„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“

12. Oktober 2026
von Susanne Oehlschläger

Nach nur wenigen Minuten auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt am Main ist es offensichtlich: das Wort der Stunde ist „Künstliche Intelligenz“ oder „Umělá inteligence“, wie es auf Tschechisch heißt. KI, AI, UI oder in welcher Sprache auch immer – Künstliche Intelligenz ist auf der Messe omnipräsent. So ist es wenig verwunderlich, dass es beim Gastlandauftritt von Tschechien auch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die digitale Souveränität des Wissens: Die neue Rolle der Bibliotheken zwischen großen Technologieunternehmen und gesellschaftlicher Verantwortung“ gab.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion
Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion von links nach rechts: Saša Michailidis, Tomáš Foltýn, Achim Bonte und Frank Scholze; Foto: Susanne Oehlschläger, DNB

Schon die Einführung machte klar, dass es auch hier um KI geht, nachdem heutzutage die meisten Menschen nicht einfach Suchmaschinen nutzen, sondern ihre Fragen gleich der KI stellen. Moderiert von Saša Michailidis diskutierten Frank Scholze (Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek), Achim Bonte (Staatsbibliothek zu Berlin) und Tomáš Foltýn (Nationalbibliothek der Tschechischen Republik) engagiert zu verschiedenen Aspekten dieses Themas. Die erste Frage des Moderators an die drei Direktoren zielte denn gleich darauf ab, wie Bibliotheken angesichts der Entwicklungen auch künftig relevant bleiben könnten. Tomáš Foltýn sah im Zugang zu den Beständen für Menschen mit Einschränkungen eine wichtige Maßnahme, während Achim Bonte dafür plädierte, die Chancen und Möglichkeiten der KI für Bibliotheken in den Vordergrund zu stellen. Einer der großen Pluspunkte von Bibliotheken ist ihre Vertrauenswürdigkeit, gerade im Vergleich zu den großen Tech-Unternehmen, von denen man unabhängig sei. Diesen Punkt unterstützte Frank Scholze. Als Beispiel nannte er ein Projekt der digitalen Geisteswissenschaften zu Heftromanen, das es ermöglicht, ganz neue Fragestellungen zu erforschen und die Ergebnisse dann wieder der Gesellschaft zurückzugeben.

Schnell entspann sich eine lebhafte Diskussion, die zum Selbstläufer wurde, so dass der Moderator sich, wie er augenzwinkernd anmerkte, hätte zurücklehnen und nur zuhören können. Zu den Vorteilen der KI gehöre es, dass sie einen besseren und inklusiveren Zugang zu den Informationen in den Bibliotheken ermöglichen kann. Zum Beispiel könnten mit ihrer Hilfe Ressourcen besser auffindbar gemacht werden. Frank Scholze betonte auch, dass KI sich schnell verändert. KI-Anbieter entwickelten ihre eigene Infrastruktur, seien dabei aber auch auf Input angewiesen. Er berichtete von Anfragen, bei denen KI-Anbieter Zugang zu urheberrechtsbehafteten Materialien erhalten wollten – ein Ansinnen, das die DNB natürlich abgelehnt habe. Bibliotheken müssten immer genau prüfen, wem und in welchem Ausmaß sie den Zugang zu ihren Beständen und Daten gestatten. Letztlich sei dies eine Frage der Verantwortlichkeit, und man müsse unter anderem juristische und ethische Aspekte berücksichtigen. Für Tomáš Foltýn ist ganz klar, dass die Tech-Firmen Bibliotheksdaten insbesondere deshalb wollten, weil diese gut strukturiert seien. Allerdings könnten die Bibliotheken damit eigene Sprachmodelle bauen. In diesem Kontext erinnert Achim Bonte daran, dass es in der Vergangenheit immer schiefgegangen sei, wenn in Europa ein Gegenentwurf zu großen amerikanischen Entwicklungen versucht wurde. Und er fragte, weshalb das gerade bei KI anders sein sollte. Vielmehr müsse man die Alleinstellungsmerkmale von Bibliotheken hervorheben. Einer ihrer größten Pluspunkte sei es, dass sie keine wirtschaftliche Interessen verfolgten und zu den vertrauenswürdigsten Institutionen zählten, nicht zuletzt deshalb, weil sie keine Daten über ihre Nutzenden sammeln wollten.

Balance von Tradition und Innovation

Besondere Bedeutung hat für Tomáš Foltýn die Aus- und Fortbildung der Beschäftigten, damit diese mit den neuen Werkzeugen umgehen können. Gleichzeitig beobachtet Achim Bonte, dass eine Reihe von Beschäftigten bei der Frage des KI-Einsatzes eher zurückhaltend seien und die neue Rolle der Bibliotheken nicht annehmen wollten. Dies hält Frank Scholze jedoch nur für ein Abbild der Gesellschaft, in der Analoges wie Digitales gleichermaßen vertreten sei und so auch seine Berechtigung habe. Das unterstreiche vielmehr die Notwendigkeit, eine Balance zwischen Tradition und Innovation zu finden. Eine Frage, die auf dem Podium diskutiert wurde, war, wie Bibliotheken die Menschen davon überzeugen könnten, dass sie besser als jede KI seien. Hier betonte Frank Scholze, dass es wichtig sei, kleine Kinder sehr früh zum Lesen gedruckter Bücher anzuleiten. Nur so könnten sie Lese- und Medienkompetenz erlernen. Tomáš Foltýn ergänzte, dass Bibliotheken hier den Kontext bieten könnten, der für ein tiefes Verständnis von Wissen unerlässlich ist.

Saša Michailidis wies darauf hin, dass Bibliotheken auch der Wikipedia anfangs kritisch bis ablehnend gegenüber standen, im Lauf der Zeit jedoch ihre Meinung geändert hätten. Während Tomáš Foltýn darauf hinwies, dass Wikipedia niemals gegen Bibliotheken gerichtet gewesen sei, sieht Frank Scholze es hier wie bei jedem Werkzeug, das Vor- und Nachteile habe. Das Beispiel Wikipedia zeigte hier sehr anschaulich, dass Bibliotheken durchaus bereit sind, sich an veränderte Bedingungen anzupassen und ihre Rolle in der digitalen Welt neu zu definieren.

Umgang mit KI-erzeugten Inhalten

Die Antwort von Frank Scholze auf die Frage, wie die Bibliothek mit KI-generierten Inhalten umgehen, mag überrascht haben, ist jedoch naheliegend: als Nationalbibliothek sammelt die DNB das, was die Gesellschaft veröffentlicht. In der Vergangenheit wurden häufig Publikationsformen für minderwertig gehalten, die später aber zu wichtigen Forschungsgegenständen wurden. Man denke dabei an Comics oder die bereits erwähnten Heftromane. So ist auch hier zu vermuten, dass irgendwann in der Zukunft die KI-erzeugten Publikationen eine bedeutende Quelle der Forschung darstellen werden. Es ist auch wichtig zu definieren, was unter KI-erzeugt verstanden wird und wo die Grenzen liegen. Viele Menschen benutzen KI mittlerweile ganz selbstverständlich, zum Beispiel die Rechtschreibprüfung beim Verfassen von Schriftstücken oder auch für Entwürfe von Grußworten und anderen Texten. Achim Bonte hob hervor, dass die Bibliotheken dieselben (FAIR)-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperabel und Reusable) teilen und das weiterhin tun müssen. Sie müssten die Kompetenzen ihrer Teams stärken, und dabei sei auch künftig jede einzelne Bibliothekarin und jeder einzelne Bibliothekar wichtig.

Gegen Ende der Diskussion fragte der Moderator alle nach einem Wunsch, was sie sofort ändern würden, wenn sie es könnten. Insbesondere der Wunsch von Tomáš Foltýn spricht mir dabei aus der Seele: Den Satz „Das haben wir schon immer so gemacht…“ wolle er nie wieder hören. Dieser Wunsch spiegelt die Notwendigkeit wider, in Bibliotheken eine Kultur der Offenheit für Innovationen zu fördern.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion und Initiator der Veranstaltung
Gruppenbild nach der Podiumsdiskussion von links nach rechts: Saša Michailidis, Tomáš Foltýn, Achim Bonte, Frank Scholze und Tomáš Kubíček; Foto: Susanne Oehlschläger, DNB

Die Zukunft der Bibliotheken sehen alle Diskutanten erfreulicherweise positiv und mit Optimismus. Frank Scholze brachte es mit einem Zitat aus Friedrich Hölderlins Patmos auf den Punkt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Weniger pathetisch könnte man sagen, dass in Zeiten der Veränderung und Herausforderung für Bibliotheken auch die Chance liegt, Neues zu schaffen und ihre Rolle der in der digitalen Welt neu zu definieren. In diesem Sinne sollten wir KI nicht einfach nur als Herausforderung sehen. Vielmehr sollten wir sie verstehen, nutzen und mitgestalten, unter welchen Bedingungen sie verwendet wird. Denn, so schreibt Frank Scholze in einem LinkedIn-Post über diese Diskussion, digitale Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu tun. Es bedeutet, die Fähigkeit zu behalten, selbst zu entscheiden.

Susanne Oehlschläger

Susanne Oehlschläger ist Referentin der Generaldirektion der Deutschen Nationalbibliothek. Seit Ende 2021 ist sie in dieser Funktion auch Geschäftsführerin (Secretary) der Conference of European National Librarians (CENL).

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Susanne Oehlschläger, DNB

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