100 Jahre Robert(o) Schopflocher

20. November 2023
von Prof. Dr. Reinhard Andress

Robert und Klaus Schopflocher in Argentinien, um 1937. Vermutlich aufgenommen von Hans Schopflocher.
(c) Ruth Schopflocher, Quelle: Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Nachlass Roberto Schopflocher, EB 2018/035

Am 14. April 1923 in Fürth geboren, sah sich Robert Schopflocher 1937 zusammen mit seiner Familie zur Flucht nach Argentinien gezwungen. Nach einem Studium in Córdoba und einer langen Karriere als Agronom wandte er sich dem kreativen Schreiben zu, zunächst in spanischer Sprache. Unter dem hispanisierten Vornamen Roberto veröffentlichte er preisgekrönte Erzählbände wie Fuego fatuo (Irrlicht, 1980), Ventana abierta (Offenes Fenster, 1983), Acorralado (Eingeengt, 1984) oder Venus llega al Pueblo (Venus kommt im Dorfe an, 1986), Romane wie Mundo frágil (Fragile Welt, 1986) oder Extraños negocios (Seltsame Geschäfte, 1996) und das Theaterstück Las ovejas (Die Schafe, 1984). Im Zentrum dieser Werke stehen immer wieder die Schicksale von Menschen aller Altersgruppen im Land am Río de la Plata, zu einem großen Teil von verfolgten deutsch-jüdischen Auswanderern, Exilanten und deren Nachfahren. Dem Judentum fühlte sich Schopflocher besonders verpflichtet und beobachtete genau dessen argentinische Ausprägungen.

Obwohl Schopflocher den weitaus größten Teil seines Lebens in Argentinien verbrachte, fühlte er sich letzten Endes der deutschen Sprache und dem deutschen und jüdischen Kulturgut viel enger verbunden, was er auf die Stärke der kulturellen Kindheits- und Jugendeindrücke zurückführte. Sein Gedicht „Geständnis“ bringt diesen Zustand prägnant zum Ausdruck:

Seit mehr als siebzig Jahren

in Argentinien, aber

beim Worte ‚Baum‘

fällt mir zunächst und noch immer

die Dorflinde Rannas ein,

in der Fränkischen Schweiz,

gelegentlich auch eine Eiche

oder ein Tannenbaum;

nie dagegen oder doch nur selten

ein Ombú der Pampa,

ein Paraíso in Entre Rios,

ein Ñandubay, Lapacho oder Algarrobo,

wie sich’s doch geziemen würde

schon aus Dankbarkeit

dem lebensrettenden Land gegenüber.

Aber ‚Frühling‘ bedeutet mir noch immer

Mörikes blau flatterndes Band.

Schiller, Goethe und die Romantik.

Jugendstil, Bauhaus und Expressionismus

prägten mir ihr Siegel auf,

nicht weniger wie der deutsche Wald,

der deutsche Professor

oder der jüdische Religionsunterricht –

wohlgemerkt: der der letzten Zwanziger-,

der ersten Dreiß’gerjahre.

Ja, selbst der fragwürdige Struwwelpeter,

Karl May, Hauff, die Grimm’schen Märchen

oder Max und Moritz, diese beiden,

rumoren weiter in mir

und lassen sich nicht ausrotten.

Nun ja: Leider! Trotz alledem.

Oder etwa Gott sei Dank?

Und wo liegt es nun, mein Vaterland?[1]

Passfoto von Roberto Schopflocher, 1976. Quelle: Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Nachlass Roberto Schopflocher, EB 2018/035

Eine Art Antwort auf die zuletzt gestellten Fragen fand der Autor insofern, als der fast Sechzigjährige literarisch erzählend den Weg in die Muttersprache zurückfand. In seiner Autobiografie Weit von wo (2010) umriss er diesen Prozess folgendermaßen: „Als mir zu Bewusstsein kam, dass ich, trotz aller in Spanisch verfassten Bücher und Essays, in meiner Traumwelt weiterhin dem Deutschen verhaftet geblieben war, zog ich meine Konsequenzen.“[2] So erschienen drei, von der Kritik vielfacht gelobte Erzählbände auf Deutsch: Wie Reb Froike die Welt rettete (1998), Fernes Beben (2003) und Spiegel der Welt (2006), in denen Schopflocher zum Teil seine eigenen Texte ins Deutsche übersetzte. Später kam noch die erwähnte Autobiografie hinzu, ebenfalls der Roman Die verlorenen Kinder (2013), der in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur spielt, schließlich der Historienroman und sein letztes Buch Das Komplott zu Lima (2015), das in die Inquisitionszeit Südamerikas zurückgeht. Am 23. Januar 2016 verstarb er. Sein Nachlass kam nach Frankfurt in das Deutsche Exilarchiv 1933-1945.


Am 14. April dieses Jahres wäre Roberto Schopflocher 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass werden aus dem Nachlass zwei letzte, unveröffentlichte Novellen, „Der Hoffnungsträger“ und „Ein Gigantosaurier in Patagonien“, Forscher*innen und sonstigen Interessenten digital zugänglich gemacht. Dies geschieht in den Fassungen letzter Hand aus dem Jahr 2011 und in Versionen, die von Prof. Dr. Reinhard Andress (Loyola University Chicago) bearbeitet wurden, um Schreib-, Tipp- und grammatische Fehler zu beseitigen, hier und da stilistisch leicht einzugreifen und die Texte der neuen Rechtschreibung anzupassen. Ein Essay von Prof. Dr. Andress bettet die beiden Novellen in das Gesamtwerk Schopflochers ein.   

Die beiden Novellen sind über den Katalog der deutschen Nationalbibliothek recherchierbar und weltweit zugänglich:

Die Hoffnungsträger

Ein Gigantosaurier in Patagonien


[1] Robert Schopflocher, „Geständnis”. In: Hintergedanken. Gedichte aus zwei Jahrzehnten mit 3 Holzschnitten des Autors. Nürnberg: Spätlese Verlag, 2012, S. 33.

[2] Robert Schopflocher, Weit von wo. Mein Leben zwischen drei Welten. München: Langen Müller, S. 267.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Nachlass Roberto Schopflocher, EB 2018/035

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