Das Magazin der Republik

23. September 2026
von Susanne Oehlschläger

„Das Magazin der Republik“ ist der Titel des Dossiers, das der Deutsche Kulturrat in Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) veröffentlicht hat. Aus diesem Anlass haben die Deutsche Nationalbibliothek und der Deutsche Kulturrat in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk (hr) am 15. September 2026 zu einer Veranstaltung „Gedächtnis der Nation: Die Deutsche Nationalbibliothek zwischen Kulturerbe, Wissen und Zukunft“ nach Frankfurt am Main eingeladen.

Der Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek Frank Scholze konnte rund 70 Anwesende vor Ort sowie ungefähr ebenso viele im Livestream Zuschauende begrüßen. Er hat dabei die große Bedeutung der Institution für die Bewahrung des schriftlichen Kulturerbes Deutschlands hervorgehoben. Das neue Dossier liefere eine facettenreiche Beschreibung der DNB und ihrer Aufgaben. Damit biete es einen guten Ausgangspunkt für eine breitere Diskussion über Kultur, Wissenschaft, Bildung und Öffentlichkeit – und damit über die Zukunft ihres Sammel- und Bewahrungsauftrags. Gleichzeitig warnte er davor, Zukunft allein mit Technik gleichzusetzen. Zwar eröffne die Digitalisierung enorme Möglichkeiten, sie löse jedoch nicht automatisch die Frage des Bewahrens. Vielmehr entstünden hier neue Herausforderungen: bei der Auswahl, Speicherung, Authentizität, Zugänglichkeit und langfristigen Sicherung. Hier wies er darauf hin, dass eine Nationalbibliothek ihre Aufgabe nicht losgelöst von der Gesellschaft erfüllen könne: Sie ist auf den Austausch mit der Wissenschaft, der Kultur und der Politik angewiesen. Und sie muss eine öffentliche Debatte führen, darüber, was bewahrt werden soll und welche Bedeutung dies für unsere Gesellschaft hat.

Timon Gremmels, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, bei seinem Grußwort im Vortragssaal der DNB in Frankfurt am Main.
Timon Gremmels

In seinem Grußwort betonte Timon Gremmels (Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur) das besondere öffentliche Interesse an der Deutschen Nationalbibliothek. Dabei hob er die Bedeutung der deutschen Bibliothekslandschaft mit ihren unterschiedlichen Bibliothekstypen hervor. Sie seien die Stärke des deutschen Bibliothekswesens. Auch die redundante Ablieferung von Pflichtexemplaren sei wichtig, da sie auch in Krisenzeiten den Zugang zu Wissen sicherstelle. Jeder Bibliothekstyp habe seine Berechtigung. Gemeinsam bilden sie das Netzwerk der kulturellen Infrastruktur in Deutschland, das für unsere Demokratie von großer Bedeutung sei.

Timon Gremmels sah große Chancen in der Digitalisierung. Wie schon zuvor Frank Scholze unterstrich er jedoch, dass das Digitale alleine nicht ausreiche: Deutschland brauche auch in Zukunft ein klares Bekenntnis zu seiner Nationalbibliothek. Durch die Digitalisierung kämen neue Aufgaben hinzu, doch dürften analoge und digitale Sammlungen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie bedienten unterschiedliche Bedürfnisse. Die Zukunft der DNB betreffe die ganze Gesellschaft. Damit die Deutsche Nationalbibliothek auch künftig ihre Aufgabe erfüllen könne, benötige sie eine angemessene finanzielle wie personelle Ausstattung, eine moderne digitale Infrastruktur und starke Standorte.

Interview im Vortragssaal der DNB in Frankfurt am Main. Von links nach rechts: Frank Scholze, Olaf Zimmermann und Theresia Brüheim.
Von links nach rechts: Frank Scholze, Olaf Zimmermann und Theresia Brüheim

Es folgte ein Interview mit Frank Scholze und Olaf Zimmermann, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates sowie Herausgeber und Chefredakteur der Zeitung Politik & Kultur. Darin erläuterte Olaf Zimmermann, dass das aktuelle Dossier „Das Magazin der Republik“ Teil einer Reihe sei: Zusammen mit den bereits erschienenen Publikationen über die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Bundesarchiv sowie einem geplanten Heft über die Deutsche Welle bilde es eine Serie zu den vier großen Kulturinfrastrukturen des Bundes. Das Heft über die DNB beschreibe die Institution und ihre Aktivitäten in über vierzig Artikeln – kaleidoskopartig aus der Innen- wie der Außensicht. Angesichts der aktuellen kulturpolitischen Debatten, etwa um die Reform des DNB-Gesetzes, sei die Veröffentlichung zum richtigen Zeitpunkt erschienen. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse bei der Vorbereitung des Dossiers: In der DNB finde man deutlich mehr, als er erwartet habe.

Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion. Moderiert von Doris Renck (Hessischer Rundfunk) diskutierten Frank Scholze und Olaf Zimmermann mit Timon Gremmels und den Bundestagsabgeordneten Awet Tesfaiesus (Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion, Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien) und Klaus-Peter Willsch (CDU/CSU-Fraktion, Mitglied im Haushaltsausschuss). Dabei ging es um die Fragen, wie die Digitalisierung den Sammel- und Bewahrungsauftrag verändert, welche Verantwortung der Bund für die Zukunft der Deutschen Nationalbibliothek trägt, und welche Investitionen sowie politischen Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren erforderlich sind.

Diskussionsrunde im Vortragssaal der DNB in Frankfurt am Main. Von links nach rechts: Frank Scholze, Olaf Zimmermann, Awet Tesfaiesus, Timon Gremmels, Klaus-Peter Willsch und Doris Renck.
Von links nach rechts: Frank Scholze, Olaf Zimmermann, Awet Tesfaiesus, Timon Gremmels, Klaus-Peter Willsch und Doris Renck.

Der Haushaltspolitiker Willsch erkannte zwar die Bedeutung der DNB an, sieht jedoch angesichts der angespannten Haushaltslage des Bundes, anderer dringender Großinvestitionen und des Nachholbedarfs im Sicherheitsbereich an einigen Stellen andere Prioritäten. Im Haushaltsentwurf 2027 der Bundesregierung seien aktuell rund 60 Millionen Euro für die DNB vorgesehen – doch der Ausgang der Bundestagsberatungen bleibe ungewiss.

Ein Thema in der Diskussion war die Frage, ob Spiele – sowohl analoge als auch digitale – als bedeutendes Kulturgut in den Sammelauftrag der DNB aufgenommen werden sollten. Olaf Zimmermann, der sich seit Langem dafür einsetzt, betonte die kulturelle Relevanz von Spielen. Frank Scholze stimmte zwar grundsätzlich zu, dass Spiele Kulturgut darstellen, verwies aber auf fehlende finanzielle, räumliche und personelle Ressourcen, um eine solche Erweiterung des Sammelauftrags in Erwägung zu ziehen. Prinzipiell erkannten alle die Bedeutung von Spielen an, sahen jedoch angesichts der aktuellen Finanzlage kaum Spielraum für eine Ausweitung der Aufgaben der DNB. Awet Tesfaiesus forderte zunächst einen gesellschaftlichen Diskurs, bevor man über eine Erweiterung des Auftrags nachdenken könne.

Sie rückte die generelle Sicherheit von Kulturgut in den Fokus. Dabei stellte sie die Frage, ob angesichts der aktuellen Bedrohungslage die georedundante Aufbewahrung physischer Medien an nur zwei Standorten (Leipzig und Frankfurt am Main) überhaupt ausreiche, um die Resilienz des Kulturguts zu gewährleisten. Olaf Zimmermann verwies in diesem Zusammenhang auf den Barbarastollen, in dem mikroverfilmte Dokumente sicher gelagert werden. Für digitale Bestände gebe es jedoch keine vergleichbare Lösung – hier bestehe dringender Handlungsbedarf. Frank Scholze ergänzte, dass die DNB bereits Gespräche mit den Nationalbibliotheken in den Niederlanden und in Kanada über die gegenseitige Aufbewahrung digitaler Daten führe. Über dieses Konzept habe er auch den Kulturausschuss des Bundestags informiert und sei bereit, die Pläne weiter voranzutreiben. Klaus-Peter Willsch betonte, dass es bei der Sammlung von gedruckten Büchern keinen grundsätzlichen Dissens gebe. Lediglich die Zahl der abzugebenden Pflichtexemplare sei noch umstritten. Gleichzeitig hinterfragte er die Notwendigkeit einer redundanten Sammlung in Landes-, Regional- und Nationalbibliotheken und plädierte dafür, mehr Vertrauen in digitale Technologien zu setzen. Die Idee einer „Digital Embassy“ sei ein Thema, über das man diskutieren könne.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Diskussion war das Thema Urheberrecht. Während die DNB zwar auf Digitalisierung setzt, ist die Bereitstellung von digitalen Medienwerken eng mit dem Thema Urheberrecht verknüpft und dadurch eingeschränkt: Von rund 20 Millionen digitalen Medienwerken in ihrem Bestand können aktuell nur etwa 3 Millionen frei genutzt werden. Der Rest ist aufgrund urheberrechtlicher Beschränkungen ausschließlich in den Lesesälen in Leipzig und Frankfurt am Main abrufbar. Frank Scholze verwies hier auf den „Goldstandard“ Norwegen: Dort finanziert der Staat Lizenzen, die es der Nationalbibliothek ermöglichen, ihre Bestände vollständig digital anzubieten und sogar eigene KI-Sprachmodelle mit norwegischer Literatur zu trainieren. Für die Diskussionsteilnehmer*innen auf dem Podium erschien ein solches Modell für Deutschland jedoch unrealistisch – nicht zuletzt wegen fehlender Mittel und anderer Prioritäten.

Als Fazit lässt sich sagen, dass deutlich wurde, dass die DNB sowohl unser analoges als auch digitales Erbe bewahren und zugleich die (digitale) Langzeitsicherung stärken muss, damit das heutige Wissen auch für kommende Generationen verfügbar bleibt. Und gegenüber Krisen, Klimawandel und Cyberangriffen resilient ist.

Das Dossier ist auf der Website des Deutschen Kulturrats online verfügbar. Der Mitschnitt der Veranstaltung kann auf der Website der DNB angeschaut und am 27. September 2026 bei hr2-kultur nachgehört werden.


Bildhinweis: Alle im Beitrag verwendeten Fotos: DNB, Susanne Oehlschläger

Susanne Oehlschläger

Susanne Oehlschläger ist Referentin der Generaldirektion der Deutschen Nationalbibliothek. Seit Ende 2021 ist sie in dieser Funktion auch Geschäftsführerin (Secretary) der Conference of European National Librarians (CENL).

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB, Susanne Oehlschläger

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