Begegnung mit dem frühneuzeitlichen Japan
Vom 25. bis 27. Juni 2026 fand an der Universität Leipzig ein internationaler Workshop mit dem Titel „Japan in Early Modern Encounters: Translation, Mission und Subordination“ statt. Außerhalb der akademischen Vorträge gab es ein besonderes Highlight: eine exklusive Präsentation von historischen Sammlungsbeständen mit Bezug zu Ostasien im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig. Initiiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Katja Triplett vom Religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig. Sie hatte das Museum vorab gebeten, einer kleinen Gruppe von internationalen Expert*innen einen Einblick in die Ostasiatika-Bestände des Museums zu gewähren. Die Präsentation fand am 25. Juni 2026 im Großen Sitzungszimmer der DNB Leipzig statt – einem Ort, der selbst ein Stück Geschichte ist.
Doch was genau war so besonders an diesem Treffen? Es ging nicht nur um die Vorstellung von Objekten, sondern um ein gemeinsames Forschen, Fragen und Teilen von Wissen. Denn hinter den Kulissen unserer Sammlungen warten noch viele ungeklärte Geschichten, die es zu entdecken gilt.
Japan auf der Spur
Um historische Objekte mit Japan- oder – etwas weiter gefasst – mit Ostasien-Bezug zu finden, war zunächst ein Blick in die Museumshistorie nötig.
Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum wurde als Deutsches Buchgewerbemuseum schon 1884 in Leipzig gegründet. Sein Träger war damals der Deutsche Buchgewerbeverein. Mit seinen Sammlungen sollte das Museum vorbildhaft auf die Akteure des Buchgewerbes und des Verlagswesens wírken.
Zu dieser Zeit war Leipzig das Epizentrum des deutschen Buchgewerbes mit zahlreichen Maschinenfabriken, Buchbindereien, Buchdruckereien, Verlagen, Buchgroßhändlern, Buchhandlungen und Antiquariaten.
Nach dem Vorbild eines Kunstgewerbemuseums sammelte das Museum Zeugnisse des Buchdruckerhandwerks und aller mit dem Buch verbundenen Gewerbe: Inkunabeln, Frühdrucke, Bucheinbände, Handschriften, Zeugdrucke, aber auch Fachliteratur zum Thema Bücher. Der Schwerpunkt lag dabei vor allem auf dem europäischen Kulturraum. Erst mit der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik 1914 sollte sich der Blickwinkel erweitern. Auf der Bugra wurden Bücher sowie Exponate aus der Buchindustrie und Produkte aus verwandten Branchen und des Handwerks aus aller Welt ausgestellt.1
Japan war zwar nicht mit einer offiziellen Regierungsdelegation auf der Ausstellung vertreten, doch die japanische Kultur war mit verschiedenen Attraktionen wie einem japanischen Teehaus, einem japanischen Garten und einem japanischen Haus präsent. In letzterem wurden die beliebten Farbholzschnitte gedruckt, die vor Ort gekauft werden konnten.
Die Bugra wurde mit Beginn des Ersten Weltkriegs vorzeitig beendet. Viele der Exponate, die eigens für diesen Anlass erworben worden waren, blieben in Leipzig, und einige davon wurden später im Buchgewerbemuseum untergebracht. Sie bereichern heute vor allem die Kulturhistorische Sammlung und die Sammlung Buch vor 1900.

Hier liegt jedoch auch eine Herausforderung: Die Objekte der Kulturhistorischen Sammlung sind meist gut erschlossen; die alten Drucke aus Ostasien hingegen nur mit den für einen Bibliothekskatalog notwendigsten Daten. Genauere Beschreibungen fehlen, Zusammenhänge sind bisweilen unklar oder gingen verloren, historische Kontexte sind oft veraltet oder gar kolonial geprägt. Die Wissensstrukturen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die wir in den Katalogen noch finden, müssen heute hinterfragt werden. Und: Moderne digitale Texterkennung hilft uns hier nicht weiter – denn viele dieser Drucke sind in historischen Schriftsystemen verfasst, die nur wenige Expert*innen heute vollständig lesen können.
Neugier auf beiden Seiten
Deshalb nutzten wir das Treffen mit den Tagungsteilnehmer*innen nicht nur, um Objekte zu zeigen – sondern um gemeinsam zu forschen. Wir präsentierten dazu einige ostasiatische Alte Drucke, die zwar mit bibliothekarischen Metadaten im Katalog erfasst sind, deren kulturelle Bedeutung und druckgeschichtliche Herkunft uns jedoch nicht besonders gut bekannt sind.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel: ein koreanischer Druck aus dem Jahr 1607. Bislang war er nur als „Luo tu“ im Katalog vermerkt. Doch mit Hilfe eines Experten aus der Gruppe konnten wir ihn einem Verfasser zuordnen – und zu diesem sogar einen GND-Satz anlegen: https://d-nb.info/gnd/1403201102. Direkt im Anschluss an das Treffen konnten wir die Metadaten aktualisieren: https://d-nb.info/1051087511 und werden im Kontakt mit den Wissenschaftler*innen weiter daran arbeiten.
Die Brücke nach Europa und zum Tagungsthema schlugen wir mit Athanasius Kirchers „China monumentis qua sacris qua profanis, nec non variis naturae et artis spectaculis, aliarumque rerum memorabilium argumentis illustrata“, gedruckt in Amsterdam bei Joannes Janssonius 1667, das die Teilnehmer*innen zwar kannten, jedoch selten oder noch nie im hier gezeigten Original von 1667 gesehen hatten.

Aus der Kulturhistorischen Sammlung zeigten wir einen Hyakumantō Dhāraṇī in einer Miniaturpagode mit der Rolle aus der Stiftung von Kaiserin Shôtoku von 770.
„Der Begriff „Hyakumantō Darani“ … bezeichnet die buddhistischen Dhāraṇīs oder Beschwörungsformeln, von denen angenommen wird, dass sie in Nara gedruckt und anschließend in hölzerne Miniaturpagoden eingelegt wurden und die seit einem Jahrhundert als die ältesten gedruckten Texte der Welt gelten. Den Hinweisen zufolge wurden sie in den letzten Jahren der Regierungszeit von Shōtoku (718–770, reg. 764–770) gedruckt, die fast tausend Jahre lang die letzte Frau auf dem japanischen Thron war.“2

Dieses für die Druckgeschichte so zentrale Objekt wurde für die Bugra 1914 in Japan angekauft und bereits 1918 in einem Beitrag publiziert. Über die lange Zeit von über 100 Jahren geriet das Museumsexemplar wieder aus dem Blick der Wissenschaft. Umso überraschter waren die Expert*innen, als sie sahen, dass sich nicht nur in der renommierten Bodleian Library in Oxford ein Exemplar dieser Hyakumantō befindet, sondern ein weiteres gleich um die Ecke in Leipzig.
Auch die japanischen Buntpapiere aus der Sammlung des Wiener Finanzbeamten Franz Bartsch, die wir präsentiert haben, stießen auf großes Interesse, insbesondere diejenigen mit Bezug zur Wiener Weltausstellung 1873, auf der Japan erstmalig offiziell als Aussteller eingeladen war und sich mit einer japanischen Gartenanlage mit Teehäusern in einer grandiosen Schau präsentierte.

Es wurde klar: Wir haben es hier nicht nur mit historischen Objekten, sondern mit lebendigen Zeugnissen einer globalen materiellen Kulturgeschichte zu tun. Die Reaktionen unserer Gäste – Staunen, wissendes Interesse, Begeisterung und Diskussionen – sprachen für sich.
Neue Zugänge finden
Die Erkenntnis am Ende des Tages: Wir wissen in diesem Kontext noch viel zu wenig über unsere eigenen Bestände. Und das ist kein Versagen, sondern für uns im Museum eine große Chance.
Nur durch Kooperationen mit Wissenschaftler*Innen, Bibliotheken mit großen Ostasien-Beständen und Expert*Innen aus den beteiligten Kulturen können wir die Katalogbeschreibungen so anreichern, dass sie die Objekte angemessen repräsentieren – kritisch, historisch fundiert und kulturell sensibel. Unsere Gäste haben uns bereits eine schöne Reaktion per Mail geschickt: Sie waren dankbar für die Einblicke, zeigten Interesse an einer Vertiefung und gaben bereits einen Ausblick auf mögliche künftige Kooperationen. Für uns ist das ein klares Zeichen: Die Sichtbarkeit der Objekte ist nur der erste Schritt. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt.
Citizen scientists sind herzlich willkommen
Auch Ihr Beitrag zählt!
Wir freuen uns über jede Anmerkung, jede Frage und jeden Hinweis – ganz gleich, ob Sie Expertin sind oder einfach nur neugierig. Denn nur gemeinsam können wir die Geschichte dieser Objekte neu erzählen. Wenn Sie mehr über unsere Sammlungen wissen möchten, oder wenn Sie uns helfen wollen, die Kataloge zu verbessern, dann schreiben Sie uns gerne: dbsm-info@dnb.de.
An dieser Stelle danken wir besonders dem Konfuzius-Institut Leipzig und dem Fachbereich Metadaten und Formalerschließung der DNB für die konstruktive Zusammenarbeit bei der Basiserschließung unserer ostasiatischen Alten Drucke.
Besuchen Sie auf jeden Fall auch unsere (kostenfreien und wohltemperierten) Ausstellungen.
- Vgl. auch: Wolfgang Hohensee und Emily Löffler: Weltkultur und Weltkrieg – Bugra in Leipzig. Leipzig 2024, Permalink: https://blog.dnb.de/bugra-in-leipzig/ (10.07.2026) ↩︎
- Zit. und übersetzt nach Peter Kornicki, The Hyakumantō Darani and the origins of printing in eighth century Japan. Published online by Cambridge University Press: 11 January 2012. International Journal of Asian Studies Volume 9, Issue 1, January 2012, pp. 43-70. DOI: https://doi.org/10.1017/S1479591411000180 ↩︎
Bettina Rüdiger
Bettina Rüdiger ist Sammlungsleiterin für das Buch vor 1900 und der Fachbibliothek im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.
Julia Rinck
Julia Rinck ist Kuratorin der Grafischen Sammlung und der Buntpapiersammlung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.
Wolfgang Hohensee
Wolfgang Hohensee ist Leiter der Kulturhistorischen Sammlung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.






