„Dieses Baums Blatt …“

7. August 2023
von Elke Jost-Zell

Ein Lobgesang auf die Ginkgo-Bäume der Deutschen Nationalbibliothek

Urzeitwesen

Zwei getrocknete Blätter der Ginkgoallee vor der DNB in Frankfurt am Main
Blätter der Gingkobäume vor der DNB in Frankfurt am Main, Foto: Elke Jost-Zell, CC BY-SA 3.0 DE

Der Ginkgo ist ein lebendes Urzeitwesen. Er symbolisiert Hoffnung, Heilung, Fruchtbarkeit, Freundschaft und ein langes Leben. Robust, schädlingsresistent und anspruchslos, ist er möglicherweise die älteste Baumpflanze der Erde.

Und einfach schön!

Unsere Biologin, Geologin und Fachreferentin der Sachgruppen 550 und 560, Geologie und Paläontologie, informiert uns: „Der Ginkgo gehört zu den Gymnospermen (Nacktsamer), zu denen Nadelbäume und weitere Pflanzengruppen (z.B. Palmfarne) zählen. Laubbäume gehören zu den Angiospermen (Bedecktsamer). Ginkgo-ähnliche Blätter sind aus Juraschichten bekannt. Der Ginkgo ist Bestandteil der Waldvegetation der gemäßigten Breiten. Vor der Eiszeit war er auch in Deutschland weit verbreitet. Blattfunde sind unter anderem aus Schottland und dem westlichen Nordamerika bekannt. Seit der Eiszeit ist er bis auf einen winzigen Standort in Südchina erloschen.“

Erst im 18. Jahrhundert kam der Ginkgo wieder zurück nach Europa – dank Forschungsreisenden und durch einen gewagten Pflanzendiebstahl. Auf deutschem Boden finden wir ihn heute vor allem in Jena, Dresden und Frankfurt am Main.

Frankfurt und Leipzig

Schon Johann Wolfgang von Goethe liebte sie, die herrlichen Blätter der Ginkgo-Bäume! Ob es eine Referenz an den unvergessenen Poeten und Sohn der Stadt war, eine pragmatische Überlegung der Gebäude- und Liegenschaftsplaner für diesen schädlings- und klimawandelresistenten Baum oder etwas unbewusst Urzeitliches, das 1997 für die Wahl der Ginkgos als Alleenbaum an der Ostseite der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main verantwortlich war – wer weiß …?

Vorüberschlendernden Spaziergänger*innen, U-Bahngästen, Bibliotheksbenutzer*innen, Café- und Restaurantbesucher*innen und den glücklichen Anwohner*innen der Eckenheimer Landstraße wird es nicht so wichtig sein. Man wirft im Frühling erfrischende Blicke in die hellgrüne Blätterpracht der neun Ginkgobäume, deren eifrige Photosynthese kein noch so brütend heißer Sommer bremst. Im September und Oktober freut man sich, wenn das Leuchten tausender kleiner Ginkgo-Sonnen die Frankfurter Bücherzeit einläutet. Denn in der Mainmetropole ist der Herbst immer auch ein Bücherherbst: die Frankfurter Buchmesse öffnet ihre Pforten für die weltweite Bücher-Community.

Doch nicht nur vor unserem Frankfurter Haus ist der Ginkgo ein Lebens- und Gedenkbaum. Nachdem die Direktorin unseres Leipziger Hauses, Frau Birgit Schneider, viel zu früh und im Dienst verstarb, pflanzten wir 2008 zu ihrem Andenken einen Ginkgobaum an der Nordost-Zufahrt gegenüber des Kirschenhains.

Ginkgofreund Goethe

Vom Baum zum Blatt und vom Blatt zum Buch ist es nicht weit. Das wusste auch Goethe.

An botanischer Forschung interessiert und nimmermüde auf der Suche nach einer „Urpflanze“, verehrte er die die uralten Bäume und dichtete noch als älterer Herr entzückende Verse mit Marianne von Willemer, einer junge Dame, der er ein Ginkgo-Blatt schenkte und die drei Gedichte des Wechselgesangs seines Westöstlichen Divans komponierte.

Das unverwechselbare Ginkgo-Blatt, geteilt und doch eines, symbolisierte für Goethe das Morgen- und das Abendland, Suleika und Jussuf, und für Marianne und ihn selbst „zwei, die sich erlesen“. Es inspirierte ihn zu diesem wunderbaren Gedicht:

Gingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen?
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es Zwei? die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt.

Solche Frage zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern
Dass ich Eins und doppelt bin?

111-Geschichten-Redaktion

Zum 111. Jubiläum haben wir, die Beschäftigten der Deutschen Nationalbibliothek, in Erinnerungen und Archiven gestöbert. Von März bis November präsentieren wir hier 111 Geschichten aus der Deutschen Nationalbibliothek.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Elke Jost-Zell

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  • ISSN 2751-3238