Einbandbestimmung 2.0

14. Dezember 2022
von Bettina Rüdiger

Der Sachsenspiegel von 1535 mit einem Leipziger Einband … Es gab mal eine Zeit, da waren die biblischen Figuren und Motive Allgemeingut. Das war leider gestern und wird mir gelegentlich schmerzlich bewusst, wenn ich es mit Teilen des Buches zu tun habe, deren Bestimmung genau diese speziellen Kenntnisse voraussetzt. Ich rede von den individuellen Einbänden, die bis zum Beginn der Industrialisierung nahezu alle Buchblöcke bekamen – auf Wunsch eines Kunden, im Auftrag des Verlegers oder Druckers, eines Klosters oder einer Bibliothek.

Auf der Suche nach Hinweisen

Häufig finden sich in den historischen Buchsammlungen sogenannte „gotische Einbände“, das sind meist Ledereinbände über Holzdeckeln, wobei das Leder nach dem Binden mit Metallwerkzeugen, den Stempeln, in Blindpressung verziert wurde. Es gibt Platten-, Rollen- und Einzelstempel. Manche sind im Werkzeug mit einem Monogramm des Herstellers versehen, andere nicht. Viele Stempel wanderten durch verschiedene Werkstätten, manche können auf Grund ihrer Motive in genau einer Buchbinderwerkstatt lokalisiert werden. Die Mehrzahl aller auf Büchern gefundenen Stempel kann jedoch nach wie vor weder einer Werkstatt noch einem Hersteller zugeordnet werden.

Pioniere: Schunke, Kyriss, Haebler

Auf der Basis von akribischen und langwierigen Recherchen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Referenzwerke für die Bestimmung von Einbänden erstellt – die damit verbundenen Namen sind Ilse Schunke, Ernst Kyriss und Konrad Haebler. Alle drei gingen in die Bibliotheken, sahen sich die historischen Buchbestände Band für Band an, fertigten Einbandabreibungen, wiesen die gewonnenen Abbildungen einer Motivordnung zu und versuchten über Archivmaterial und weitere Quellen die Buchbinder zu bestimmen, welche die Werkzeuge benutzt hatten.

Die erste Voraussetzung dafür war Fleiß, die zweite eine gründliche Kenntnis von Motiven der Kunstgeschichte. Allegorische, biblische und historische Figuren galt es zu finden und zu benennen, ebenso Wappen, Fabelwesen, aber auch eher Alltägliches wie Vasen, Blüten, Palmetten, Akanthusblätter oder Hunde.

Screenshot der Startseite der Einbanddatenbank, Screenshot: DNB

Eine Datenbank für die Recherche

Heute sind alle diese Erkenntnisse in die Einbanddatenbank der Staatsbibliothek Berlin eingeflossen. In der sogenannten Einbanddatenbank eröffnet sich die ganze Welt der Stempelabreibungen, Motivketten und Buchbinderwerkstätten – und wer die oben beschriebenen Kenntnisse hat, kann darin ganz komfortabel suchen. Ich gestehe, dass ich nicht allzu oft erfolgreich bin – aber mich umso mehr freue, wenn mir die Bestimmung eines unserer Bucheinbände mit Hilfe dieses Tools gelingt.

Einband der Ausgabe des Sachsenspiegels, Foto: DNB / Bettina Rüdiger

Eine Erwerbung und viele Fragezeichen

2020 erwarb das Deutsche Buch- und Schriftmuseum auf einer Auktion die Erstausgabe einer Bearbeitung des Sachsenspiegels, eines historischen Rechtsbuches. Dieser wurde 1535 in Leipzig von Melchior Lotter gedruckt. Im Katalog der Auktion ist der Einband knapp beschrieben: Blindgeprägtes Kalbsleder über Holzdeckeln auf vier Bünden.

Zur Erschließung der Gestaltungsmerkmale sehe ich mir den Einband näher an. Ein Ledereinband der Zeit, braunes Leder über Holzdeckeln, mit vier Bünden auf Vorder- und Hinterdeckel ganzflächig mit Blindpressung verziert. Dazu wurden verschiedene Rollen und Einzelstempel verwendet. Der Hinterdeckel ist stärker beschabt und die Blindpressung nicht mehr gut sichtbar. Ich sehe jedoch, dass auf Vorder- und Hinterdeckel dieselben Stempel eingesetzt wurden

Kann ich deuten, welche Motive verwendet wurden? Zunächst nicht, aber ich kann die kurzen Texte unter den Bildern der größten Rolle auf dem Vorderdeckel erkennen. Texte und Motive gehören meist motivgeschichtlich zusammen. In einem der Motive finde ich außerdem die Jahreszahl 1535.

Der Lösung auf der Spur

Die Eingabe der sehr spezifisch gekürzten Texte in die Suchmaske der Einbanddatenbank bringt mir dann tatsächlich ein Ergebnis. Die auf unsere Rolle passende Beschreibung liest sich dann so:
Christus-Salvator-Rolle, 183 x 23 mm (EDBD-Zitiernummer: r001184):
Christus Salvator Halbfigur nach links, Text: DATA EST MIHI OIS (EDBD-Nummer m000182)
David, Halbfigur nach rechts, Text: DE FRVC. VEN (EDBD-Nummer m000011)
Jesaja Halbfigur nach links, Text: SVP SOLIVM DAVID, dat. 1535 (EDBD-Nummer m000478)
Johannes der Täufer, Halbfigur nach rechts, Text: DE PLENITV EI[VS] (EDBD-Nummer m000517)
Noch erfreulicher ist es, dass diese Rolle einer Leipziger Buchbinderwerkstatt zugeschrieben ist, nämlich der von Adolar Baldershain (EDBD-Nummer w002571).

Mit diesem Wissen finde ich in der Einbanddatenbank eine weitere Rolle mit Köpfen und Wappen, die in dieser Werkstatt verwendet wurde und deren Beschreibung auf unsere Köpfe-Rolle passt: Rolle, 14 mm (EDBD-Zitiernummer r001186), 3 Köpfe im Medaillon, dazwischen Wappen Kur, Wappen Adler, Wappen Löwe und Wappen Sachsen.

Buchschnitt des Sachsenspiegels – nachträglich per Hand beschriftet mit „Sachenspichel“, Foto: DNB / Bettina Rüdiger

Eine Arbeit aus Sachsen

Adolar von Baldershain stammt aus Halberstadt, und ist seit 1526 in Leipzig nachweisbar. Er arbeitet bis zu seinem Tod im Jahre 1544 in Leipzig. Damit kommt er mit großer Sicherheit als Buchbinder unseres Exemplars des Sachsenspiegel in Betracht.

Eine rundum sächsische Arbeit also, nicht nur vom Titel und Inhalt her. Herausgeber, Drucker und Buchbinder kommen aus Leipzig. Als besonderen Gimmick hat ein Zeitgenosse des 16. Jahrhunderts, vielleicht der Buchbinder, auf den vorderen Buchschnitt das Titelwort „Sachsenschpichel“ in schönstem regionalen Duktus geschrieben.

Bettina Rüdiger

Bettina Rüdiger ist Sammlungsleiterin für das Buch vor 1900 und Leiterin der Fachbibliothek im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB / Bettina Rüdiger

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