Das Geschenk einer Geschichte

23. April 2024
von Elke Jost-Zell

Zum Welttag des Buches am 23. April 2024

Die Zeichnung eines Jugendlichen, der in einem aufgeschlagenen Buch liest
Der Zauber des Lesens am Welttag des Buches
Grafik: Elke Jost-Zell

Geschichten lauschen

Kennen Sie den Zauber, als Kind abends Geschichten vorgelesen zu bekommen? Gemütlich liegend Worten zu lauschen, die Bilder formen, uns hoffen und bangen, lieben und leiden lassen mit fiktiven, aber sehr lebendigen Figuren? Für eine Weile in ihren Schuhen laufen, in unentdeckte Länder reisen und durch die Zeiten schreiten?

Dann, in der Schule angekommen, glüht man in fiebriger Erwartung, lesen zu lernen und ein Stück Selbstbestimmung zu erwerben. Damit man ohne die Hilfe eines Erwachsenen durch den Kaninchenbau mit Alice ins Wunderland oder hinter der Kleiderschranktür hinein nach Narnia und in andere schillernden Welten gelangen konnte. Dem folgt ein kleiner Dämpfer, die Enttäuschung der ganz Eifrigen, dass das Lesen leider nicht fix an einem Tag erlernbar ist und man sich diese Fähigkeit erarbeiten muss, manchmal mühsam.

Der Mensch ist ein Lese-Wesen, aber diese Fähigkeit ist nicht angeboren, sie wird erworben – bei den einen durch spielerisches Jonglieren mit Wörtern und Sätzen, bei anderen durch den zähen Kampf mit Buchstaben, Silben und Sätzen. Doch hat man es geschafft, stehen weite Welten offen und man besitzt den goldenen Schlüssel zu einem magischen Schloss.

Geschichten vermitteln

Die Stiftung Lesen verschreibt sich dem Lesen für alle und jeden, und ganz besonders für Kinder, Jugendliche und Familien, die in einem bildungsbenachteiligten Umfeld leben. Sie schreibt auf ihrer Website:

„Es fängt mit Lesen an. Ein gutes Lese- und Sprachvermögen macht den positiven Unterschied: Es erleichtert den Zugang zu Bildung und einem erfolgreichen Berufsleben. Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland haben aber Schwierigkeiten dabei. Unser Angebot richtet sich deshalb gezielt an Familien sowie an Erzieher*innen, Lehrer*innen und andere Fachexpert*innen. Dafür arbeiten wir eng mit Ministerien, wissenschaftlichen Einrichtungen, Verbänden, Unternehmen und anderen Stiftungen zusammen.“

„Ich schenk dir eine Geschichte“

Im Aktionsprogramm rund um das Lesen am Welttag des Buches und des Urheberrechts am 23. April ist die Buch-Gutschein-Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ eine mittlerweile traditionsreiche Kampagne zur Leseförderung. Die Stiftung Lesen schreibt dazu:

„Am 23. April 2024 ist es wieder so weit: Deutschlandweit feiern Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken, Schulen und Lesebegeisterte am UNESCO-Welttag des Buches ein großes Lesefest. Bereits zum 27. Mal verschenken Buchhandlungen rund um diesen Tag das Welttagsbuch „Ich schenk dir eine Geschichte“ an eine Million Schüler*innen.“ Die diesjährige Auswahl des Buches fiel auf den Comic-Roman Mission Roboter – ein spannender Fall für die Glücksagentur von Anke Girod und Timo Grubing.

Titelbild des Buches Mission Roboter für den Welttag des Buches am 23 April 2024
„Ich schenk dir eine Geschichte“ – 2024 ist es der Comic-Roman Mission Roboter von Anke Girod und Timo Grubing
Bild: Website der Stiftung Lesen

Und warum gerade am 23. April? Wikipedia informiert uns über die schöne „katalanische Tradition, am Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Außerdem fallen […] die Todestage von Miguel de Cervantes und des spanisch-katalanischen Autors Josep Pla sowie der Geburtstag des isländischen Literaturpreisträgers Halldór Laxness auf dieses Datum.“

Doch der Heilige Georg führt uns auch auf die britischen Inseln, wo er zum Schutzpatron des normannischen Königs Richard Plantagenet, auch „Lionheart“ genannt, ausgerufen wurde. Seit dem Jahr 1222 schloss dieses Patronat nicht nur den König, sondern alle Bewohner Englands (und ganz speziell die Mitglieder des Hosenbandordens, The Most Noble Order of the Garter) ein. Und schließlich war dieser geschichtsträchtige Tag auch der (nicht ganz unumstrittene) Geburts- und Sterbetag eines der größten aller Schreiber, des britischen Schriftstellers, Dramatikers, Lyrikers und Schauspielers William Shakespeare (1564-1616).

Kleine und große Bibliotheks-Geschichten

An jedem Tag, sei es ein Alltag oder ein ganz besonderer Tag, erzählen wir uns Geschichten. Auch hier bei uns, in der Deutschen Nationalbibliothek. Kleine Geschichten, zum Beispiel, wie wir bei einer Sitzung von GND-Redakteur*innen darüber diskutierten, ob die literarische Figur Frankenstein Schweizer oder Engländer ist (in Mary Shelleys Roman lebt er in der Schweiz, also behandeln wir ihn ganz neutral als Schweizer) und welchen Ländercode wir der Märchenfigur Däumelinchen geben – vielleicht Dänemark? (ja, ihr Schöpfer Hans Christian Andersen war Däne). Oder größere Geschichten, wenn wir über unsere strategischen Ziele sprechen und über das, wofür wir stehen. Wir bekennen uns zu „Vielfalt, Inklusion und Diversität und respektieren die unterschiedlichen Erfahrungen, Bedürfnisse und Hintergründe unserer Nutzer*innen und Besucher*innen. Mit unseren Angeboten laden wir ein zur aktiven Teilhabe. Antisemitismus, Rassismus, Hass und Hetze geben wir keinen Raum.“ Dies und so viel mehr erfahren Sie auf der DNB-Website.

Unsere Sammlung ist universal und nachhaltig, offen für alle Interessierten, ermöglicht das kritische Denken und entfacht den Funken der Inspiration und des Zaubers, der in allen Bibliotheken, den Stätten der Wissenschaft und Forschung, des Geistes und der Kunst, leuchtet.

Bibliothekar*innen erzählen (sich) Geschichten

Natürlich sprechen wir oft über Bücher, die wir gelesen haben. Kürzlich kam ich mit einem neuen japanischen Roman aus der Bahnhofsbuchhandlung und traf in der U-Bahn eine geschätzte Kollegin. Angeregt durch den Bücherkauf, unterhielten wie uns über japanische Literatur – sie liest gern die Bücher von Haruki Murakami, ich freue mich über jedes neue Buch aus der Feder von Banana Yoshimoto. Bei so viel Begeisterung können sich die Buchhandlungen bald wieder über bibliothekarischen Besuch freuen …

Ebenso natürlich sprechen wir über Menschen in unserer Bibliothek, die wir kennen oder gekannt haben. Wir erinnern uns an Kolleginnen und Kollegen, die wir „Originale“ nennen und die in die Geschichten unserer beiden Häuser in Leipzig und Frankfurt am Main eingegangen sind. Wer kennt heute noch den Bücher- und Blumenfreund Jürgen Klamroth, der Fachreferent für Biologie in der Abteilung Sacherschließung war und die Filme von Ernst Lubitsch, Billy Wilder und Greta Garbo liebte? Oder den verhinderten Opernsänger (seinen Namen verschweigen wir diskret), dessen leidenschaftlich hingeschmetterte Arien uns oft morgens auf dem Weg zur Stechuhr aus der Herrntoilette entgegenschallten?

So werden Erinnerungen zu Geschichten, an die wir, oft mit einem Lächeln, zurückdenken.

Im vergangenen Jahr 2023 feierte die Deutsche Nationalbibliothek ihren 111. Geburtstag. Aus diesem erfreulichen Anlass sammelten wir 111 Geschichten aus unserer Geschichte und veröffentlichten sie in unserem Blog – schauen Sie gerne hinein und lesen Sie!

Geschichten erzählen, Geschichten lauschen, sie nacherzählen, aufschreiben, verbreiten und bewahren, ist eine der wichtigsten Kulturtechniken des Menschen. Es ist unsere Art des Erinnerns, unser Kampf gegen das Vergessen-werden und Vergessen. Die Bibliothek bewahrt die kostbaren Geschichten. Und das Buch ist, um den Astronom Carl Sagan zu zitieren, „der Beweis, dass Menschen Magie erschaffen können.“

Elke Jost-Zell

Elke Jost-Zell ist als Bibliothekarin, GND-Redakteurin und Autorin in der Abteilung Inhaltserschließung der Deutschen Nationalbibliothek tätig.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Elke Jost-Zell

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  • ISSN 2751-3238