Zwischen den Regalen- Gerda Raidt

15. Mai 2026
von Charlotte Horstmann

Liebe Frau Raidt, stellen Sie sich doch kurz einmal vor!

Gerda Raidt mit Buch an einem Arbeitsplatz im Großen Lesesaal.

Mein Name ist Gerda Raidt. Ich schreibe und zeichne Kinderbücher. Ich habe in Leipzig Illustration studiert und viele Bücher bebildert. Mittlerweile verstehe ich mich aber als Autorin. Ich schreibe jetzt eigene Bücher, breche darin oft schwierige Themen herunter und erzähle sie leicht verständlich Kindern weiter, die nicht viel Vorwissen haben, aber sehr wohl denken können. So eine Art sehr niedrigschwelliger Wissenschaftskommunikation, könnte man sagen. Ich lasse sie teilhaben am Nachdenken über die Situation und die Herausforderungen unserer Zeit. Ich schreibe unheimlich gerne, bin aber auch froh über meine grafische Ausbildung, denn die Mischung aus Text und Bild eröffnet neue Wege, Inhalte verständlich zu machen. Wir sind ein sehr visuelles Zeitalter.

Woran arbeiten Sie gerade?

Um etwas fremdwort- und voraussetzungsfrei in ganz einfachen Worten auszudrücken, muss man es sehr gut verstanden haben. Ich recherchiere hier für ein neues Kinderbuch, das wieder in Text und Bildern erzählt. Ich habe mich erst Umweltthemen gewidmet. In meinem letzten Buch habe ich mich mit sozialen Klassen beschäftigt und die Mechanik dahinter für Kinder im höheren Grundschulalter erklärt. Ich hoffe, dass es ihnen hilft, ihre jeweilige Situation klarer zu sehen, auch Worte dafür zu finden und sie vielleicht zu durchbrechen. Mit dem neuen Buch möchte ich Soziales und Umweltfragen verbinden und damit wieder Gedanken, die im gesellschaftlichen Diskurs bewegt werden und die mich sehr bewegen, ins Kinderbuch und damit in andere Gruppen der Bevölkerung, also in Familien und Schulen, hineintragen. Ich mache in meinen Büchern vor, wie man mit Kindern darüber sprechen kann und hoffe, damit auch Gespräche anzuregen. Manchmal schreiben mir Leute, dass das bei ihnen gelungen ist.

Gibt es ein bestimmtes Buch oder Thema, das Sie inspiriert hat, komplexe Themen für Kinder aufzubereiten?

Ich bin da so ein bisschen reingewachsen. Im Studium habe ich kleine Heftchen nach Texten von Tonfilm-Schlagern gezeichnet, und ohne dass mir das richtig bewusst war, haftete mir das „Historische“ dann an und wurde zu einem Profil. Ich wurde dann oft zu historischen Themen angefragt. Ein Buch, dass ich gemacht habe, hieß „Die Straße“. Eigentlich ein harmloses Wimmelbuch, es zeigt die Entwicklung einer Stadt über 100 Jahre. Ich habe überlegt, wie ich die Ära des Nationalsozialismus darstellen soll. Dann habe ich es einfach abgebildet. In einem jüdischen Laden wird die Scheibe eingeschlagen, Kinder marschieren uniformiert vorbei, Fahnen wehen. Denn das ist ja auch ein Teil der Geschichte. Ich habe gemerkt: Es berührt, wenn sich die Bilder anders verhalten, als man es normalerweise erwartet. Da habe ich entdeckt, dass das eine Kraft hat. Klartext reden in Text und Bildern. Später habe ich ein Kinderbuch über Müll gemacht. Da gibt es Bilder, wie der Müll heimlich illegal entsorgt wird. Oder wie der Müll im Meer schwimmt und sich die Tiere darin verfangen. Die verfangenen Tiere sind nur ganz am Rande zu sehen, das Elend ist nicht in all seiner Brutalität gezeigt, aber auch nicht weggelassen und beschönigt. Wenn ich Lesungen mache, dann erzählen die Kinder ganz viel zu diesen Bildern. Man muss vorsichtig sein, weil solche Bilder sie auch treffen, aber sie fühlen sich auch ernstgenommen. Seitdem ist das „Schwierige“ und „Politische“ im Kinderbuch mein Profil.

Warum arbeiten Sie gern in der DNB?

Ich kann mich am besten an die Inhalte erinnern, wenn ich das Buch in der Hand gehabt und auf dem Papier gelesen habe, brauche also möglichst ein Papierbuch in den Händen. Ich brauche aber auch den Ort. Ich habe vor vielen Jahren meine theoretische Diplomarbeit hier geschrieben, im großen Lesesaal. Ich weiß noch, dass ich mich erst gefühlt habe, als ob ich nur eine Rolle mime, die der ernsthaften Studentin. Aber dann habe ich die Rolle ausgefüllt und eine echte Diplomarbeit produziert. Der Ort hat mir geholfen. Danach habe ich jahrelang einfach nur an meinem Schreibtisch gearbeitet. Dort war ich allein und ungestört, so habe ich es empfunden, vor allem als meine Kinder klein waren und die Arbeitszeit so kostbar. Nun sind sie groß und die Schreibtischarbeit fühlt sich bisweilen isoliert an. Die Arbeitstage neigen dazu auszufransen. Es ist nicht leicht, ein festes Ende zu setzen. Es sind schwierige Zeiten und ich hing zwischen zwei Projekten ein wenig in der Luft. Da habe ich mich wieder auf die Bibliothek besonnen. Es tut gut, sich aus der Vereinzelung zu lösen und sich Halt in einer festen Struktur zu geben. Ich laufe morgens hin, nehme die Rolle der seriösen Autorin an und setze mich unter all die Lesenden, die auch jeweils an ihren Projekten arbeiten. Ich bin nicht allein, sondern Teil von etwas, aufgehoben in einer anonymen Gemeinschaft. Nachmittags klappe ich mein Buch zu, schalte das grüne Tischlämpchen aus, laufe wieder nach Hause und damit hat der Arbeitstag ein festes Ende. Es sind für mich schöne Tage. Zeichnen kann ich hier nicht, aber lesen, denken und schreiben geht sehr gut.

Welches Potenzial hat die Sammlung für Sie?

Hier gibt es jedes deutsche Buch, das in einer Literaturliste erwähnt wird. Es gibt keine thematische Begrenzung, was gerade bei meinem neuen Recherchethema wichtig ist. Es berührt geisteswissenschaftliche Aspekte, aber auch naturwissenschaftliche. Es gibt auch künstlerische Auseinandersetzungen damit und Kinderbücher, die es von verschiedenen Seiten streifen. All das kann ich hier finden. Die Einhegung der Fachgebiete, die auch das Denken verengt, wird ja gerade überall durchbrochen und aufgesprengt. Es gibt viele neuere Fächer, quer zur historischen Aufteilung. Eine interdisziplinäre Bibliothek ist eigentlich hochaktuell. Schade ist nur die nationale Begrenzung.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen oder was ist Ihr Lieblingsbuch?

In der Nationalbibliothek habe ich „Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler gelesen, ein tolles Buch. Außerdem Bücher von BiologInnen und PhilosophInnen, die mich alle ein bisschen mehr Sitzfleisch gekostet haben. Die historischen Stühle sind bisweilen eine Herausforderung für den Rücken. Außerdem habe ich Robin Wall Kimmerer: „Geflochtenes Süßgras“ entdeckt, das ich dann allerdings zu Hause auf dem Sofa zu Ende gelesen habe.

Wo fühlen Sie sich in der Bibliothek am wohlsten? Was ist Ihr Lieblingsplatz?

Es ist immer noch der große geisteswissenschaftliche Lesesaal. Er strömt in seiner alten Würde etwas Beruhigendes aus. In Deutschland und speziell Ostdeutschland gibt es viele Brüche. Diese Kontinuität hier hat etwas Tröstliches. Manchmal blicke ich auf und beobachte den Wechsel der Saalaufsicht. Seit über 100 Jahren wird dieser schweigende, leise raschelnde und klackernde Saal beaufsichtigt, mein ganzes Leben lang und inzwischen im 5. politischen System! Manchmal gelingt es mir hier für Momente, mich als Teil etwas Größeren zu fühlen. Es ist unser Wissen, das da leise klackert. Unser Gedächtnis, unsere Kultur. Ich nehme sie auf, lasse sie durch mich hindurchgehen und gebe auch wieder etwas ab. Was ich produziere, lagert sich dann wieder im Sediment des Bibliotheksarchivs ab, um vielleicht von anderen gefunden zu werden. Der kulturelle Stoffwechsel.

Und das ist jetzt ein blöder Gedankensprung, aber mir fällt ein: Ich finde auch das hellgrün gekachelte Klo sehr schön.

Arbeitsplatz von Gerda Raidt mit Buch und iPad
Gerda Raidts Arbeitsplatz im Großen Lesesaal: Ruhe, Buch und iPad. Bild: DNB/ Charlotte Horstmann

Haben Sie bestimmte Rituale, wenn Sie in der Bibliothek arbeiten?

In meinem ganzen Alltag gibt es Rituale, damit ich gut ins Arbeiten komme. Weil ich immer in Eigenregie eine Struktur durchhalten muss, damit ich am Ende des Tages auch etwas produziert habe, obwohl ich mir ja auch freinehmen könnte. Damit ich nicht jeden Tag neu darüber nachdenken muss, habe ich einen festen Arbeitstag-Rhythmus, der möglichst eingehalten werden muss, dann läuft es gut. Bibliothekstage sind auch so etwas. Hinlaufen, Garderobe, grünes Klo, dann Fächer, dann an den Platz setzen. Ich orientiere mich ein bisschen am Rhythmus der anderen: irgendwann wird der Raum unruhig, alle machen Mittagspause, dann gehe ich auch.  Man lässt sich vom Strom der anderen bewegen und spart so ein bisschen Kraft.

Sie erwähnten, dass Sie Kinderbücher zu schwierigen Themen schreiben. Welches war bisher Ihr persönlich herausforderndstes Thema?

Das letzte Kinderbuch, das ich gemacht habe, und zwar über soziale Klassen. Es war das erste Kindersachbuch, das dieses Thema für Kinder erklärt. In den letzten Jahren wurde viel darüber für Erwachsene geschrieben, für Kinder aber meist nur im fiktionalen Bereich, etwa dass Armut thematisiert wird. Ich wollte zeigen, wie man in eine soziale Klasse hineingeboren wird, wie sich das im Bildungsweg verfestigt und was man vielleicht dagegen tun könnte. Ich hoffe, dass es ihnen hilft, ihre jeweilige Situation klarer zu sehen, auch Worte dafür zu finden und sie vielleicht zu durchbrechen. Schwierig war es, weil man die Realität abbilden muss. Normalerweise meidet man im heutigen Kinderbuch Stereotype. Man besetzt Rollen eher bewusst gegen die Klischees, um Möglichkeiten zu zeigen und Denkräume zu erweitern. Hier ging es aber darum, die Welt zu zeigen, wie sie ist. Ich habe nach Statistik gezeichnet, um dazu beizutragen, sie zu ändern. Und das tut dann manchmal ein bisschen weh.

Wie finden Sie eine Balance zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und kindergerechter Verständlichkeit?

Es ist eine Übersetzungsarbeit, denke ich. Ich übertrage die akademische Sprache in Alltagssprache. Die Alltagssprache ist aber schwammiger. Ein Alltagswort hat viel mehr Bedeutungen als ein akademischer Fachbegriff. Also versuche ich, es einfach zu formulieren, überlege, ob die Aussage so noch stimmt und justiere nach. Man muss wirklich bei jedem Satz entscheiden, ob er die Färbung hat, die man haben will. Ich finde, nur wenige machen das gründlich. Kindersachbücher handeln zwar ein Thema ab, aber setzen oft ein hohes Niveau an, führen ständig neue Begriffe ein und werfen mit großen Zahlen um sich, die auch Erwachsene kaum fassen können. Oder mit Beispielen, die nur unterhalten, aber kaum etwas erhellen, nach dem Motto „Wusstest du schon, dass…?“ So eine Art von „Wissen“ verpufft. Es nützen auch niemandem korrekte Zahlen, die sich keiner merkt. Und muss jeder Laie die soundsovielte kleine Ausnahme von der Regel kennen? Ich schätze Vorbilder wie Logo! oder die Sendung mit der Maus, die die Kinder an der Hand nimmt und sich wirklich die Mühe macht, Inhalte verständlich zu erklären.

Es zeigt Gerda Raidt, wie sie auf den Eingangstreppen zur Bibliothek sitzt.
Ein sonniger Moment auf den Eingangstreppen der Bibliothek mit Gerda Raidt. Bild: DNB/ Charlotte Horstmann

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Bild: Charlotte Horstmann

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  • ISSN 2751-3238