Antarktische Affären

29. Juli 2022
von Elke Jost-Zell

Inhaltserschließung live

Liebe Leser*innen, gleich zu Beginn dieses Artikels möchte ich eine faire Warnung aussprechen: wenn Sie Pinguine mögen und so in Erinnerung behalten möchten wie in den knuffigen TV-Dokumentationen, hören Sie jetzt lieber auf zu lesen und klicken weiter zu den wunderbaren Blogbeiträgen meiner Kolleg*innen …

Sie lesen weiter? Nun gut. Sie sind gewarnt. Noch ist es möglich, aufzuhören, Pinguine einfach nur niedlich zu finden und weiterhin als heldenhafte Eltern zu sehen, die der Antarktis, der Kälte und dem ewigen Eis trotzen, um ihre Kleinen vom Ei bis zum Seevogel großzuziehen.

Aber wie kommt es zu dem Pinguin-Ei? Davon, von der wissenschaftlichen Tierbeobachtung und dem Umgang mit heikler Forschungsarbeit im Wandel der Zeit handelt diese kleine Büchergeschichte.

Bucherschliessung live
Don’t judge a book by its cover – so manches Buch birgt amüsante und wissenswerte Überraschungen!

Grafik: Elke Jost-Zell, Deutsche Nationalbibliothek CC BY SA 3.0

In den Bücherregalen der Deutschen Nationalbibliothek …

Eines schönen Tages in der Deutschen Nationalbibliothek entnahm ich einen Stapel Tierbücher aus dem Eingangsfach für zoologische Literatur. Eines der Bücher, mit dem Titel Das geheime Liebesleben der Pinguine, klang, oh la la, vielversprechend unterhaltsam für einen langen Nachmittag der Erschließungsarbeit. Easy, dachte ich, zwei Schlagwörter reichen, „Pinguin“ und „Sexualverhalten“. Ich würde natürlich einen professionell tiefen Blick in das Buch werfen, nicht (nur) aus voyeuristischen Gründen, sondern weil wir bei der intellektuellen Inhaltserschließung Bücher per Autopsie erschließen. Diese Form der Autopsie hat nichts mit den unangenehmeren Formen der Rechtsmedizin zu tun, sondern mit Erschließung anhand eines konkreten Medienwerks. Der Untertitel lautete: „ein vergessener Polarforscher, ein aufregender Fund und eine erstaunliche Erkenntnis“. Hm, korrigierte ich meinen Ersteindruck, doch nicht so easy, und begann zu blättern.

… wohnt das Abenteuer …

Ich erfuhr von den offenbar bahnbrechenden Beobachtungen des neuseeländischen Autors und Pinguinforschers Lloyd Spencer Davis über das Sexualverhalten der Pinguine und dessen ungeahnt abgründige Variabilität. Und wie Davis erfuhr, dass nicht er der Pionier für dieses sehr spezielle Forschungsgebiet war, sondern ein englischer Marinearzt fast 100 Jahre vor ihm.

Im Jahr 1912, so erzählte das Buch, unternahm der Polarforscher Robert Falcon Scott seine legendäre Expeditionsreise zum Südpol. Während er die Etappe antrat, die tragisch für ihn enden sollte, studierte sein Schiffsarzt G. Murray Levick voller Staunen die Adeliépinguine vor seiner selbstgebauten Eishöhle. Nicht nur ihre Alltagsgewohnheiten, sondern wirklich alle Lebensbereiche. Es wäre zu einfach, ihr Liebesleben freizügig zu nennen. Pinguine sind nicht nur an der reinen Fortpflanzung interessiert, sie kennen kein Tabu, dafür aber viele Spielarten und lieben extrem rustikal. So rustikal, dass Levick, ein Kind des viktorianischen Zeitalters, diesen Teil seiner Beobachtungen nur verschämt verschlüsselt dokumentierte.

Wieder zuhause in England, schrieb der Schiffsarzt sein Buch über das Verhalten der Adéliepinguine. Allerdings wurde das Werk ein Opfer der Zensur – der Manuskriptteil mit den akribischen Beschreibungen des pinguinischen Sexlebens wurde selbst für die naturwissenschaftliche Forschung als zu unanständig erachtet, aus dem Text entfernt, in einen Aktenkarton verpackt und in eine düstere Ecke der Bibliothek des Natural History Museums in London verbannt.

Dort fand es der Leiter der Sammlung für Vogeleier 97 Jahre später, mit dem Vermerk „Nicht zur Veröffentlichung“. Nun, im Jahr 2011, konnten Levicks Forschungen endlich veröffentlicht werden – in einer Ausgabe der Polar Record, einer Fachzeitschrift der Cambridge University Press.

… Erschließung (von uns) und Entdeckung (für Sie)

Ich war ebenso erheitert wie fasziniert und begann zu ahnen, dass mir dieses kleine Buch mehr Arbeit machen würde, als man ihm ansah. Denn es erzählt nicht nur von den schlüpfrigen Seiten der kleinen Seevögel; es ist zugleich ein Stück Forschungsgeschichte, eine Biografie über den Forscher G. Murray Levick und die Publikationsgeschichte seines zeitweilig zensierten Werks.

Zunächst einmal musste der Datensatz des Forschers Levick bearbeitet werden, dies konnte ich als Personenredakteurin gleich selbst tun. Für den Personendatensatz benötigte ich aber einen geografischen Datensatz für einen Ort aus Levicks Leben, der noch nicht in der Gemeinsamen Normdatei, GND, enthalten war. Poltimore in der Grafschaft Devon musste meine Kollegin Ricarda Schmidt aus der Geografika-Redaktion neu ansetzen. Dann bat ich die Redakteurin für die Bearbeitung von Werken, Viola Hofmann, mir einen Werk-Datensatz für das Manuskript Unpublished notes on the sexual habits of the Adélie penguin zu erstellen. Die Datensätze wurden miteinander verlinkt und damit in der Gemeinsamen Normdatei, GND, thematisch vernetzt.

Jetzt konnte ich endlich mit der eigentlichen Erschließungsarbeit beginnen, keine 97 Jahre nach meiner Entdeckung im Bücherregal wie in der Casa Levick, aber deutlich später als erwartet. Ich schrieb die Schlagwörter „G. Murray Levick, British Antarctic Terra Nova Expedition 1910-1913, Antarktis, Adéliepinguin, Sexualverhalten, Tierbeobachtung“ sowie „Unpublished notes on the sexual habits of the Adélie penguin, Forschungsbericht, Geschichte 1915-2012“ in zwei sorgfältigen Schlagwortfolgen in das Bibliothekssystem ein. Historische Zeitabschnitte werden nicht verlinkt. Danach vergab ich die DDC-Sachgruppe 590 (Zoologie) und die DDC-Notation 598.470722 mit den Bestandteilen 598.47 für Pinguine und T1-0722 für historische Forschung. Damit spiegeln die verbale und die klassifikatorische Inhaltserschließung einander wieder und machen das Buch im Bibliotheksportal unter allen wichtigen Aspekten und Möglichkeiten such- und auffindbar.

Liebe Leser*innen, wenn Sie bei dieser Exkursion in die Forschungsgeschichte und die bibliothekarische Facharbeit tapfer und aufgeschlossen bei mir und den Pinguinen geblieben sind, danke ich Ihnen für die Aufmerksamkeit. Derlei enthüllende Bücher bearbeitet man als Bibliothekar*in nicht jeden Tag (und die meisten sind weniger arbeitsintensiv). Aber es kommt häufiger vor als man denkt. Schließlich ist die Deutsche Nationalbibliothek eine Universalbibliothek. Dies bedeutet, dass sie gemäß ihrem Sammelspektrum für die heutige wie die Nachwelt alle Medienwerke sammelt, die in und über Deutschland erscheinen, unzensiert und ungeachtet ihres Inhalts. Damit ist uns hier nichts Menschliches, und auch nichts Tierisches, fremd.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Grafik: Elke Jost-Zell, Deutsche Nationalbibliothek CC BY SA 3.0

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