Hybride Kompetenzen für Forschung und GLAM
HERMES, das Datenkompetenzzentrum für die Geistes- und Kulturwissenschaften, wird von neun wissenschaftlichen Institutionen aus Hessen und Rheinland-Pfalz betrieben, darunter auch die Deutsche Nationalbibliothek. In der HERMES-Transferwerkstatt gehen wir der Frage nach, welche Auswirkungen die digitale Transformation auf die Arbeit in geisteswissenschaftlicher Forschung und in Bibliotheken, Archiven und Museen (= GLAM: Galleries, Libraries, Archives, Museums) hat. Im Fokus stehen diejenigen Datenkompetenzen, die für neue Aufgaben benötigt werden.
An der DNB haben im Rahmen der Transferwerkstatt in diesem Jahr zwei Workshops stattgefunden. Am 18. Juni 2025 kamen in Leipzig größere und kleinere GLAM-Einrichtungen aus dem mitteldeutschen Raum zusammen, die wertvolle und ungemein bedeutende Bestände für die historische Forschung besitzen. Am 10. und 11. Juli 2025 waren in Frankfurt Vertreterinnen und Vertreter des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Produktion von Migration“ der Universität Osnabrück zu Gast, begleitet von einer hochrangigen Delegation der Osnabrücker Universitätsbibliothek.
Die Frage nach den Datenkompetenzen für Forschung und Forschungsunterstützung wurde in den beiden produktiven Veranstaltungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet: Auf dem Leipziger Workshop im Juni aus der Sicht der Kulturerbeeinrichtungen und auf der Frankfurter Workshop aus Sicht der Forschung und der forschungsunterstützenden Angebote der Universitätsbibliothek Osnabrück.
Was braucht der GLAM-Bereich?
Zunächst zum Leipziger Workshop:

Die Sichtbarkeit ihrer Sammlungen ist den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein wichtiges Anliegen gewesen. Zentrale Nachweissysteme – wie das virtuelle Münzkabinett kenom für die Numismatik, die Verzeichnisse der Drucke des deutschen Sprachraums VD16, VD17 und VD18 (für das 16., 17. und 18. Jahrhundert), Kalliope für Nachlässe oder das Archivportal-D für Archivgut – helfen, die Bestände leichter zu finden. Übergeordnete Systeme oder Themenportale wurden besonders von Archiv- und Museumswesen betont, wo Eigenentwicklungen und isolierte Hauslösungen der Anschlussfähigkeit im Wege stehen.
Entscheidend für eine digitale Bereitstellung von Objekten ist die Erschließung, denn nur mit ordentlichen Metadaten können Bestände in zentralen Verzeichnisse überhaupt aufgenommen werden. Aus dieser Feststellung ergab sich auf dem Workshop eine Diskussion über die Bedeutung von fachwissenschaftlichen Kompetenzen (angesichts des Teilnehmerkreises besonders der geschichtswissenschaftlichen Kompetenzen), waren doch auf den vergangenen HERMES-Veranstaltungen Datenkompetenzen Dreh- und Angelpunkt: Die Beschreibung und Erschließung einer mittelalterlichen Handschrift ist ohne mediävistische und Lateinkenntnisse – also: fachwissenschaftlichen Kompetenzen – wohl kaum denkbar.
Es braucht demnach hybride Kenntnisse, eine gesunde Mischung aus fachwissenschaftlichen Fähigkeiten und dem technischen Know-How der Datenkompetenzen. Aber gibt es diese Leute überhaupt?
Um das herauszufinden, wurde mit Personas gearbeitet, die auf einem früheren Workshop der HERMES-Transferwerkstatt von Ausbildungseinrichtungen erstellt worden sind. Je zwei (freilich fiktive) typische Personen aus der Bibliotheks-, Archiv- und Museumsausbildung standen dem Leipziger Workshop zur Verfügung. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin des Workshops durfte bis zu drei Personen für die eigene Einrichtung auswählen.

Wenig überraschend, fanden sich die Archive beim Archivpersonal wieder und auch die Bibliotheken wählten überwiegend das bibliothekarische Personal – die oben rechts gezeigte Persona sorgte als „eierlegende Wollmilchsau“ bei den Bibliotheken für viel Begeisterung.
Viel überraschender war, dass die Museums-Personas komplett durchfielen und selbst die Museen mit Verweis auf fehlende Objektkompetenzen lieber auf den Kandidatenkreis der anderen beiden GLAM-Sektoren auswichen.
Insgesamt benötigt der GLAM-Sektor als forschungsunterstützender Bereich hybride Kompetenzen: „Geisteswissenschaften plus Informatikkenntnisse“[1] – Dass dieser Bedarf auch bei der Forschung besteht, hat der Frankfurter Workshop mit dem SFB „Produktion von Migration“ von der Universität Osnabrück gezeigt.
Was braucht die Forschung?
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom SFB kamen überwiegend aus der Geschichtswissenschaft und demonstrierten in der Vorstellung ausgewählter Teilprojekte, was digitales Arbeiten in der geisteswissenschaftlichen Forschung heißen kann: Schnittstellennutzung zur Datensammlung, Datenaufbereitung, 3D-Modellierung, die Nutzung von Open-Source-Software und das Mitdenken von Forschungsdatenmanagement und Langzeitarchivierung – all das ist keineswegs selbstverständlich für die Geisteswissenschaften und zeigt den hohen Bedarf an Datenkompetenzen.
Das trifft besonders auf Programmierfähigkeiten zu. Damit ist nicht gemeint, dass man in der Lage sein muss, vollständige Software zu entwickeln, sondern die Fähigkeit, Programmskripte für den Eigenbedarf zu schreiben und – was entscheidend ist – die Fähigkeit, Code lesen und verstehen zu können. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz kann den Bedarf an Programmierfähigkeiten zwar ein wenig auffangen, obsolet werden diese Kompetenzen durch KI jedoch nicht. Der Bedarf an Programmierarbeit in Großprojekten wie einem SFB ist so hoch, dass die Programmierstellen heillos überlastet wären.
Deswegen muss das wissenschaftliche Personal diese Fähigkeiten besitzen, was im SFB – das haben die Beiträge gezeigt – der Fall ist. Doch woher stammen diese Kompetenzen? Die Diskussion zeigte, dass diese Fähigkeit nicht Teil des geisteswissenschaftlichen Studiums oder anderweitig Teil der Ausbildung gewesen, sondern autodidaktisch angeeignet worden sind. Vermittlung solcher und anderer Datenkompetenzen Teil geisteswissenschaftlicher Curricula zu machen, wäre zwar wünschenswert, erfolgt aber weder flächendeckend noch tiefgreifend genug, um dem Bedarf an diesen Fähigkeiten gerecht zu werden. Es bleibt zu konstatieren: „Eine systematische Ausbildung unter dem Motto ‚Computing for the Humanities‘ stelle jedoch nach wie vor ein Desiderat dar.“[2]
Sowohl die Forschung als auch der GLAM-Bereich sind auf hybride Kompetenzen angewiesen. Beide würden davon profitieren, würden Datenkompetenzen im Studium vermittelt. Da das aktuell kaum der Fall ist, wird „die Promotionsphase zum Flaschenhals“[3], da die Fähigkeiten erst dann angeeignet werden, wenn der Bedarf akut ist. Die benötigten Kompetenzen erst im Job nachzuschulen – so eine Wortmeldung aus dem Leipziger Workshop – sei schon aus Kapazitätsgründen nicht zu leisten.
Wie lässt sich das Problem lösen?
Eine mögliche Lösung hat die Universitätsbibliothek Osnabrück auf dem Frankfurter Workshop skizziert. Über modulare Zertifikatskurse ließe sich flexibel auf die Bedarfe reagieren und benötigte Datenkompetenzen in einer Weise vermitteln, von der sowohl die Forschung als auch der GLAM-Bereich profitieren – ein Ansatz, der für die HERMES-Transferwerkstatt attraktiv ist und es wert ist, weiter verfolgt zu werden.
Die Ergebnisse, die wir aus beiden Workshops ziehen konnten, lieferten uns wichtige Erkenntnisse und haben HERMES vorangebracht. Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Workshops für die rege Beteiligung und gewinnbringenden Diskussionen!
[1] Friedrich Quaasdorf: Kompetenzerwerb und Kompetenzerhalt, in: ABI Technik 45 (2025) Heft 3, S. 329-334, hier S. 332, DOI: https://doi.org/10.1515/abitech-2025-0050 (aufgerufen am 20. August 2025).
[2] Annika Heyen: History@SFB: Projekte A3, A5 und T mit dem DH-Team der Universitätsbibliothek zu Gast bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main, in: NGHM@UOS Blog, 27. Juli 2025. DOI: https://doi.org/10.58079/14fqj (aufgerufen am 20. August 2025).
[3] Quaasdorf: Kompetenzerwerb und Kompetenzerhalt, S. 331.







