Biermann ohne Biermann

9. Oktober 2026
von Ruprecht Langer

Am 8. Oktober war Ekkehard Maaß im Deutschen Musikarchiv zu Gast. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Mediengeschichte des Protests“ sang und spielte der Lieder von Wolf Biermann.

Als Wolf Biermann 1976 nach einem Konzert in Köln die Heimreise antreten wollte, wurde ihm der Eintritt in die DDR verwehrt. Perfiderweise geschah dies genau an seinem 40. Geburtstag, und so steht das Jahr 2026 für die Jährung zweier wichtiger Ereignisse in Biermanns Leben: Sein 90. Geburtstag, und der 50. Jahrestag seiner Ausbürgerung.

Biermanns Lieder sind zeitlos, und gerade bei seinen bissigen, politischen Texten möchte man fast sagen: leider. Wenn er singt „lass dich nicht verbittern in dieser bitt’ren Zeit […], lass dich nicht erschrecken in dieser schrecklichen Zeit“, dann liegen Gedanken an heutige Ereignisse mindestens so nah wie Gedanken an das Jahr 1968, als Biermann das Lied „Ermutigung“ schrieb.

Ekke Maaß im Vortragsraum des Deutschen Musikarchive am Harmonium. Vor ihm liegen seine Gitarre und ein Buch zu Wolf Biermann.
„Du, lass dich nicht verbittern in dieser bitt’ren Zeit.“ Biermanns Lieder sind von sagenhafter Aktualität. Foto: Ruprecht Langer, DNB

Mehr als 600 Lieder hat Biermann geschrieben, und nicht alle von ihnen wurden veröffentlicht. Ob es letztlich ein Lied wurde, oder Lyrik, entschied der Künstler in der Regel erst, wenn der Text fertig war.

Ekkehard „Ekke“ Maaß ist seit 55 Jahren eng mit Biermann befreundet. So sehr, dass Biermann ihm seine Lieder beigebracht hat – die bekannten und die unbekannten. Und nicht nur das, er hat Ekke Maaß auch deren Geschichten erzählt. Wer sich hinter den Namen in den Liedern verbirgt, wie er sich beim Schreiben gefühlt hat, und auf welchen Teil seiner Biografie gewissen Andeutungen anspielen.

Ekke Maaß ist ein aufmerksamer Schüler, und weiß durch die enge Verbindung zu Biermann, diese Informationen einzuordnen und einfühlsam und sehr respektvoll weiterzugeben. Mit dem Programm „Biermann ohne Biermann“ war er am 8. Oktober 2026 zu Gast im Deutschen Musikarchiv. Der Raum war gut gefüllt, die Stimmung familiär, der Altersdurchschnitt hoch. „Ihr kennt das ja alles ganz genau,“ ruft Ekke Maaß ins Publikum. Und: „hier sitzen viele bekannte Gesichter, von denen ich weiß, dass sie Biermann ebensogut kennen wie ich“.

Ekkehrd Maaß spielt Gitarre und singt vor Publikum.
Wolf Biermann hat mehr als 600 Lieder geschrieben. Ekkehard Maaß scheint sie alle zu kennen. Foto: Fanni Fröhlich, DNB

So war der Abend, auch wenn die Geschichten und die Musik von Maaß kamen, irgendwie ein Treffen auf Augenhöhe. Und für diejenigen im Publikum, die 1976 noch keine Unterschriften gegen die Ausbürgerung gesammelt haben, gab es wunderbare, witzige und erschreckende Einblicke in Leben und Werk Biermanns. Die meisten Lieder hat Maaß an der Gitarre begleitet, am schönsten wurde es aber, wenn er an sein 200 Jahre altes Harmonium gewechselt ist.

Maaß ist es wichtig zu vermitteln, dass Biermanns Lieder nicht verbittert sind, selbst wenn einige sich so lesen lassen. Wütend, ja. Zynisch, aggressiv, frech, traurig, witzig, sehnsuchtsvoll – das trifft wohl auf die meisten seiner Werke zu. Aber verbittert – nein. Dazu war Biermann ein viel zu hoffnungsvoller und positiver Mensch.

Nahaufnahme eines alten Harmoniums mit selbstgezeichneten Postern.
Erinnerung an die guten finsteren Zeiten. Foto: Ruprecht Langer, DNB.

Es ging viel um Biermanns Biografie. Es ging um seine Kindheit und Jugend, dem Leben „zwischen den Mühlsteinen des Faschismus und des Stalinismus“, wie es Maaß nennt. Es ging um seine Zerrissenheit, der Unzufriedenheit mit der DDR („ich möchte am liebsten weg sein. Und bleibe am liebsten hier.“, Biermann 1976). Es ging um die Ausbürgerung und um die Liebe. Es ging aber auch um ein Verständnis für Biermann als Musiker. Zu häufig, so Maaß, wird nur auf Biermanns Texte geschaut. Tatsächlich sind seine Lieder nicht ganz einfach zu begleiten und selten akkordisch. Für Maaß steht Biermann vielmehr in der Tradition des europäischen Kunstliedes, bei dem der Text immer einen Kontrapunkt zur Musik darstellt.

Es war ein schöner Abend. Biermanns zeitlose Lyrik hat so manche aus dem Publikum nachdenklich werden lassen, der Bezug zu aktuellen Krisen, Bedrohungen und Ängsten ist zu offensichtlich, um dem Thema historisch zu begegnen. Es war aber auch ein Abend des Miteinanders, und Ekkehard Maaß‘ Geschichten und Erinnerungen ließen die Zeit dahinfliegen. Immer wieder zückte jemand ein Telefon oder ein Notizbuch, um einen besonders klugen Satz Biermanns oder Maaß‘ schnell zu notieren.

Ein großer Dank an Ekke Maaß für diesen besonderen Abend.

Ruprecht Langer

Ruprecht Langer ist der Leiter des Deutschen Musikarchivs der Deutschen Nationalbibliothek.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Ruprecht Langer

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Über uns

Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Mehr auf dnb.de

Schlagwörter

Blog-Newsletter

In regelmäßigen Abständen erhalten Sie von uns ausgewählte Beiträge per E-Mail.

Mit dem Bestellen unseres Blog-Newsletters erkennen Sie unsere Datenschutzerklärung an.

  • ISSN 2751-3238