„Eine Akademie für schöne Beine“

27. Juli 2022
von Barbara Trettner

Zum Bestand des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 gehört seit 2014 ein mit zahlreichen Blättern gefüllter Koffer des Schriftstellers Walter Meckauer. Ein beeindruckendes Objekt, das in der Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“  im Original präsentiert wird.

Walter Meckauers „alter brauner Koffer“ mit über 1.000 gesammelten und geordneten Manuskriptseiten
Foto: DNB, Stephan Jockel

Walter Meckauer, 1889 in Breslau als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Breslau. In den Jahren von 1918 bis 1922 war er Leiter der schlesischen Ullstein-Redaktion, später Dramaturg an mehreren deutschen Bühnen. Ab 1916 war er als Schriftsteller tätig. 1933 musste Walter Meckauer mit seiner Familie emigrieren, ging nach Italien, später über Frankreich in die Schweiz und in die USA. 1952 kehrte er nach Deutschland zurück.

Zahlreiche Kurztexte hat Meckauer in diesem Koffer gesammelt, viele sind im Exil entstanden, andere davor oder danach. Damit der Inhalt des Koffers für Interessierte zugänglich ist, wurde dieser vollständig digitalisiert. Meine Aufgabe ist es nun, die Manuskripte im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zu erfassen. Dabei fiel mir ein Titel besonders auf: „Eine Akademie für schöne Beine “. In diesem kurzen Text greift Meckauer ein aktuelles Ereignis auf. 1926 rief die American Hosiery Association – der Verband amerikanischer Strumpfwarenhersteller – dazu auf, die Frau mit den schönsten Beinen von Amerika zu finden. Die Wahl fiel auf die Tänzerin Ethel Dale. Ihre Beine sollten fortan als Maßstab für die Strumpfindustrie gelten, weshalb ein Bildhauer sogar eigens Modelle ihrer Beine erstellte. Auch Strumpffabrikanten in Chemnitz waren offenbar an dieser Norm interessiert, wie Meckauer festhält. 

Den kurzen Text hat Walter Meckauer offenbar in Berlin verfasst, ein Adressaufkleber weist darauf hin. Datiert ist der Bericht nicht, aber er wird wohl 1926 entstanden sein. Warum Walter Meckauer über Ethel Dales Beine berichtete, ist mir nicht bekannt. Vielleicht fand er den Vorgang skurril, vielleicht interessierten ihn die zunehmenden Anstrengungen zur „Typisierung und Normalisierung“, wie er es nennt.

Jedenfalls sammelte er auch diese Geschichte in dem „alten braunen Koffer“, wie das Behältnis in der Familie Meckauer genannt wurde. Insgesamt umfasst der Kofferinhalt an die 1.000 Manuskripte zu unterschiedlichen Themen, an unterschiedlichen Orten verfasst und alphabetisch geordnet. Auch nach dem Tode Meckauers blieb der Koffer sowie die Ordnung der Texte unangetastet. Und so halten wir es auch im Deutschen Exilarchiv.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB, Stephan Jockel

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