Ein Lebenswerk in Farbe

21. Dezember 2022
von Benjamin Sasse und Julia Rinck

Bis heute werden zahlreiche Wohnungen im Osten der Bundesrepublik durch Grafiken mit regionalen, naturkundlichen oder kulturgeschichtlichen Motiven geschmückt, die man auf den ersten Blick für gedruckte Reproduktionen halten könnte. Ein genaues Hinsehen offenbart jedoch, dass diese Blüten, Burgen, Porträts und Vögel tatsächlich von Hand koloriert wurden – und das obwohl sie noch bis zur Wendezeit in Deutschland produziert wurden. Die gesammelten Grafiken des verantwortlichen „Handkolor-Atelier“ hatte dessen ehemaliger Leiter Hans Koschwitz im vergangenen Jahr dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum geschenkt. Am 2. Oktober dieses Jahres ist er nun verstorben.

Ein Gebrauchsgrafiker

Hans Koschwitz (1925–2022), Foto: privat

Hans Koschwitz (1925–2022) wuchs bei Leipzig auf und lernte in dieser Stadt als Schriftsetzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte er ein Studium an der örtlichen Hochschule für Grafik und Buchkunst, bei dem er sich insbesondere der Typographie widmete. Er übernahm um 1950, noch als junger Mann und frischer Absolvent, die Leitung der Volksdruckerei Ludwigslust (Mecklenburg) und baute an deren verschiedenen Standorten den Druck von Zeitungen, Etiketten und Belegmarken auf. Auch aus dieser gebrauchsgrafischen Tätigkeit von Koschwitz hat das Museum mehrere Alben mit Etikettendruckmustern übernommen.

Anfang der 1960er Jahre kehrte er nach Leipzig zurück, eigentlich um an einem geplanten „Haus der Reklame“ tätig zu werden. Nachdem dieses einer wirtschaftspolitischen Umorientierung zum Opfer gefallen war, kam er zum „Verlag für die Frau“, der in der DDR das Monopol auf Frauen- und Ratgeberzeitschriften („Pramo“, „Guter Rat“, „Sibylle“ u.a.) innehatte. Diesen Verlag sollte Koschwitz über die folgenden Jahrzehnte mit prägen. Als Herstellungsleiter knüpfte er auf etlichen Dienstreisen Kontakte ins sozialistische Ausland und wirkte in den 1960er Jahren federführend am Aufbau der Buchsparte mit, die mit „Wir kochen gut“ (1962) wohl ihren nachhaltigsten Erfolg feierte (2021 mit der 56. Auflage). Walter Ulbrichts Staatsbesuch in Ägypten 1965 dokumentierte er im Auftrag von dessen Frau in einem limitierten Sonderdruck. Zu den Olympischen Winterspielen in Sarajewo 1984 gestaltete er als Staatsgeschenk einen kolorierten Reprint des Atlas des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm.

Schauer’sche Kolorieranstalt

Originale Kästen und Grafiken der Sammlung Handkolor-Atelier.

Die Herstellung handkolorierter Kunstgrafiken begann 1978 mit der Kollektivierung der Schauer’schen Kolorieranstalt zu Leipzig, die vor allem farbige Schnittmuster hergestellt hatte. Solches Kolorieren nach dem Druck hatte eine lange Tradition: Vorläufer waren u.a. historische Holzschnitte, die von Hand oder mithilfe von Schablonen („Patronen“) von sogenannten Patronisten oder „Briefmalern“ koloriert wurden. Die farbigen Blätter verkauften sich besser als die einfarbigen Drucke. Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jh. war eine Bearbeitung von Hand durch die hohen Kosten für den Mehrfarbdruck noch rentabel – ein Prinzip, das der „Verlag für die Frau“ übernahm. Sieben ausgebildete Koloristinnen der Schauer’schen Anstalt wurden übernommen, sollten jedoch nicht wie bisher für Modezeichnungen eingesetzt werden.

Angeregt durch die Buchmesse begann man, in der Leipziger Friedrich-Ebert-Straße (ehemals Verlag Beyer) historische Stadtansichten zu kolorieren – was schnell auf großes Interesse stieß, sodass Koschwitz sich in Museen und Galerien auf die Suche nach weiteren Motiven begab. Diese Recherche gestaltete sich oft als kompliziert und endete nach Koschwitzens eigenen Angaben oft in Tauschgeschäften: Die Grafiken wurden dem Studio gegen Restaurierung zum detailgenauen Kopieren überlassen.

Nr. 4420 – Der Lachs (Salmo salar), 1784, nach Dr. Bloch’s Fischwerck gezeichnet von E. Bobbe.

Im Atelier wurden dann die Farben der Bildmotive in unterschiedliche farbige Flächen aufgegliedert. Für jede Farbe wurde eine Schablone gefertigt, die nur genau jene Flächen des Motivs offenließ, die mit der jeweiligen Farbe bedeckt werden sollten. Mithilfe dieser Technik konnte die Koloristin daher in kurzer Zeit etliche Bögen einfärben, ohne sich um die Einhaltung der Konturen kümmern zu müssen. Der Farbauftrag war daher „eher gestrichen als gemalt“; Pinselansätze sollten unsichtbar bleiben. 

Der Farbauftrag sei so makellos gewesen, berichtete Koschwitz verschmitzt, dass Interessenten für die Ansichtskartenproduktion in Eisenach partout nicht an die Herstellung von Hand glauben wollten, bis der örtliche Museumsleiter mit dem Fadenzähler vergeblich nach Druckpunkten gesucht hatte.

In der Regel arbeiteten gelernte und angelernte Koloristinnen zugleich im Studio. Gewöhnlich bearbeiteten sie ein Blatt von Anfang bis Ende, da bei mehreren Beteiligten der einheitliche Stil schwerer einzuhalten war. Die Zahl der benötigten Farbaufträge schwankte stark von Motiv zu Motiv, häufig lag sie im hohen Zehnerbereich. Fische mit ihren mehrfarbigen Schuppenmustern waren sehr schwierig zu kolorieren; Blumen hingegen oft einfacher. So konnte eine Arbeiterin innerhalb von etwa einer Woche einen Packen von 100 Blatt bearbeiten.

Von den Motiven wurden in der Regel mindestens 1.000 Stück schwarzweiße Vorlagen gedruckt, die dann nach Bedarf in kleineren Auflagen koloriert und, je nach Format, für 14 bis 58 DDR-Mark verkauft wurden. Im Rahmen der notorisch schwierigen Versorgungslage mussten immer wieder Engpässe und Unzulänglichkeiten überwunden werden. So wurden die Bilder ab etwa den frühen 80er Jahren bereits gerahmt verkauft. Dafür sollte nach staatlicher Weisung nur Sperrholz verwendet werden, das faktisch jedoch kaum geeignet war. Also reiste Koschwitz selbst herum und „organisierte“ Material, was letztlich stillschweigend geduldet wurde.

Ein Exportschlager

Auch wenn die Motivwahl der Verlagsleitung oft zu bieder, zu bürgerlich gewesen sei, habe ihm der wirtschaftliche Erfolg immer wieder Recht gegeben. Die kolorierten Drucke waren nicht nur in der DDR beliebt, sondern auch ein internationaler, devisenbringender Exportschlager.

Die enormen politisch-wirtschaftlichen Umwälzungen der Wendezeit machten allerdings auch vor dem „Verlag für die Frau“ keinen Halt. Aufgrund der deutlich höheren Lohnkosten und durch preiswertere Farbdruckverfahren war das Ende des Handkolor-Atelier absehbar. Koschwitz beendete 1990 sein Berufsleben, trotz Angeboten aus der Sowjetunion, die Produktion dort weiterzuführen. Die Diözese Bamberg, die in Gestalt des Gong-Verlags den Betrieb übernommen hatte, wickelte das Studio ab. 

Die Drucke des Handkolor-Atelier dokumentieren eine der letzten Werkstätten in Europa, in denen die handwerkliche Kunst des Kolorierens mit Schablonen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts überlebte. Neben seiner prägenden Tätigkeit für das äußere Erscheinungsbild des „Verlags für die Frau“, erneuerte Hans Koschwitz diese Traditionslinie der grafischen Industrie, führte sie fort und entwickelte sie zu ungeahnter Qualität. Das Museum möchte mit der von ihm übernommenen Sammlung die Erinnerung daran wach halten.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB / Benjamin Sasse

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