Am laufenden Band

14. Juni 2022
von Simon Herrmann

2018 startete ein Projekt mit dem Ziel, alle Kompaktkassetten in den Beständen der Deutschen Nationalbibliothek zu digitalisieren. Knapp 4 ½ Jahre später, im Juni 2022, sind über 50.000 Kassetten mit einer gesamten Laufzeit von über 2.600.000 Minuten digitalisiert. Ein Meilenstein, der Anlass gibt, einen Blick auf das Medium, die Sammlung der Deutschen Nationalbibliothek und deren Digitalisierung zu werfen. 

Kassetten überall

Klar, das Deutsche Musikarchiv (DMA) kommt einem sofort in den Sinn, fragt man sich, wo Kompaktkassetten in der Deutschen Nationalbibliothek zu finden sind. Aber schnell erkennt man, dass Kassetten in nahezu allen Sammlungen und Bestandsegmenten zu finden sind und sich zuweilen auch gut verstecken, da nicht alle Kassetten auf den ersten Blick im Katalog zu finden sind und sich erst am Regal zu erkennen geben. Neben Musik in all ihren Facetten – von Orchesteraufnahmen und Opern über Mainstream-Rock und Pop hin zu Laien-Produktionen in Kleinstauflage und orientalischer Hochzeitsmusik – sind es vor allem Hörbücher und Sprechkassetten, die große Teile der Kassettenbestände ausmachen. Der Klassiker sind sicherlich Sprachkurse, aber auch Ausbildungs- und Prüfungshilfen sowie religiöse und spiritistische Ratgeber prägen die Sammlungen. Und wer wollte nicht schon immer die schönsten Dampfloks auf Kassette hören, wenn einem die Vogelstimmen genug sind. Aber auch Zeitzeugen des Exils geben private Einblicke und wertvolle Berichte in den unikalen Aufnahmen des Deutschen Exilarchiv 1933–1945.

Musikkassetten aus dem Deutschen Musikarchiv
Musikkassetten aus dem Deutschen Musikarchiv. Foto: Stephan Jockel, DNB, CC-BY 4.0

Kulturgut

Dabei erstreckt sich das Produktionsniveau in allen Bereichen von professionellen und industriell gefertigten Aufnahmen bis zum laienhaften Mitschnitt1. Einfach in der Handhabung, verfügbar, kostengünstig und, wie der Name schon zu erkennen gibt, kompakt, machten die Kompaktkassette zu einem Erfolgsmodell. Mit den Folgen, dass über die Jahre und zu den besten Zeiten der Kassette eine Sammlung entstand, die in ganz besonderer Weise sowohl Hoch- wie auch Alltagskultur und special interest in sich vereint. Nicht wegzudenken ist die Kompaktkassette aus der Pop-Kultur der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, und noch heute versetzt alleine ein Walkman auf dem Küchentisch jeden Film- und Serienfan sofort in die richtige Stimmung. Auch Retro-Nostalgiker, die in den 2000er-Jahren noch den Vinyl-Boom befeuerten, finden in Kassetten-Releases seit ein paar Jahren eine neue Nische, und die heute oft verschrienen „Boomer“ bekräftigen ihre vermeintliche Überlegenheit im oft unerbitterlich geführtem Social-Media-Diskurs mit einem Klassiker der Meme-Kultur:

Kassette und Bleistift - Zukünftige Generationen werden diese einzigartige Beziehung nie verstehen
Zukünftige Generationen werden diese einzigartige Beziehung nie verstehen. Bild: CC0 1.0

Erhaltung

Der sogenannte „Bandsalat“ ist glücklicherweise ein Problem, das uns bei der Digitalisierung meist erspart bleibt. Dennoch zeigen sich deutliche Bissspuren, die der Zahn der Zeit trotz bestandsspezifischer Lagerung und sorgfältigem Umgang an den Kompaktkassetten hinterlassen hat. In den ältesten Fällen sind die Kassetten bereits über 40 Jahre alt. In den auflagenstarken Jahrgängen und umso weiter eine Produktion vom Mainstream abweicht, zeigt das Material seine Schwächen. Bänder, Plastik- sowie Schaumstoffteile werden porös und brüchig. Es gilt also schnell zu handeln.

Digitalisiert werden die Kassetten in einem Massenverfahren, bei dem auf acht Kassettendecks mehrere Kassetten parallel eingespielt werden. Begleitet wird die Digitalisierung von einer automatisierten als auch intellektuellen Qualitätssicherung (s. Eimer, Sarah: Rette die Kassette, in: Dialog mit Bibliotheken, Bd. 31, Nr. 2, 2019, urn:nbn:de:101-2019021896, S. 29). Ziel, wie in allen Digitalisierungsprojekten zur Bestanderhaltung der Deutschen Nationalbibliothek, ist es, auch in digitaler Form das „look and feel“ des Originals abzubilden. Das gelbliche Papier eines alten Buchs gehört hierbei genauso dazu wie das Knistern einer Schellackplatte oder ein leichtes Rauschen auf einer Kassette.

Digitalisierungsstation von AVI.DAT in den Räumen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig
Digitalisierungsstation von AVI.DAT in den Räumen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig.
Foto: Stephan Jockel, DNB, CC-BY 4.0

Band in Sicht!

Noch bis Mitte 2023 steht die Digitalisierungsstation unseres Dienstleisters AVI.DAT in unserem Haus am Standort Leipzig. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Zum Beispielen wollen noch Kassetten-Zeitschriften, eine Reihe an Beilagen und weitere Besonderheiten aus den Beständen der Deutschen Nationalbibliothek digitalisiert werden.

Alle digitalisierten Kompaktkassetten im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Mit dem durch das Projekt geschärften Blick auf die verteilten Tonträger-Bestände wurde deutlich, dass die Digitalisierung der Kompaktkassetten nur ein Anfang sein kann, denn auch Tonbänder – die sich in Form und Format deutlich diverserer geben – sowie andere Ton- und Datenträger sind vom Verfall bedroht. Eine Aufgabe, der es sich zu stellen gilt – am laufendem Band.

Materialkontrolle vor der Digitalisierung
Materialkontrolle vor der Digitalisierung. Foto: Stephan Jockel, DNB, CC-BY 4.0

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Stephan Jockel, DNB, CC-BY 4.0

2 Kommentare zu „Am laufenden Band“

  1. Barbara Trettner sagt:

    Toll! Die Gäste, die zu uns in die Häuser zu einer Führung kommen, sind immer wieder erstaunt und begeistert, was alles in der DNB zu finden ist.

  2. Hermann Beyer sagt:

    Großartige Leistung! Glückwunsch allen Beteiligten!

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