Ein ganz normales Gespräch an der Infotheke

18. September 2023
von Volker Henze

Zeitpunkt: In einer längst vergangenen Zeit, eine gefühlte Viertelstunde vor Schließung der Bibliothek.

Dramatis personae:

B:     Eine Bibliothekarin, engagiert, motiviert bis in die Haarspitzen
A:     Eine Anruferin, an der Stimme erkennbar der Wirtschaftswunderzeit des 20. Jahrhunderts entstammend

[Das Telefon an der Informationstheke klingelt]

B:     Deutsche Nationalbibliothek, Information, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?

A:     Einen schönen guten Abend, bin ich da bei Ihnen richtig in der Bibliothek?

B:     Ja, Sie sind verbunden mit dem Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek. Wie kann ich Ihnen helfen?

A:     Verbinden Sie mich doch bitte mit einem Bibliothekar, der was weiß.

B:     Das sind Sie bereits. Was kann ich denn für Sie tun?

A:     Junge Frau, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich habe da ein Anliegen, da brauche ich jemand Kompetenten, jemand von Ihnen, der Ahnung hat.

B:     Ja?

A:     Wissen Sie, ich wohne doch hier gleich bei Ihnen um die Ecke. Jeden Tag komme ich da bei Ihnen vorbei, und da dachte ich, Sie müßten doch eigentlich weiter wissen.

B:     Vielleicht erklären Sie mir doch einfach einmal, was ich für Sie tun kann?

A:     Was Sie für mich tun können? Na, ich suche da doch dieses Buch.

B:     Welches Buch suchen Sie denn?

A:     Na, das, was mir meine Freundin empfohlen hat. Das müsse ich unbedingt lesen, hat sie gesagt. Das sei ganz wichtig, hat sie gesagt.

B:     Können Sie mir denn den Autor oder den Titel des Buches nennen?

A:     Das habe ich mir extra auf einem Zettel notiert, den ich jetzt leider nicht mehr finden kann, aber ich habe ein gutes Gedächtnis.

B:     Sehr gut. Wie heißt denn der Autor?

A:     Longreich, Peter Longreich.

B:     Haben Sie auch den Titel?

A:     Ja, selbstverständlich: „Niemand wollte davon hören“. Haben Sie dieses Buch bei sich im Archiv?

B:     Warten Sie bitte einen Augenblick, ich suche für Sie danach in unserem Katalog.

A:     Melden Sie sich, wenn Sie wieder da sind?

B:     Ich laufe nicht weg, ich suche hier direkt in unserer Datenbank.

A:     Das heißt, Sie benutzen jetzt so einen Computer.

B:     Ja, genau.

A:     Das tut mein Sohn auch immer, aber ich verstehe davon ja nichts. Wissen Sie, in meinem Alter, da lerne ich das nicht mehr.

B:     Das müssen Sie ja auch nicht. Dafür sind wir ja da.

A:     Da bin ich Ihnen jetzt aber sehr dankbar, junge Frau.

B:     Leider muss ich Ihnen sagen, dass wir keinen Autor mit dem von Ihnen genannten Namen bei uns im Bestand haben.

A:     Das müssen Sie doch aber! Das Buch ist ein Bestseller, hat meine Freundin gesagt.

B:     Wie war denn bitte noch einmal der Titel? Dann suche ich mit den Titelangaben.

A:     „Niemand wollte davon hören“. Ich habe das mir extra notiert. Ich kann zwar im Augenblick den Zettel nicht mehr finden, aber da bin ich mir absolut sicher. Ich bin nicht mehr die Jüngste, aber ich habe immer noch ein gutes Gedächtnis, junge Frau, das können Sie mir glauben.

B:     Das tut mir jetzt leid. Ich kann auch kein Buch mit diesem Titel in unserem Bestand finden.

A:     Das kann doch nicht sein. Ich dachte, Sie haben doch so viele Bücher in Ihren Archiven, da kann doch gerade dieses eine nicht fehlen. Sie sind ja noch jung, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die große Baugrube ausgehoben wurde und dann Ihr neues Gebäude errichtet wurde. Und jetzt sollen Sie ausgerechnet dieses Buch nicht haben, das doch ein Bestseller ist, wie mir meine Freundin gesagt hat, das ich deshalb unbedingt lesen solle.

B:     Manchmal kann es vorkommen, dass uns ein Buch vom Verlag nicht geliefert wird.

A:     Dann müssen Sie da eben mal ein wenig Druck machen.

B:     Das machen wir auch. Wir mahnen das fehlende Buch beim Verlag an.

A:     Das kann doch aber nicht sein, dass Ihnen ein solches wichtiges Buch nicht geliefert wird.

B:     Ich habe hier einen Titel gefunden „Niemand darf dich hören“, aber der stammt schon aus dem Jahr 1993 und ist von einem Robin Klein.

A:     Nein, nein. Ich habe Ihnen doch gesagt: der Autor heißt Longreich, Peter Longreich.

B:     Ah, dann befindet es sich vielleicht noch in unserem Geschäftsgang. Ich werde einmal in unserer internen Datenbank nachsehen, ob es bei uns schon eingetroffen ist.

A:     Jetzt sehen Sie bestimmt wieder in Ihrem Computer nach.

B:     Genau, allerdings jetzt zur Sicherheit noch einmal in einer anderen Datenbank.

A:     Junge Frau, ich finde das toll, wie Sie das machen. Für mich ist das ja nichts mehr. Wissen Sie, in meinem Alter…

B:     Leider muss ich Sie jetzt wieder enttäuschen. Auch in unserem anderen System ist kein Autor mit dem Namen Longreich zu finden.

A:     Das verstehe ich nicht. Sie müssen dieses Buch doch haben.

B:     Ich suche noch einmal mit dem Titel. „Niemand wollte davon hören“, richtig?

A:     Sie haben ein gutes Gedächtnis, junge Frau.

B:     Doch leider kann ich diesen Titel auch hier wieder nicht finden. Wissen Sie denn sicher, ob das Buch überhaupt erschienen ist?

A:     Ja, sicher. Meine Freundin hat es gelesen und es mir auch empfohlen.

B:     Können Sie denn vielleicht zur Sicherheit nicht noch einmal Ihre Freundin fragen?

A:     Die ist doch gerade für 3 Wochen in den Urlaub gefahren. Die kann ich doch jetzt nicht erreichen. Da muss ich warten, bis Sie wiederkommt. Wissen Sie, die wollte da irgendwo in die Südsee, mir wäre es da jetzt zu warm.

B:     Ich werde jetzt noch einmal in einem Verzeichnis nachsehen, in dem die Bestände fast aller großen deutschen Bibliotheken gespeichert sind.

A:     Ist das auch in Ihrem Computer?

B:     Ja, darin kann ich von meinem Platz aus hier direkt recherchieren. Dann kriegen wir heraus, ob Ihr Buch wenigstens in irgendeiner anderen deutschen Bibliothek nachgewiesen ist.

A:     Was es da heute für Möglichkeiten gibt. Das ist wirklich nett, junge Frau, wie sich hier um mich bemühen. Sie wollen ja sicher auch bald Feierabend machen.

B:     Dafür bin ich ja da, Ihnen zu helfen. Leider bin ich dabei im Augenblick nicht sehr erfolgreich, denn unter Longreich ist auch an dieser Stelle nichts zu finden.

A:     Und wenn sie es noch einmal mit Peter Longreich probieren?

B:     Wenn ich unter Longreich nichts gefunden habe, dann werde ich unter Peter Longreich auch nichts finden. Warten Sie einen Augenblick –

A:     Und?

B:     Das System sucht noch. Jetzt kommen die Treffer.

A:     Heißt das, Sie haben etwas gefunden?

B:     Etwas ja, nur leider wieder nicht das Richtige: da ist er wieder unser schon bekannte Titel „Niemand darf dich hören“ von Robin Klein.

A:     Nein, der ist falsch. Peter Longreich heißt der Autor. Ich glaube, ich werde tatsächlich noch einmal meine Freundin fragen müssen. Dass die aber auch gerade für 3 Wochen in die Südsee fahren mußte.

B:     Ich verstehe das ja auch nicht. Es sieht beinahe so aus, als gäbe es keine Person mit diesem Namen. Ich suche jetzt noch einmal in einer Internet-Suchmaschine.

A:     Das tut mein Sohn auch immer. Was der da schon alles gefunden hat.

Das Katalogisat für ein gesuchtes Buch im Bibliotheksportal der DNB

B:     Warten Sie mal. Ich sehe hier gerade: es gibt einen deutschen Historiker mit dem Namen Peter Longerich, er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Davon haben wir nichts gewußt“. Könnte es das vielleicht sein?

A:     Aber natürlich, junge Frau. Sie haben Recht. Jetzt weiß ich es wieder. Genau. Peter Longerich. Ich hatte es mir doch auf dem Zettel notiert. Und haben Sie dieses Buch in Ihrem Archiv?

B:     Warten Sie, einen Augenblick, ich sehe gleich nach. Ja, das haben wir bei uns im Bestand. Soll ich es Ihnen bestellen?

A:     Oh, das wäre furchtbar nett, junge Frau, wenn es Ihnen nichts ausmacht, nachdem ich Ihnen schon soviel Arbeit und Mühe gemacht habe.

B:     Sie wissen aber, dass Sie bei uns das Buch nur im Lesesaal lesen und nicht mit nach Hause nehmen können?

A:     Nein, warum denn das?

B:     Die Deutsche Nationalbibliothek ist eine Präsenzbibliothek, und zum Schutz der Bestände dürfen die Bücher nur hier vor Ort bei uns im Lesesaal gelesen werden.

A:     Ich kann doch bei Ihnen nicht das ganze Buch lesen! Haben Sie denn keine Kopierer?

B:     Doch, aber an denen dürfen Sie nicht ganze Bücher kopieren. Es wäre vielleicht besser, wenn Sie sich gleich das Buch kaufen würden.

A:     Kann ich das denn noch in einer Buchhandlung kriegen?

B:     Das nehme ich doch an. Es ist ja gerade erst erschienen. Warten Sie ich sehe nach. Ja, das Buch ist noch erhältlich.

A:     Ja, da bedanke ich mich jetzt aber bei Ihnen, junge Frau. Sie haben mir sehr geholfen. Dass Sie das Buch doch noch gefunden haben!

B:     Ganz einfach war es nicht. Der Name des Autors war falsch. Der Titel hat nicht gestimmt …

A:     Sie haben Recht, junge Frau, und dabei hätte ich schwören können…

B:     Wir haben es ja gemeinsam gefunden.

A:     Mit Ihrer Hilfe. Jetzt gehen Sie aber nach Hause und machen sich einen schönen Feierabend.

B:     Das werde ich. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Auf Wiederhören.

111-Geschichten-Redaktion

Zum 111. Jubiläum haben wir, die Beschäftigten der Deutschen Nationalbibliothek, in Erinnerungen und Archiven gestöbert. Von März bis November präsentieren wir hier 111 Geschichten aus der Deutschen Nationalbibliothek.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Katalog der DNB

Ein Kommentar zu „Ein ganz normales Gespräch an der Infotheke“

  1. Maria Thomalsky sagt:

    Herrlich, ich habe schon lange nicht mehr lachen können;Ihre Geschichte hat in mir die
    unerträgliche Trauer ueber den Verfall meiner dementen Schwester etwas lösen können, danke!

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