutsch unveröffentlicht blieb, zeichnet ein erschütterndes Bild von der klaustrophobischen Enge in der französischen Metropole, die einst Rettung versprach und über Nacht zur Hölle wird für diejenigen, die vor den Nazis geflohen sind. Doch Zugvögel ist auch die Geschichte einer unerschütterlichen Hoffnung auf eine Zukunft jenseits des Terrors. Ein Zeugnis der größten Herzenswärme zweier Menschen, die das junge Leben ihres Kindes um jeden Preis schützen wollen.

Sylvia Asmus

Dr. Sylvia Asmus ist Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der DNB

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