Hoher Besuch

26. Juli 2023
von Michael Fernau, Jörg Räuber

Im Laufe der einhundertelfjährigen Geschichte erhielt die heutige Deutsche Nationalbibliothek immer wieder Besuch von Persönlichkeiten aus Politik und Kultur. Willkommene Anlässe waren Festakte anlässlich der Errichtung oder Einweihung der Gebäude in Leipzig und Frankfurt am Main.

So fand sich zur Grundsteinlegung des Leipziger Gebäudes am 19. Oktober 1913 fast die gesamte Festgesellschaft ein, die am Tag zuvor der feierlichen Einweihung des Völkerschlachtdenkmals beigewohnt hatte. An der aufwändig geschmückten Baugrube in der damaligen Reitzenhainer Straße, der heutigen Prager Straße im Leipziger Südosten, versammelten sich neben König Friedrich August III. mehrere Minister und Vertreter der Königlich Sächsischen Regierung, der beiden Kammern des Sächsischen Landtags, der Reichs- und Bundesregierungen, der Stadt Leipzig, des deutschen Buchhandels, des Bibliothekswesens und zahlreiche Ehrengäste und Förderer der Deutschen Bücherei*.
Dass der hier gelegte Grundstein ein halbes Jahr später zu einem etwa einen Kilometer entfernt liegenden Grundstück an einen ovalen, noch namenlosen Platz an der Straße des 18. Oktober (die zum oben erwähnten Denkmal an den Sieg über Napoleons Armeen führt) verlegt wurde, ist eine weitere Anekdote aus der Geschichte der Bibliothek.

An der Einweihung des Gebäudes nach rund zweieinhalbjähriger Bauzeit am 2. September 1916 nahm erneut Sachsens König Friedrich August III. teil. Dem ihn begleitenden Sächsischen Innen- und Außenminister, Graf Christoph Johann Friedrich Vitzthum von Eckstädt, verdankt das Gebäude den an der Fassade in goldenen Lettern angebrachten Leitspruch „Freie Statt / für freies Wort / freier Forschung / sichrer Port / reiner Wahrheit / Schutz und Hort“.

Die Einweihung des Frankfurter „Neubaus“ am 14. Mai 1997 nahm der Bundeskanzler, Dr. Helmut Kohl, vor, begleitet von zahlreichen Abgeordneten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Bis in das Leipziger Haus schaffte es Bundeskanzler Kohl nie, obwohl er einmal unmittelbar vor dem Gebäude auf dem Deutschen Platz aus dem Hubschrauber stieg. Sein Ziel war jedoch das damalige Gelände der Leipziger Messe, wo er zu einem Rundgang erwartet wurde.

Einige Monate nach Helmut Kohl besuchte im Februar 1998 der Bundespräsident Dr. Roman Herzog mit seiner Frau Christiane Herzog das neue Bibliotheksgebäude in Frankfurt am Main und zeigte sich „sehr beeindruckt von der modernen Ausstattung und zeitgemäßen Führung des Hauses sowie über die Sammlung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945“**, wie der Jahresbericht ehrfürchtig vermeldet. Neben einer Führung durch die Bibliothek nahm sich Bundespräsident Herzog auch die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit dem damaligen Leitungsteam der Bundesanstalt „Die Deutsche Bibliothek“ am großen runden Tisch im Sitzungssaal.

Der im Amt folgende Bundespräsident Johannes Rau kam zu einem nicht so offiziellen Besuch nach Leipzig. Es nahm als Gast an der Eröffnung der Ausstellung „100 Jahre Insel Verlag 1899–1999“ teil, die am 10. November 1999 im Lesesaal Geisteswissenschaften gefeiert wurde. Als ehemaliger Verleger und Buchhändler hatte Dr. Rau eine enge Beziehung zum Buchwesen und so hatte die Generaldirektorin Dr. Elisabeth Niggemann sicher nur wenig Überredungskunst gebraucht, ihn zu einem Grußwort für den Verlag und die Ausstellung zu bewegen. Unter anderem gab Johannes Rau dem versammelten Publikum folgendes mit: „Der Spannungsbogen des Buches ist sehr weit. Wer die Sprüche Salomos liest, weiß – das wird man in der Deutschen Bücherei nie vergessen –: des Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde. Aber im letzten Buch der Bibel steht immer noch: ‚Nimm und lies!‘. Immer noch sind Menschen gekommen und haben genommen und gelesen.“ Das Grußwort ist heute noch auf der Website des Bundespräsidialamtes zu finden.

An dieser Stelle mag auch der Besuch des Staats- und Parteiführers der DDR Erwähnung finden.
Am 8. April 1961 – gut vier Monate vor dem Bau der Berliner Mauer – besuchte Walter Ulbricht als Vorsitzender des Staatsrats der DDR mit seiner Frau Lotte Ulbricht die Deutsche Bücherei, ließ sich durch das Haus führen und auch er sprach mit leitenden Mitarbeitern. Nicht zuletzt ließ sich in der damaligen politischen Situation die Deutsche Bücherei, noch dazu in Ulbrichts Geburtsstadt, durchaus als eine ‚gesamtdeutsche‘ Institution betrachten und damit den latenten Vorahnungen einer bevorstehenden Teilung Deutschlands entgegensetzen. Das brachte Walter Ulbricht dann auch in seinem Eintrag im Gästebuch der Bibliothek zum Ausdruck, als er die Deutsche Bücherei – zum Erstaunen der Bibliotheksleitung, weil das so wohl nicht vorbesprochen war – kurzerhand zur deutschen Nationalbibliothek deklarierte.

111-Geschichten-Redaktion

Zum 111. Jubiläum haben wir, die Beschäftigten der Deutschen Nationalbibliothek, in Erinnerungen und Archiven gestöbert. Von März bis November präsentieren wir hier 111 Geschichten aus der Deutschen Nationalbibliothek.


*So nachzulesen bei Sören Flachowsky „Zeughaus für die Schwerter des Geistes“, Göttingen 2020. – S. 116

**Jahresbericht 1998. – Frankfurt am Main: Die Deutsche Bibliothek, 1999. – S. 5

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Hausarchiv DNB, CC BY-SA 3.0 DE

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