Zwei Städte, zwei Buchmessen …

20. Oktober 2022
von Elke Jost-Zell

… heute aus Frankfurt am Main

„It was the best of times, it was the worst of times …“

Die einleitenden Sätze von Charles Dickens‘ Roman A tale of two cities (Die Geschichte zweier Städte) kommen mir in den Sinn, wenn ich an Zeiten der Krisen und Kriege denke. Zwei Städte – in Dickens‘ dramatischer Erzählung sind dies London und Paris zur Zeit der Französischen Revolution.

Denke ich in diesen Oktobertagen an zwei Städte, die durch die turbulente deutsche Geschichte miteinander verbunden sind, so sind es die beiden alten Handelsstädte Leipzig und Frankfurt am Main. Das glückliche Literaturland Deutschland hat nicht nur in jeder der beiden Städte ein Haus seiner Nationalbibliothek, sondern auch je eine Buchmesse.

Tradition

Buchmesse 2022
Das Literaturfest im Oktober – die Frankfurter Buchmesse
Foto: Elke Jost-Zell, Deutsche Nationalbibliothek, CC BY SA 3.0

Die ältere Buchmesse ist die in Frankfurt mit ihrer über 500-jährigen Tradition. In der Nachbarschaft von Mainz, der Bücherzauberer Johannes Gutenberg, dem bahnbrechenden Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern, und den ausführenden Druckern Johannes Fust, Peter Schöffer und Konrad Henckis, wurde die Frankfurter Messe zum Dreh- und Angelpunkt des neuen Verlagsbuchhandels, der den Handel mit Handschriften im 15. Jahrhundert allmählich ablöste. Doch Leipzig, als Messestadt jünger, holte im 17. Jahrhundert gewaltig auf, und anno 1632 überstieg die Zahl der dort vorgestellten Neuerscheinungen erstmals die der Frankfurter Messe. Erst nach Kriegsende 1945 wurde es in Leipzig stiller, während die Frankfurter Buchmesse groß und größer wurde und sich allmählich in die größte Buchmesse der Welt verwandelte.

The Mess and the Messies

Wenn in Frankfurt Big Business die Messe taktet und sich Halle um Halle mit alten und neuen Medien füllt, sprechen englischsprachige Fachbesucher heimlich, aber liebevoll von The Frankfurt Mess (sinngemäß: das Frankfurter Durcheinander) und passionierte Buchmessenbesucher*innen titulieren sich fröhlich als Book Messies. Nun wurde es höchste Zeit für Leipzig, eigene Akzente zu setzen! Als Publikumsmesse (alle sind immer willkommen, es gibt keine Tage nur für Fachbesucher) förderte sie fortan nicht nur die innige Beziehung zwischen Buch und Leser*in, sondern auch die zwischen Leser*in und Autor*in. Seit 1973 findet sie im Frühling statt – Leipzig blüht, die Atmosphäre ist entspannt, die Messelandschaft überschaubar, es gibt Lesezelte, die Büchermenschen sind zum Anfassen und Ansprechen nahe. Und wenn man keine lesenden Messebesucher*innen oder vorlesenden Autor*innen trifft, kann es einem passieren, dass man vor der Rolltreppe auf eine Bienenkönigin stößt, die gerade in ihr plüschiges Kostüm schlüpft. Oder man hört den Schwertschwung zweier Manga-Ritter im Duell, weicht fix aus und findet sich gleich danach hinter Arielle, Poison Ivy und Peter Pan in einer Schlange vor den Bücherständen. Denn in Leipzig findet in der Buchmessen-Zeit nicht nur das Lesefest Leipzig liest und die Leipziger Antiquariatsmesse statt, sondern auch die Manga-Comic-Con. Und so ist Leipzig für vier Tage das Eldorado für Cosplayer und ihre Bewunderer, und zu der lauschigen Leseatmosphäre gesellt sich ein Flair von Fantasy.

Lob und Preisungen

Die Frankfurter Buchmesse feiert die Literatur weiterhin im klassischen Lese-Herbst mit buntblättrigen Bäumen und zartem Rauchduft in der Luft. Dieses Jahr stehen die Literatur und Kultur des Gastlandes Spanien im Scheinwerferlicht, mit einem eigenen Pavillon und royalem Besuch. König Felipe VI. und Königin Letizia eröffneten gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender die Messe.

Kurz vor der Messe wird der Nobelpreis für Literatur vergeben, was bei den Ständen der glücklichen Verlage, die Literatur de* jeweiligen Preisträger*in im Programm haben, für erfreulichen, aber auch erheblichen Stress sorgt, denn erfahrungsgemäß steigt die Nachfrage nach den Büchern gleich nach der Bekanntgabe enorm. Hoffen wir, dass die verlegerischen Glückspilze, wie der Suhrkamp-Verlag, genügend Bücher-Exemplare der diesjährigen Preisträgerin Annie Ernaux auf Lager haben! Auch der Deutsche Buchpreis wird verliehen, der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels und der Deutsche Jugendliteraturpreis, und damit diesmal u.a. an die Künstler Kim de l’Horizon und Serhij Zhadan.

Auch die Leipziger Buchmesse ist ein Schauplatz wichtiger Verleihungen – nach der für Bücherfreunde und Cosplayer schmerzhaften dreijährigen Pandemie-Pause freuen wir uns, wenn der Preis der Leipziger Buchmesse, der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und der Leseförderpreis Leipziger Lesekompass im Mai 2023 wieder vergeben wird und die Messe als Gastland Österreich begrüßt. Natürlich hat die schillernde Manga- und Anime-Gemeinde zwischenzeitlich auch Frankfurt erobert und bezaubert nun auch hier die Messebesucher mit ihren unerschöpflichen Kostümkreationen.

Im Hier und Jetzt

Die beiden Buchmessen sind Schwestern, sie gehören zwischen die Deckel desselben Buchs und stehen in einem Regal auf Augenhöhe mit den Leser*innen, der echten wahren Zielgruppe. Und so feiern sie nicht nur die Liebe zum Lesen, sondern geben Zeichen, machen aufmerksam, richten das Augenmerk auf eine leise Branche, die allzu oft weit unter das Geräusch und Getöse des Weltgeschehens gedrückt wird.

2019 besuchten ~300 000 Besucher die ~7500 Stände der Frankfurter Buchmesse, ein Jahr später gab es die Messe pandemiebedingt nur virtuell, 2021 fand sie stark verkleinert, mit verbreiterten Gängen mit Abstandsregeln, Auflagen und nur zögerlichem Besucheraufkommen statt. In diesem Jahr schlagen ~4000 Aussteller ihre (Messe-)Zelte in der Mainmetropole auf, ukrainische Autor*innen erhalten eine Bühne, die ukrainische Verlagsbranche einen größeren Stand und russische Oppositionspolitiker die Gelegenheit zur freien Rede.

Auch wenn das Verlagswesen und der Buchhandel in Zeiten wie diesen in Nöten sind, unter der Inflation leiden und mit hohen Kostensteigerungen für Papier und Energie, für Druck und Produktion kämpfen, weitere enorme Energiekostenanstiege fürchten und die Zurückhaltung der Bücherkäufer, die dieselben Problemen haben, spüren – Bücher, Buchverlage, Buchhandlungen und Bibliotheken sind und bleiben wichtig, ja, essentiell!

Denn es ist gerade in Zeiten wie diesen so wohltuend zu lesen, zu reflektieren, zu forschen, zu lernen, sich für eine Weile zu verlieren in andere Welten, besonders, wenn man die eigene bedroht sieht oder als bedrohlich empfindet. Trotzen wir der Bedrohung. Seien wir trotzig. Nehmen wir das Buch von good old Charles Dickens, drehen den Satz herum und flüstern: „It was the worst of times, it was the best of times!“

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Foto: Elke Jost-Zell, Deutsche Nationalbibliothek, CC BY SA 3.0

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