Das Thema Exil inmitten der Stadtgesellschaft

15. November 2022
von Theresia Biehl

Das Thema Exil in den Fokus der Stadtgesellschaft rücken – das ist die Idee der Tage des Exils, die auf Initiative des Deutschen Exilarchivs vom 1. bis 17 . September 2022 erstmals in Frankfurt stattfanden.

Dass Frankfurt ein sehr guter Ort für die Tage des Exils sein würde, hatte Dr. Sylvia Asmus, die Leiterin des Exilarchivs, im Gefühl als sie die Initiative ergriff, das publikumsorientierte Veranstaltungs- und Begegnungsprogramm nach Frankfurt zu holen: „In Frankfurt a.M. gibt es eine Vielzahl an Institutionen und Initiativen, die in ganz unterschiedlicher Weise mit den Themen Exil und Migration verbunden sind. Wenn wir während der Tage des Exils gemeinsam agieren, verleihen wir den Themen in der Stadt enorme Sichtbarkeit und machen unterschiedliche Zugänge und Perspektiven deutlich“, so ihre Überzeugung.

Reiches Programm mit 40 Veranstaltungen

Zwei Programmhefte der Tage des Exils.

Das reiche Programm der Frankfurter Tage des Exils, an dessen Ausgestaltung sich neben zahlreichen Kooperationspartner*innen insgesamt 29 Veranstalter*innen mit viel Engagement beteiligten, bestätigte diese Auffassung. 54 Seiten umfasste am Ende das beeindruckende Programmheft.

Zusammengekommen waren 40 Veranstaltungen zu aktuellen und historischen Exilerfahrungen, die den Besucher*innen vielfältige Perspektiven auf das Thema eröffneten: Vom multikulturellen Musikfestival über Angebote für und mit Schüler*innen bis hin zum Kochen und gemeinsamen Essen war alles dabei. Die über 20 Veranstaltungsorte waren über das gesamte Frankfurter Stadtgebiet verteilt und reichten vom Nordend bis nach Sachsenhausen und vom Gallus bis in die Altstadt. Schauplätze waren unter anderem Theater, Museen, Bibliotheken und Schulen, Galerien und Cafés, aber auch das Frankfurter Stadion.

Hier klicken zum Programmarchiv der Frankfurter Tage des Exils.

Veranstaltungen in der Deutschen Nationalbibliothek

Auch die Deutsche Nationalbibliothek war Ort vieler Veranstaltungen im Rahmen der Tage des Exils.

Gruppenbild mit allen Personen, die an der Eröffnung der Tage des Exils beteiligt waren.
Die Eröffnung der Tage des Exil fand am 1. September 2022 in der Deutschen Nationalbibliothek statt. Zur Eröffnung sprachen (v.l.n.r.): Frank Scholze (Generaldirektor der DNB), Sven Tetzlaff (Körber-Stiftung), Parastou Forouhar (Schirmherrin), Dr. Sylvia Asmus (Leiterin des Deutschen Exilarchivs) und Dr. Ina Hartwig (Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt). Durch die Veranstaltung führte Doris Renck von hr2-kultur. Das Ensemble MRIYA begleitete die Veranstaltung musikalisch.

Die feierliche Eröffnung mit der Schirmherrin Parastou Forouhar und MRIYA, dem Gründungsensemble des ukrainischen Exilorchesters fand im vollbesetzten Vortragssaal statt. Die weltweit anerkannte Künstlerin Forouhar, die 1962 im Iran geboren wurde und 1991 nach Deutschland kam, hatte der Eröffnungsveranstaltung das Motto „Wer ins Exil geht, lässt viel zurück!“ mitgegeben.

Die Schirmherrin Parastou Forouhar steht am Rednerpult und hält ihre Eröffnungsrede zu den Tagen des Exils.

In einer eindrücklichen Eröffnungsrede erinnerte sie daran, wie wichtig es ist, dass Zeugnisse des Exils – ob in privaten oder institutionellen Archiven – bewahrt werden. Denn nur so könne verhindert werden, dass Erinnerung verfälscht oder sogar ausgelöscht werde.

Streichquartett MRIYA beim Konzert

Dass Exil kein historischer Begriff, sondern eine Krise der Gegenwart ist, machte nicht nur Forouhar in ihrer Rede deutlich, sondern führte außerdem der hervorragende Auftritt des Streichquartetts MRIYA vor Augen. MRIYA ist das Gründungsensemble des ukrainischen Exilorchesters und erinnert mit den Mitteln der Kunst an den Krieg in der Ukraine.

Nachdenklich stimmte die Vorführung des Dokumentarfilms „Heimat sucht Seele“, die in Kooperation mit PRO ASYL einige Tage später stattfand. Der Film schildert das Schicksal eines syrischen Familienvaters, der Zuflucht in Deutschland fand, dann jedoch auf den Nachzug seiner Frau und seiner zwei Söhne vier Jahre warten musste.

Eine Lebensgeschichte, die auch geprägt war von Flucht und Exil, hat die Bürgerrechtlerin und Autorin Ruth Weiss. In bemerkenswerter Weise setzt sich die 98-Jährige bis heute für politische und kulturelle Verständigung ein. Für ihr Engagement wurde ihr vom PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland der OVID-Preis verliehen. Die feierliche Preisverleihung fand im Rahmen der Tage des Exils statt und war sicher einer der Höhepunkt. Dies nicht zuletzt, da Ruth Weiss im Gespräch mit Martin Maria Schwarz (hr2-kultur) aus ihrem beeindruckenden Leben berichtete.

Hier klicken, um das Interview mit Ruth Weiss als Podcast bei hr2-kultur anzuhören.

Hier klicken, um die Laudation von Lutz Kliche, dem langjährigen Lektor und Wegbegleiter von Ruth Weiss, im Blog der DNB nachzulesen.

Weitere Veranstaltungen in der Deutschen Nationalbibliothek beschäftigten sich mit dem deutschen Soziologen und Zionisten Franz Oppenheimer oder gingen in einer Podiumsdiskussion der Frage nach, wie gegenwärtige und historische Flucht- und Exilgeschichten angemessen erinnert werden können. Dazu diskutierte der Literaturwissenschaftler Dr. Sebastian Schirrmeister mit Dr. Sylvia Asmus (Deutsches Exilarchiv), Cornelia Vossen (Exilmuseum Berlin) und Dr. Anne von Oswald (We Refugees Archive) und der Autorin Asal Dardan. Ein deutsch-französisches Schüler*innenprojekt, das auch im Exilarchiv zum Thema Gurs geforscht und sich unter anderem mit dem Vorlass und dem interaktiven Zeitzeugen-Interview von Kurt S. Maier beschäftigt hatte, brachte die Ergebnisse dieser Beschäftigung auf die Bühne. Ein Gesprächskonzert mit Musik und Lyrik aus dem Lager Gurs, das die Musikerinnen Mélina Burlaud und Claire Beaudouin gestalteten, schloss hier an. Daneben gab es Führungen und Workshopangebote.

Zum Abschluss der Tage des Exils war der Journalist, Dokumentarfilmer und Autor Can Dündar zu Gast. Im Gespräch mit Dr. Sylvia Asmus berichtete er über sein Schreiben und Leben im Exil. „Exil heißt…“, so Dündar, „…alles auf den Nullpunkt zurückzufahren und, egal wie alt Sie sind, wie ein Kind noch mal an einem anderen Ort leben zu lernen.“

Das überaus interessante Gespräch ist auf Video festgehalten.

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Kulturpartner hr2-kultur

Die zweieinhalb Wochen im Zeichen des Themas Exil wurden auch von hr2-kultur, dem Kulturpartner der DNB, begleitet und dem Thema im Programm des Senders ein zentraler Platz eingeräumt. Etwa in einem ausführlichen Gespräch zwischen Martin Maria Schwarz und Dr. Sylvia Asmus in der Sendung „Doppelkopf“.

Hier klicken, um den Podcast Doppelkopf mit Sylvia Asmus zu hören.

Das große Engagement der beteiligten Veranstalter*innen und nicht zuletzt das erfreuliche Interesse der Frankfurter Stadtgesellschaft legen nahe, dass die ersten Frankfurter Tage des Exils nicht die letzten bleiben – oder mit den Worten der Schirmherrin Forouhar: „Exil ist kein historischer Begriff. Es ist eine Krise der Gegenwart. […] Es braucht soziale Bewegungen, eine kritische Öffentlichkeit und Wissenschaft, die hinschauen und für die Wahrung der körperlichen Unversehrtheit, den Schutz vor Gewaltwillkür und die Achtung der Menschenrechte eintreten und sie verteidigen. Anlässe wie die Programmreihe Tage des Exils […] können die erforderlichen Grundlagen schaffen, diesem ehrgeizigen Ziel einen Schritt näher zu kommen.“ 

Zur Information

Die Tage des Exils wurden 2016 in Hamburg von der Herbert-und-Elsbeth-Weichmann-Stiftung ins Leben gerufen und dann von der Körber-Stiftung fortgeführt. Das publikumsorientierte Veranstaltungs- und Begegnungsprogramm gibt Menschen im Exil eine Plattform, schlägt die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit und regt zu Dialog und Verständigung zwischen Alt- und Neubürger*innen an, um so zum besseren Zusammenhalt in der Stadt beizutragen. 2022 fanden die Tage des Exils auf gemeinsame Initiative der Körber-Stiftung und des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek erstmals außerhalb Hamburgs in Frankfurt statt.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Alexander Paul Englert, auch alle weiteren Bilder von Alexander Paul Englert

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