Zwischen den Regalen – Maurice Göldner
In Zwischen den Regalen kommen Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek zu Wort. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen und aus unterschiedlichen Bereichen. Sie nutzen die Lesesäle in Leipzig und Frankfurt als Recherche, Arbeits- oder Lernort. Hier geben sie Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte. Heute: Maurice Göldner

Lieber Herr Göldner, stellen Sie sich doch kurz einmal vor!
Mein Name ist Maurice Göldner. Seit 2017 bin ich Professor für Schrift an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule in Augsburg (THA). Nach meinem Studium an der Burg Giebichenstein in Halle und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig habe ich mich auf Schriftgestaltung und Forschung im Bereich Schrift- und Typografiegeschichte spezialisiert. In Leipzig habe ich mit zwei Partnern einen Verlag für digitale Schriften gegründet, mit dem wir eigene Schriftdesigns veröffentlichen. Seit 2017 bin ich Professor für Schrift an der Fakultät Gestaltung der Hochschule in Augsburg. Dort beschäftige ich mich mit Schrift als identitätsstiftendes Element, als Werkzeug der Kommunikation und als künstlerisches Ausdrucksmittel.
Woran arbeiten Sie gerade?
Ich forsche an einem frühen Schriftkonzept, das in den 1950er Jahren an der damaligen Kunstschule und späteren Werkkunstschule der Stadt Augsburg (Teil der Vorgängerschule der THA) von dem Gebrauchsgrafiker Eugen Nerdinger entwickelt wurde. An der Ausarbeitung war maßgeblich die Schriftgestalterin Lisa Beck beteiligt. Das Konzept „Constructa“ wurde 1954 in der Publikation „Buchstabenbuch“ veröffentlicht. In der Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums befinden sich zwei Exemplare des Buches. Die Besonderheit dieses Schriftkonzepts liegt darin, Buchstabenabwandlungen mithilfe bestimmter Regelwerke durch einen mehrdimensionalen, verschränkten „Design Space“ zu steuern. Idee und Verfahren wurden technisch erst durch digitale Schriftformate wie Multiple Master (1990er Jahre) und Variable Fonts (ab 2016) umsetzbar. Die Abwandlungen beziehen sich auf eine „Mutterschrift“, die aus dem Schreiben heraus entwickelt wird. Das Konzept lässt sich als früher, vorausschauender Beitrag zur parametrischen Schriftgestaltung einordnen und wurde in Augsburg auch als didaktisches Mittel in der gebrauchsgrafischen Ausbildung eingesetzt. Zudem versuche ich in meiner Arbeit, Querverbindungen zum Handwerk der Schrift- und Schildermalerei zu ziehen und den Entwurf in seinen historischen Kontext einzubetten.
Im zweiten, praktischen Teil meines Projekts geht es darum, dieses Konzept in einen zeitgemäßen, variablen Font zu überführen und es damit in die Gegenwart zu holen.

Warum forschen Sie gern in der DNB?
Meine erste Berührung mit der Sammlung des Museums hatte ich während meiner Studienzeit, als der Lesesaal noch im alten Gebäude untergebracht war. Damals lief die Recherche mitunter noch über Zettelkataloge und Schriftmuster lagen in ganzen Sammelkisten verpackt. Inzwischen ist der Bestand deutlich zugänglicher geworden und ich arbeite gern im großzügigen Lesesaal des jüngsten Erweiterungsbaus. Auch die Ausstellungen des Museums greifen aktuelle Themen auf.
Welches Potential hat die Sammlung für Sie?
Der Bestand der DNB und speziell die Sammlung des Buch- und Schriftmuseums ermöglichen mir direkten Zugang zu schriftgeschichtlichen Originalen. Ich kann auf relevante Publikationen aus unterschiedlichen Zeiten zurückgreifen, seien es Schriftmuster, Firmenkataloge, Fachzeitschriften oder Schrift- und Schreibanleitungen. Hinzu kommt ein großes Nachlassarchiv von Personen aus Schriftgestaltung und Kunst. Gleichzeitig snd aber auch aktuelle Fachzeitschriften und Publikationen zur Recherche vorhanden. Diese Kombination bietet hervorragende Forschungsbedingungen, da sie die Themenbereiche von der Handschrift bis zur Druckschrift abdeckt.
Wo fühlen Sie sich in der Bibliothek am wohlsten? Was ist Ihr Lieblingsplatz?
Meistens bin ich im Lesesaal des Buch- und Schriftmuseums, weil ich dort auch mit den spezifischen Beständen und der Handbibliothek arbeiten kann. Der Lesesaal wirkt hell und durch seine Gestaltung wie eine „Raumschiffstation“. Das finde ich inspirierend und innerlich „öffnend“ – es fühlt sich wie eine Zeitkapsel an, in der ich mit dem Blick der Gegenwart in die Vergangenheit reisen kann. Ich mag die großen Fenster zum Deutschen Platz hin. Durch das Glas und den Blick auf den Gang fühle ich mich bei der Arbeit ein Stück weit mit dem Gebäude verbunden und im Jetzt verortet. Ein Gegenpol dazu ist der alte Lesesaal, in dem ich ab und an sitze, wenn ich die dortigen Beständen nutze. Durch die dunkle Einrichtung und die große Hallenform wirkt er eher schwer und ehrfurchtgebietend. Zwei weitere Lieblingsplätze sind die Cafeteria und die Ausstellung des Deutschen Musikarchivs. In der dunkel vertäfelten Cafeteria im Erdgeschoss setze ich mich aus nostalgischen Gründen immer wieder gern an einen bestimmten runden Tisch. Die Fenster dort sind mit Glasmalereien versehen. Dieser Ort erinnert mich an meine ersten Besuche hier. In der Ausstellung des Musikarchivs schaue ich mir auf dem Weg in die Pause oft die ausgestellten Tonträger an. Sie zeigen nicht nur Musik-, sondern auch Technik- und Kulturgeschichte.








