Zwischen den Regalen – Sybille Ruge
In Zwischen den Regalen kommen Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek zu Wort. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen und aus unterschiedlichen Bereichen. Sie nutzen die Lesesäle in Leipzig und Frankfurt als Recherche, Arbeits- oder Lernort. Hier geben sie Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte. Heute: Sybille Ruge

Hallo Frau Ruge! Würden Sie sich zu Beginn erstmal kurz vorstellen?
Ich bin in der DDR geboren, habe einen Abschluss als Diplom Schauspielerin an der Theaterschule Leipzig gemacht und wurde dann in die Meisterklasse der DDR am Palast der Republik in Berlin aufgenommen. 1995 habe ich beschlossen die Theaterkarriere beiseite zu legen, habe Kostümentwürfe für die ARD und ein Theater in Salzburg gemacht. Von da an bin ich beim Design geblieben und entwickle seit 33 Jahren Entwürfe für die Textilindustrie im Hochpreissegment. Ich lebe mit meinem Partner in der Schweiz. Das Schreiben war bei mir eine sehr späte Karriere. Ich habe 2022 meinen ersten Roman bei Suhrkamp herausgebracht. 2024 kam dann der zweite Roman ebenfalls bei Suhrkamp. Der dritte erscheint jetzt im Herbst bei Septime, einem österreichischen Verlag, der sehr stark im Suspense und Science Fiction Genre ist. Und da der Roman einen Science Fiction Touch hat, ist er da gut aufgehoben.
Sie sagten gerade, dass Ihr dritter Roman diesen Herbst erscheint. Haben Sie schon Pläne für eine Fortsetzung?
Ich habe tatsächlich schon mit einem vierten Roman angefangen. Ich würde gerne eine MeToo-Geschichte aus der Sicht einer 14-jährigen erzählen. Deswegen befasse ich mich in der DNB momentan mit den sogenannten Systemsprengern. Eventuell im Mix mit einer Geisterstory.

Und warum kommen Sie den weiten Weg aus Zürich hierher um ausgerechnet in der DNB recherchieren zu können?
Also es gibt zwar auch In Zürich die Universitätsbibliothek, aber Frankfurt ist mein Lieblingsort. Irgendwie ist die Atmosphäre hier in Frankfurt, in der DNB einmalig. Oder ich bin ein Gewohnheitstier. Bibliothek im Allgemeinen ist quasi der Studententrick. Es herrscht der Zwang zur Konzentration.Wenn man merkt, dass man gerade einen Downer hat, ist die DNB zum Arbeiten genau richtig. Nicht nur wegen der großartigen Materialiensammlung, die es hier gibt, sondern weil alle um einen herum arbeiten. Also arbeitet man auch.
Auf welche Weise nutzen Sie die Sammlung der DNB konkret für Ihre Arbeit?
Ich finde es einfach toll, dass hier Millionen Dokumente, in digitaler und gedruckter Form vorhanden sind. Das ist für Leute, die recherchieren einfach der helle Wahnsinn. ChatGPT kann vielleicht helfen, aber die KI ersetzt nicht den Denkprozess.
Diese herrlichen gedanklichen Umwege, die man hier machen kann. Wenn man das eine findet und in der Quelle dann noch auf andere interessante Sachen stößt. Das ist einfach unersetzbar. Auch dass man hier Medienformate bekommt, die es sonst nirgends gibt, ist toll. Ich habe zum Beispiel für das Hörspiel Tannenbusch, das beim Hessischen Rundfunk produziert wurde, ganz viele Mikrofilme und Zeitschriften aus den Siebzigern gelesen. Und wo kriegt man das sonst her, wenn nicht aus der DNB? Auch dass man jederzeit hin und her springen kann, zwischen philosophischen Büchern und Jagd-Zeitschriften. Großartig.
Wie sieht ein typischer Warenkorb bei Ihnen aus, wenn Sie Medien über den Katalog bestellen?
Ein typischer Warenkorb bei mir? Crazy. Der sieht einfach Crazy aus. Man würde mich wahrscheinlich für einen Amokläufer halten. Auch wenn ich plötzlich sterben würde und man würde meinen Schreibtisch aufräumen. Das wäre nicht witzig, das Bild, was man von mir bekommen würde. Da sind dann Zeitschriften über Waffengattungen und professionelle Sniper. Gemischt mit „Die Wirtin an der Lahn“ und ein bisschen hoher Literatur. Da gibt es dann irgendwelche Aquarienzeitschriften zusammen mit „Wie bringe ich meinen Partner um?“ Also einfach Crazy.
Spielt die DNB auch als Schauplatz eine Rolle in Ihren Krimis?
So was wie von hoher Literatur erschlagen? Ich fühle mich jedenfalls so, wenn ich hier bin. (lacht)
Was ist Ihr Lieblingsort hier in der DNB und warum halten Sie sich gerade da so gerne auf?
Mein Lieblingsplatz ist ganz hinten im Lesesaal, bei diesen großen, runden Fenstern, wo diese schwarzen Stühle mit Blick nach draußen stehen. Diese Stühle sind echt die bequemsten und man kann hier die Füße auf die Heizung legen. Das ist einfach nur genial. Zwischendurch kann man mal abschweifen, nach draußen gucken, wer gerade vorbeiläuft. Dann kann man sich wieder in aller Ruhe den hohen Dingen widmen. Das ist so ein kleiner, leichter, verborgener, netter, gemütlicher Platz. Ich wechsle aber manchmal auch zu den strengen Plätzen, da, wo es immer kälter wird und wo man auf einem schön harten Stuhl sitzt und ständig hin und her rutschen muss.


Wenn Sie beim Arbeiten eine Pause machen, wie verbringen Sie die dann?
Da ich seit 30 Jahren selbständig arbeite, erfreue ich mich in der DNB Kantine am Kollektiv. Also ich weiß nicht, ob es den anderen auch so geht, aber ich liebe die DNB Kantine. Donnerstags ist Schnitzel-Tag, Freitag Fisch-Tag.

Treffen Sie sich auch mit Bekanntschaften aus dem Lesesaal zum Austausch über Ihre Bücher in der Kantine?
Das nicht unbedingt. Aber mein Sohn recherchiert auch öfters hier. Dann ist eine kleine Pause mit ihm zusammen ganz schön. Ansonsten bin ich raus aus der Dating Phase, aber könnte ein ideale Ort für die Partnerwahl sein. Gleiche Interessen, abgeschlossener Raum. Verabredung in der Kantine. (lacht)
Wissen Sie noch wann und auch warum Sie das erste Mal in die DNB gekommen sind?
Meinen ersten Roman habe ich einfach so geschrieben. Das war witzigerweise auch die Covid-Phase, als es in meinem Textilbusiness ein bisschen ruhiger wurde. So hatte ich endlich Zeit für das, worauf ich schon die ganze Zeit Lust hatte. Für das Hörspiel „Tannenbusch“ habe ich dann das erste Mal hier recherchiert und fand’s einfach nur großartig. Vorher war ich noch nie hier. Traurig, ich weiß. Weil es ist der Ort, ein echter Ort.
Und welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der die DNB noch gar nicht kennt? Warum sollte man gerade hierherkommen und nicht z.B. in die Stadtbibliothek gehen?
Hier ist alles da und man hat Ruhe zum Arbeiten. Man kann ja auch auf dem Trödelmarkt plötzlich ein total abgefahrenes Buch finden, aber wenn man genau recherchieren will, braucht man schon die Datenbank der DNB. ich empfehle allen, hier mal reinzuschnuppern. Auch denen die nicht wissenschaftlich arbeiten. Einfach mal ein Buch ausleihen, sich hier hinsetzen und diese Atmosphäre des Denkens zu erleben. Lesen ist eben einfach doch etwas Anderes, als sich von ChatGPT eine Zusammenfassung schreiben zu lassen. Weil es ist ein Unterschied, ob man auf den Berg hinaufläuft, oder ob man den Lift nimmt.
Gibt es denn sonst noch etwas, dass Sie uns gerne sagen möchten?
Ja, eine Sache möchte ich unbedingt noch hinzufügen. Es ist nicht nur die Kantine. (lacht) Es sind die Bibliothekar*innen. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit hier. Am meisten mag ich das Lächeln, wenn ich mir nach einem bedeutendem theoretischen Denker eine Krokodilzeitschrift besorge. Das bekommt man von keiner KI. Und auch nicht von dem neu eingeführten elektronischen System.






