Zerschnitten und zerstreut – oder Teilhabe für Viele?
Zum Welttag des Buches am 23. April 2026: Blick auf ein Blatt aus einer Gutenberg-Bibel in der Klemm-Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums:
Eine schöne Erwerbung
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Deutsche Buchgewerbemuseum erhebliche Kriegsverluste zu beklagen. Zudem waren die wertvollsten Inkunabeln und Alten Drucke sowie einige Handschriften der Klemm-Sammlung, fast die gesamte Einbandsammlung sowie die Zeugdrucksammlung von sowjetischen Kulturoffizieren nach Moskau überführt worden.
In der Zeit ab 1944 und in der langen Nachkriegszeit versuchte das Museum, die Verluste auszugleichen, ab 1952 auch mit Hilfe der Deutschen Bücherei, dessen Abteilung das Museum inzwischen geworden war. Diese Geschichten haben wir in zahlreichen Publikationen, z.B. im Band „Tiefenbohrung[1]“ sowie daraus erwachsenen Blogbeiträgen erzählt.
Der Verlust der Gutenberg-Bibel aus Heinrich Klemms Sammlung schmerzte natürlich am meisten, und es war ganz klar, dass sich mit den beschränkten Mitteln der DDR-Zeit niemals ein „Ersatzexemplar“ beschaffen lassen würde.
Deshalb war die Freude groß, als sich 1956 die Möglichkeit ergab, beim Antiquariat Menno Hertzberger in Amsterdam ein Einzelblatt aus einem Papierexemplar der Gutenberg-Bibel zu erwerben. Der Ankauf wurde über den Deutschen Buchexport Leipzig abgewickelt – es waren dafür „Devisen“ nötig, genauer gesagt 2.300 Gulden.
Das Blatt kam in einer roten Mappe mit dem Aufdruck „A leaf from the Gutenburg Bible (Mainz about 1450)“ an und wurde am 21. August 1956 ins Zugangsbuch der Klemm-Sammlung eingetragen. Der Text wurde als Makkabäer I, Ende des Kapitels 9 und Vers 1-44 von Kapitel 10 identifiziert. Es handelt sich hier um Blatt 171 aus dem ehemaligen zweiten Band. Die jeweilige Kapitelüberschrift – hier MACHABEORUM – wurde zur Entstehungszeit des Druckes von Hand mit roter und blauer Tinte eingefügt und zwar BEORUM auf der Vorderseite (recto) und MACHA auf der Rückseite (verso) des beidseitig bedruckten Blattes.
Der Druck auf dem Blatt wurde von Hand rubriziert, also mit Hervorhebungen in roter Tinte versehen. Neben den Kolumnentiteln gibt es weitere Merkmale, die nur dieses Exemplar aufweist, wie vom Rubrikator eingefügte Großbuchstaben (Lombarden) und die noch erkennbare Rotfärbung des Buchschnitts. Auf der Recto-Seite beginnt die Zeile 34 mit einer roten Lombarde E, die wiederum zeitgenössisch von Hand eingefügt wurde.


Auch Merkmale, die der ganzen Auflage auf Papier eigen sind, finden sich auf unserem Blatt, so das Wasserzeichen des Papiers. Das Wasserzeichen „Ochsenkopf mit Stange und Stern“ weist auf einen Produktionsort des Papiers im Piemont, bei Caselle, um 1450 hin. Gutenberg hatte die Bibel zunächst auf Pergament gedruckt. Das erwies sich aber schnell als sehr kostspielig, so dass er nur 30 Exemplare auf Pergament, den Rest der Auflage (150 Exemplare) aber auf Papier druckte. Er bezog das Papier für seinen Bibeldruck somit aus Oberitalien. Offensichtlich bevorzugte er die Qualität dieses Papiers gegenüber dem in Deutschland gefertigten Papier der damaligen Zeit. Selbstverständlich sind auch die Zeilenzahl und die Anordnung der Drucktypen auf diesen Seiten in der ganzen Auflage vergleichbar.
Der Text ist in zwei Spalten zu je 42 Zeilen gesetzt. Abweichungen in der Zeilenzahl können vorkommen.[2][3] Die Gutenberg-Bibel wurde mit den von Gutenberg entwickelten beweglichen Lettern gedruckt. Diese waren nach der Textura (einer kalligrafisch ausgeformten Buchhandschrift) gestaltet, so dass Gutenbergs erster Druck die Anmutung einer Bibelhandschrift vermittelt.
Die Maße unseres Blattes sind 307 x 445 mm, das Seitenverhältnis beträgt 1,45:1, die bedruckte Fläche hat dasselbe Seitenverhältnis und wurde aus der Mitte verschoben, um einen weißen Rand im Verhältnis 2:1 zu erhalten – sowohl horizontal als auch vertikal.[4] Der Text auf diesem Blatt wurde in 42 Zeilen gesetzt.
Lange Zeit blieb es unklar, aus welchem Papierexemplar das Blatt stammte. Nachfragen des Museums beim Antiquariat Hertzberger ergaben, dass in Amsterdam die Herkunft des Blattes nicht bekannt war. Ein über mehrere Jahre laufender Briefwechsel aus den 1950er Jahren, der im Archiv des Museums dokumentiert ist, belegt dies.[5]
Erst 2012 wurde die Frage nach der Herkunft des Blattes wieder aufgeworfen, und ein Mailwechsel mit dem Buchwissenschaftler Eric Marshall White (*1965) brachte schließlich neue Erkenntnisse. Voraussetzung für die Zuordnung war das verstärkte Aufkommen von Digitalisaten der weltweit verstreuten Gutenberg-Bibeln und deren Fragmenten. Die dadurch entstandenen immensen Vergleichsmöglichkeiten im Internet halfen zu erkennen, dass es sich um ein Blatt des sogenannten „Noble Fragment“ handelte. Eric M. White konnte diese Zuordnung anhand eines Scans unseres Fragments mit einiger Sicherheit vornehmen.
Ein Bücherschicksal
Die spezifischen Merkmale weisen das Blatt als Teil derjenigen Gutenberg-Bibel aus, die im 18. Jahrhundert zunächst im Besitz von Maria Elisabeth Augusta von Sulzbach (1721-1794), danach der Mannheimer Hofbibliothek war.[6] 1803 wurde die Mannheimer Hofbibliothek der Königlichen Staats- und Centralbibliothek in München eingegliedert, damit kam auch die Bibel nach München. 1804 beschreib der Hofbibliothekar Johann Baptist Bernhart (1759-1821) das Mannheimer Exemplar in einer Publikation über die drei damals vorhandenen Gutenberg-Bibeln in der Münchener Bibliothek:
„Die churfürstliche Zentralbibliothek besizt von dieser äusserst seltenen Bibel drey Exemplare, jedes in zwey Bände abgetheilt, und auf Papier gedruckt. Eines erhielt sie aus der Mannheimer Bibliothek, welche der churfürstlichen Zentralbibliothek zum grössten Theil einverleibt wurde. Das zweyte verwahrte die Bibliothek des aufgelösten Chorstiftes Rottenbuch: diese beide sind nicht ganz wohl erhalten; denn dem Mannheimer Exemplar fehlen 53 Blätter, und über diess sind sehr viele Anfangsbuchstaben der Bücher, welche auf Goldgrund gemahlt waren, herausgeschnitten; auch hat dasselbe viele andere schadhafte Blätter.“[7]
Bernhart fand die Bibel also schon unvollständig und mit Beschädigungen vor. Auch stellte er fest, dass das Bibelexemplar aus Kloster Rottenbuch vom Druck her weitgehend mit dem Mannheimer Exemplar übereinstimmt. Beides lieferte offenbar 1832 die Begründung für die Münchener Hofbibliothek, das Mannheimer Exemplar als Dublette abzugeben. Auch den Bibliothekaren der Zeit war es durchaus bewusst, das jedes Exemplar des ersten Druckes mit beweglichen Lettern von Gutenberg Abweichungen aufweisen konnte, denn die Setztechnik wie auch der Umgang mit Fehldrucken oder zu einem kompletten Exemplar fehlenden Druckseiten mussten erst erprobt werden.
Nach dem Verkauf gelangte das Mannheimer Exemplar in die Sammlung des englischen Bibliophilen Robert Curzon 14th Baron Zouche (1810-1873). In dessen Familie verblieb die Bibel bis 1920. Nach Robert Curzon war dessen Sohn Robert Curzon, 15th Baron Zouche (1851-1915) im Besitz der Gutenberg-Bibel, danach dessen Cousine Darea Curzon, 16th Baroness Zouche (1860-1917). Nach deren Tod ging die immer noch fast vollständige Gutenberg-Bibel an Mary Cecil Frankland, 17th Baroness Zouche (1877-1965).[8]
Schon 1900 beschrieb Paul Schwenke (1853-1921) in seinem Zensus der damals bekannten Exemplare der Gutenberg-Bibel das Mannheimer Exemplar erneut und bezog sich dabei auf Bernhart, ohne aber den gegenwärtigen Privatbesitz zu erwähnen:
Nr. 41: „Exemplar der Kurpfälzischen Bibliothek in Mannheim. Es fehlen 53 Blätter und viele Initialen. Kam 1803 nach München und wurde von da 1832 als Dublette verkauft. Von Bernhart a.a.O. beschrieben als im Druck ganz mit dem Münchener Exemplar (Nr. 9) übereinstimmend.“[9]
1920 ließ die letzte Erbin Mary Cecil Frankland (1875-1965), ohne bibliophiles Interesse an dem alten Buch, das Exemplar am 9. November 1920 bei Sotheby, Wilkinson & Hodge in London versteigern.[10]
Ein Londoner Kunsthändler ersteigerte die Bände, wahrscheinlich schon im Auftrag des Antiquars Gabriel Wells (1862-1946) in New York.
Ein erfolgreicher Geschäftsmann
Gabriel Wells, 1862 als Gabor Weisz in Balassagyarmat, Ungarn, geboren, war in seiner Heimat in Schwierigkeiten geraten und wanderte auf der Suche nach einem Neuanfang in die Vereinigten Staaten aus. 1894 kam er in Boston an. Nach einigen Wanderjahren und drei Jahren als Student und Tutor an der Harvard University begann er, als Buchhändler zu arbeiten. 1905 wurde er US-Bürger. Seine geschäftlichen Erfolge versetzten ihn in die Lage, sich eine Buchhandlung in der sogenannten „Book Row“ in New York einzurichten.
Dank zahlungskräftiger Kunden mit bibliophilen Interessen und der Entwicklung der Kommunikationsmedien konnte sich der US-amerikanische Antiquariatsbuchhandel zwischen 1880 und 1929 (dem Jahr der Großen Depression) zu einem lukrativen und vielfältigen Geschäftszweig entwickeln. Wells hatte Erfolg und gehörte bald zu den wichtigsten Antiquariatsbuchhändlern in New York.
Für seinen Erfolg und unsere Geschichte ist ein weiteres Detail entscheidend: Das People’s Budget 1909/1910 der liberalen britischen Regierung sah unter anderem eine Erhöhung der Erbschaftssteuern für Vermögende vor. Viele reiche Bibliophile verkauften daraufhin besonders teure Stücke, um ihre Nachkommen nicht mit hohen Erbschaftssteuern zu belasten.
Wells war einer von vielen amerikanischen Händlern, die diese besonderen Gelegenheiten zum Kauf seltener Bücher auf ihren jährlichen Einkaufstouren nach Europa nutzten. Als wohlhabender Geschäftsmann konnte er nun auch seine Verwandten in Ungarn unterstützen und ihnen geschäftliche Möglichkeiten sowohl in Ungarn als auch in den USA eröffnen.
Ein spektakulärer Kauf im Jahr 1912 in London hatte Wells zu großer Aufmerksamkeit verholfen. Eine Ausgabe des Rubáiyát von Omar Khayyam war im Auftrag von Sotheran’s mit einem extravaganten, mit Juwelen besetzten Einband versehen worden und wurde nun zu einem hohen Preis zum Verkauf angeboten. Da sich in Großbritannien kein Käufer fand, wurde das Buch in die USA geschickt. Aufgrund von Zollstreitigkeiten erreichte das Buch den Händler dort jedoch nicht und musste nach London zurückgesandt werden.
Sotheran’s verkaufte den Band daraufhin zu einem viel günstigeren Preis an Gabriel Wells. Dieser gab das Buch einem Privatmann mit auf dessen Überfahrt in die USA, um weitere Zollprobleme zu umgehen. Das Schiff war die Titanic. Das Buch ging verloren, doch Wells’ Name wurde damit im Antiquariatsbuchhandel allgemein bekannt.
Seine bibliophilen Interessen waren jedoch bei weitem nicht so ausgeprägt wie seine geschäftlichen. Zum Erstaunen der Fachwelt erstellte er keine Kataloge und besaß nicht einmal die für Antiquare übliche Handbibliothek. Dennoch hatte er Erfolg.[11]
Auf einer seiner jährlichen Reisen nach England erfuhr Gabriel Wells, dass Mary Curzon Frankland, die uns schon bekannte Besitzerin des Mannheimer Exemplars der Gutenberg-Bibel, diese und andere wertvolle Bücher aus dem Familienbesitz zur Auktion geben wollte. Die Beschädigungen machten die Bibel von Gutenbergs Hand nicht weniger wertvoll. Alle heute noch existierenden Exemplare haben ihre Geschichte, kaum eines hat in perfektem Zustand überlebt.
Der finanzkräftige Wells schickte deshalb den Londoner Kunsthändler Frank Sabin am 9. November 1920 zur schon erwähnten Auktion bei Sotheby, Wilkinson & Hodge. Die Bibel der Curzons war als Lot 70 gelistet, und Sabin konnte sie für 2.750 Pfund erwerben. Das war im Vergleich mit anderen spektakulären Verkäufen von Gutenberg-Bibeln in dieser Zeit ein recht moderater Preis[12] – erklärt durch die Beschädigungen, die, wie wir von Bernhart[13] wissen, schon 1804 vorhanden waren und nicht erst in der Zeit des Familienbesitzes entstanden. Ein weiterer Grund für den günstigen Preis war, dass die Herkunft der Bibel vor Robert Curzons Erwerb im Vorfeld der Auktion von 1920 nicht geklärt war bzw. entsprechende Angaben dazu im Katalog fehlten.
Gabriel Wells konnte 1921 auf seiner jährlichen Reise nach Europa die Bibel von Frank Sabin wie geplant erwerben und nach New York mitnehmen. Für die geschäftliche Verwertung hatte er sich gemeinsam mit seinem bibliophilen Freund und Fachautor A. Edward Newton (1864-1940) etwas Besonderes überlegt. Er zerlegte die Bibel in Einzelblätter oder einzelne biblische Bücher und verkaufte diese Fragmente separat. Dazu schrieb Newton einen kurzen Essay, der unter dem Titel „A noble fragment being a leaf of the Gutenberg Bible 1450 1455“ den Fragmenten jeweils beigefügt wurde.[14]
In seinem kurzen Text rechtfertigte Newton den Akt des Zerlegens des wertvollen Buches mit einer etwas gewundenen Argumentation. Er ging nicht auf die Herkunft der beigefügten Fragmente ein. Der Begriff „Noble fragment” bezog sich demnach nicht auf den früheren Adelsbesitz des Exemplars am Mannheimer Hof (der offenbar noch gar nicht erforscht war), sondern ganz allgemein auf die edle Vollkommenheit und Aura der Gutenberg-Bibel, aus der die einzelnen Fragmente stammen.
Im Hinblick auf die unglaublichen Preise, die ganze Exemplare der Gutenberg-Bibel in der damaligen Zeit erzielt hatten, stellte er fest, dass diese Raritäten folgerichtig in Privatsammlungen und reichen Museen unter Verschluss gehalten würden. So habe niemand mehr die Gelegenheit, ein Exemplar oder auch nur ein Blatt der Bibel in den Händen zu halten und die besondere Aura der vollendeten Druckkunst Gutenbergs zu spüren. Dann zog er den schlechten Gesamtzustand der beiden Bände als wichtigen Grund für die Zerlegung heran.
„The Bible from which this fragment was extracted was itself imperfect, chiefly in that it lacked a number of pages. There were, too, a few pages from which some ruthless hand had cut out a number of the brightly colored initial letters. Where they occur, these pages have been so skillfully restored that only the most searching examination will reveal which they are. Had the book been perfect, or even had it lacked only a few pages which could be supplied in facsimile, as is usually done in books of great value, it would have been an act of vandalism to remove the leaves from the almost contemporary leather covers which have for so many centuries protected them.“[15]
In Verbindung der beiden eigentlich widersprüchlichen Gedankengänge versuchte er offenbar, die Zerlegung des imperfekten Exemplars als demokratischen Akt der Zugänglichmachung von wertvollem Kulturgut für breitere Schichten zu rechtfertigen.
Von Gabriel Wells wurde pro Blatt schließlich ein Preis von 150 Dollar bzw. im Falle von früheren Beschädigungen 100 Dollar, aufgerufen. Das war zu der Zeit durchaus mit dem Monatslohn eines Arbeiters vergleichbar, also auch nicht wirklich günstig.[16] Es konnte aber immerhin von weniger vermögenden Einrichtungen oder von interessierten Privatpersonen, vielleicht aus bildungsbürgerlichen Kreisen, erworben werden. Folgerichtig sind die Fragmente in Bibliotheken, Museen und Privatsammlungen fast überall auf der Welt zu finden.
Ein gutes Geschäft für den Antiquar war es allemal.
In seinen 1927 erschienenen „Erinnerungen eines Antiquars” schrieb Martin Breslauer über den Handel mit Exemplaren der Gutenberg-Bibel:
„Da inzwischen ein amerikanischer Buchhändler ein unvollständiges Exemplar dieser Bibel aufgeteilt und die Blätter vereinzelt hat, sind die Preise niedriger geworden.”[17]
Für seine Berufskollegen war diese Idee also viel weniger erfreulich.
Heute sind die Preise der einzelnen Blätter auf dem Antiquariatsmarkt wieder stark gestiegen – wohl durch die immer besseren Möglichkeiten, die „Noble Fragments“ und ihre facettenreiche Geschichte zu erforschen. Online finden sich Angebote großer Antiquariate mit Preisen um die 140.000 Euro – ein Spitzenpreis für ein Inkunabelblatt, wenn auch komplett mit Essay und originaler Mappe.
Im Museum
Auch das Deutsche Buch- und Schriftmuseum als vergleichsweise schlecht ausgestattetes, von herben Kriegsverlusten wie eben der Gutenberg-Bibel, betroffenes Museum in der DDR, konnte letztlich über einen Umweg von Gabriel Wells‘ Geschäftsidee profitieren.
In der musealen Vermittlung wurde das Blatt stets als Ersatz für die verlorene Gutenberg-Bibel der Klemm-Sammlung gezeigt und als das auratische Objekt gefeiert, das es auch heute noch ist. Die Qualität des Papiers, die frische und tiefe Schwärze der Druckfarbe sowie die höchstwahrscheinlich aus Gutenbergs Presse stammende Quetschfalte sind nur am Original sinnlich erfahrbar.
Inzwischen kennen wir fast alle Zusammenhänge, seine Herkunft und sein Schicksal.

Nur für die Zeit zwischen der Zerlegung 1921 und dem Verkauf bei Menno Hertzberger in Amsterdam 1956 haben wir keine Informationen über den Weg des Blattes. Der Essay war beim Ankauf nicht enthalten, und auch die mitgelieferte rote Mappe mit ihrer Beschriftung und der amerikanisierten Schreibweise des Namens Gutenberg als „Gutenburg“ entspricht nicht der ursprünglich für die meisten Konvolute im Jahr 1921 angefertigten Mappe. Diese war, wie zahlreiche Digitalisate im Netz zeigen, mit schwarzem Maroquin-Leder bezogen und in gebrochener Schrift bedruckt. Aber auch andere Varianten der Mappe sind zu finden. Wahrscheinlich wurden diese von den Käufern beauftragt.
Möglicherweise kann uns die rote Mappe auf die Spur der Provenienz unseres Blattes nach 1921 bringen, die auf Grund der wechselvollen europäischen Geschichte dieser Jahre hinterfragt werden muss.
Die Mappe ist eine Buchbindearbeit aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Deckel sind mit rotem Kaliko bezogen. Innen befinden sich drei eingeklappte Teile, die das Blatt umfassten. Der Essay war beim Ankauf nicht enthalten. Die goldgeprägte Aufschrift „A LEAF OF THE GUTENBURG BIBLE (MAINZ ABOUT 1450) wurde in Antiqua-Versalien gesetzt.
Auf dem vorderen Spiegel der Mappe ist mit Bleistift notiert, welche Bibelstelle auf dem gedruckten Originalblatt zu finden ist. Die Art der Notiz deutet auf eine Herkunft aus dem angloamerikanischen Raum hin. Darunter wurde, bereits im Museum, eine Notiz zum Objekt eingeklebt.[18]


Eine Geschichte der Verzeichnung
Mit Blick auf die umfassenden Möglichkeiten der digitalen Objektrecherche können wir uns vorstellen, dass die weltweit verstreuten „Noble fragments“ der Mannheimer Gutenberg-Bibel eines Tages komplett virtuell zusammengeführt werden und dass eine Karte ihren Verbleib in öffentlichen Sammlungen dokumentiert.
Frühere, analog arbeitende Bibliografen konnten der Masse der durch Wells‘ Aktion entstandenen Fragmente nicht gerecht werden. Schon der Buchwissenschaftler Paul Needham hatte 1985 die hunderte verstreuten „Noble Fragments“ aus seinem Zensus ausgeschlossen und erwähnte unter der Nummer P18 nur, dass G. Wells‘ Exemplar (Mannheim) „broken up“ war.[19]
In einem Zensus, den Gerhardt Powitz (1930-2020) im Jahr 1990 – lange nach der Zerlegung, aber noch vor dem Zeitalter der digitalen Bibliothekskataloge – erstellte, las sich die Eintragung zum Mannheimer Exemplar dann wie folgt:
„Zerlegte Exemplare
47 Ehemals Mannheim, Hofbibliothek. Papierexemplar. Im 18. Jahrhundert im Besitz von Maria Elisabeth Augusta von Sulzbach, Gemahlin des Kurfürsten von der Pfalz, Karl Theodor. 1832 als Dublette der Münchener Hofbibliothek versteigert. Teile des Exemplars in den Vereinigten Staaten und in der Sammlung Otto Schäfer, Schweinfurt.“[20]
Mit der Ausstellung „Disbound and dispersed“ schließlich, die vor mehr als zwanzig Jahren vom Grolier Club organisiert und von 2005 bis 2006 in mehreren amerikanischen Bibliotheken gezeigt wurde, hatte man schließlich das Zerlegen wertvoller Bücher zum Thema gemacht. Unter der Katalognummer 18 waren sieben Exemplare der „Noble fragments“ aus amerikanischen Bibliotheken gelistet.[21] Seither haben sich die Recherchemöglichkeiten für Bibliografen, Antiquare, Sammler, Museen und alle interessierten Laien noch einmal deutlich erweitert.
Unser Blatt ist im elektronischen Katalog der DNB unter https://d-nb.info/1066966540 verzeichnet. Die Digitalisate beider Seiten des Blattes und der Mappe werden derzeit verlinkt und sind dann international sichtbar.
Eine strukturierte Verzeichnung der bisher bekannten Herkunftsstationen des Exemplars ist bereits erfolgt, ist jedoch in dieser Version des Portalkataloges noch nicht zu sehen.
Gerne liefern wir allen künftigen bibliografischen Vorhaben die Daten und Digitalisate unseres Blattes, dessen Geschichte noch lange nicht auserzählt ist.
Bettina Rüdiger
Bettina Rüdiger ist Sammlungsleiterin für das Buch vor 1900 und der Fachbibliothek im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.
[1] Tiefenbohrung : eine andere Provenienzgeschichte. Berlin 2022, darin u.a.: Begehrte Trophäen : 1945 Bestände in Moskau / Bettina Rüdiger. S. 174-183 und Bettina Rüdiger und Emily Löffler, „Mein armes Buchmuseum“ : 1944 Wiederaufbau. S. 154-163
[2] Zum Druckprozess der Gutenberg-Bibel vgl.: Eric Marshall White: Johannes Gutenberg. London 2025, Four, The work of books, S. 89-118.
[3] Zur Gutenberg-Bibel vgl. auch. G. Franz, Bibel mit 42 Zeilen. In: Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Auflage, Stuttgart Bd. 1.1985, S. 347-349
[4] Etwaige Beschneidungen des Druckbogens beim Einbinden sind bei jedem Exemplar der Gutenberg-Bibel individuell unterschiedlich, ändern aber hier grundsätzlich nichts an den von Gutenberg gewählten Proportionen.
[5] Briefwechsel im Abteilungsarchiv DBSM, 1954-1957.
[6] Zum Provenienzgang des Mannheimer Exemplars vgl. auch das Katalogisat eines weiteren Blattes aus diesem Exemplar in der Princeton University Library, wo Eric White zwischen 2015 und 2020 Kurator der Rare book collection war: https://catalog.princeton.edu/catalog/9928875433506421. (Abgerufen am 26.03.2026).
[7] Bernhart, Johann Baptist: Historisch-kritische Untersuchung über das Daseyn, die Kennzeichnung und das Alter der von Ioh. Guttenberg und Ioh. Faust in Mainz gedruckten lateinischen Bibel etc. etc. : (Fortsetzung). In:Beyträge zur Geschichte und Literatur, vorzüglich aus den Schätzen der Königl. Hof- und Centralbibliothek zu München 3.1804,12 49-83 (=2. Teil), S. 70-71.
[8] Zur Provenienz zusammenfassend: Christopher de Hamel, The leaf book. In: Disbound and dispersed, Chicago 2005, S. 14. Zu den einzelnen Mitgliedern der Familie Curzon vgl. auch Michael Visontay, Noble Fragments. Melbourne u.a. 2024, S. 21-22.
[9] Schwenke, Paul: Untersuchungen zur Geschichte des ersten Buchdrucks. 1900. (Nr. 41, Seite 8).
[10] Catalogue of a selected portion of the celebrated library at Parham, Pulborough, Sussex, the property of the Right Hon. Baroness Zouche of Haryngworth … : which will be sold by auction … on Tuesday, the 9th of November, 1920. Lot 70.
[11] Zu Gabriel Wells und sein Antiquariat vgl. das Kapitel „The merchant and the scholar“, in: Visontay, S. 5-20.
[12] Visontay, S. 22.
[13] Bernhart, S. 70-71.
[14] A noble fragment being a leaf of the Gutenberg Bible 1450 1455. With a bibliographical essay by A.Edward Newton. New York, Gabriel Wells 1921.
[15] Ebenda, Essay S. [3]. Übersetzung: Die Bibel, aus der dieses Fragment stammt, war selbst unvollständig, vor allem weil eine Reihe von Seiten fehlte. Außerdem gab es einige Seiten, aus denen eine rücksichtslose Hand eine Reihe der farbenprächtigen Initialen herausgeschnitten hatte. Wo dies der Fall ist, wurden diese Seiten so gekonnt restauriert, dass nur eine äußerst genaue Untersuchung erkennen lässt, um welche es sich handelt. Wäre das Buch vollständig gewesen oder hätten ihm nur wenige Seiten gefehlt, die durch Faksimiles ersetzt werden könnten, wie es bei Büchern von großem Wert üblicherweise geschieht, wäre es ein Akt des Vandalismus gewesen, die Blätter aus den fast zeitgenössischen Ledereinbänden zu entfernen, die sie seit so vielen Jahrhunderten geschützt haben.
[16] Visontay, S. 25.
[17] Martin Breslauer: Erinnerungen eines Antiquars. Berlin 1927, S. 27.
[18] Gern würden wir mehr über die Herkunft der roten Mappe erfahren – wer dazu anhand der hier gezeigten Fotos etwas sagen kann, ist eingeladen, uns unter dbsm-info@dnb.de zu kontaktieren.
[19] Paul Needham: The paper supply of the Gutenberg Bible. In: The papers of the Bibliographical Society of America. 79.1985,3, S. 303-374.
[20] Gerhardt Powitz: Die Frankfurter Gutenberg-Bibel : ein Beitrag zum Buchwesen des 15. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1990, Seite 132, Zensus Nr. 47.
[21] John P. Chalmers: A checklist of leaf books. In: Disbound and dispersed. Chicago 2005, Nr. 18, S. 110.






