Künstlerspende rettet Museum

21. November 2022
von Stephanie Jacobs und Carolina Volkmann

Während die 1920er Jahre mit Kabarett, Dada, Jazz und Kurzhaarschnitt gemeinhin als Metapher für den kulturellen Aufbruch, für die Moderne schlechthin, gelten, ist das Jahrzehnt zugleich geprägt von Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, die große Bevölkerungsschichten in die Arme radikaler Parteien treiben.

„Golden Twenties“? Kultur im Zeitalter der Extreme

Eine höchst fragile Zeit, Extreme begegnen sich auf engstem Raum. Die Inflation macht auch vor der Kultur keinen Halt, bedroht ihre Einrichtungen existenziell. So kann das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig bereits Anfang der 1920er Jahre weder die Gehälter seiner Mitarbeiter*innen noch Miete oder Heizung bezahlen. Um der Schließung des traditionsreichen Hauses der stolzen Buchstadt zuvorzukommen, steht als ultima ratio der Verkauf des wertvollsten Objektes an: der Gutenberg-Bibel. Um diesen kulturellen Ausverkauf zu verhindern, hat der Assistent des Museums, Hans Heinrich Bockwitz, eine geniale Idee, die sich als letzte Rettung in der Not erweisen sollte … 

Broschüre und Dank für alle Unterstützer*innen der „Bücher- und Graphik-Spende“ (1924), Foto: DNB

Eine besondere Bitte

Bockwitz bittet einige der namhaftesten Künstler*innen seiner Zeit – Paul Klee ist ebenso darunter wie Käthe Kollwitz, Lovis Corinth oder Oskar Kokoschka – jeweils eine Grafik zu spenden. Der Verkaufserlös der „Künstlerspende“ soll dem Museum zugutekommen und das Haus vor dem Ruin bewahren. Die 20-teilige Grafikmappe bezeugt, wie die pfiffige Idee eines Einzelnen und das koordinierte Engagement von Akteur*innen aus Kunst und Kultur nicht nur Rettung in einer scheinbar ausweglosen Situation sein, sondern auch langfristig stabilisierend wirken können. Das macht Mut – auch 100 Jahre später. Und demütig, denn ohne das damalige Engagement gäbe es das Deutsche Buch- und Schriftmuseum nicht mehr.

Wie es so weit kam

In den Nachkriegsjahren und den Turbulenzen der Inflation verschlechtert sich die finanzielle Situation des Museums dramatisch. Zahlreiche Mitglieder seines Trägervereins, des Deutschen Vereins für Buchwesen und Schrifttum, können den Jahresbeitrag nicht mehr zahlen – eine Haupteinnahmequelle für das Museum versiegt. Auch der Fonds zur Weiterführung der Sächsischen Bibliographischen Sammlung, der – vom Verleger und Büchersammler Heinrich Klemm (1819–1886) mit der Übergabe seiner Sammlung ans Museum gespendet – das Museum finanziell absichert, neigt sich dem Ende zu. Eine Eingabe an den Staat, in der die Mitarbeiter*innen des Museums auf die notwendige Angleichung ihrer Gehälter aufmerksam machen, legt Zeugnis von der prekären Situation ab.

Mit dem Ziel, das Museum in der Buchgewerbestadt Leipzig unbedingt vor seinem Fall schützen zu wollen, sind die Vorsitzenden des Trägervereins dazu bereit, „alle Register [zu ziehen], um das Ganze zu halten“.  Sogleich werden die ersten Sparmaßnahmen – etwa die Kürzung der Öffnungszeiten des Museums – eingeleitet, doch vermögen es diese nicht, die finanziellen Nöte zu überwinden. Nachdem der Versuch scheitert, das Museum zur Einsparung von Miet- und Heizkosten in freie Räume der Universitätsbibliothek Leipzig zu verlegen, protokolliert der Vorstand des Trägervereins im Juni 1921, dass „nur der Weg übrig [bleibe], die 42-zeilige Bibel zu verkaufen und ihren Erlös als Kapital anzulegen“.

Erste Spendenaufrufe

Im Februar 1922 informiert der sächsische Ministerpräsident den Ältestenrat des Landtags darüber, dass die Reichsbehörden keinen Einwand gegen den Verkauf der Gutenberg-Bibel ins Ausland erheben würden, und erbittet einen entsprechenden Landtagsbeschluss. Doch gegen „das Gespenst des Bibelverkaufs“, wie der Museumsdirektor Albert Schramm (1880–1937) die Verkaufsabsichten des Staates in seinem „Letzten Appell!“ von 1922 benennt, regt sich Widerstand. Dessen einflussreichste Wortführer sind der Direktor der Akademie der graphischen Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Walter Tiemann (1876–1951), und der Insel-Verleger Anton Kippenberg (1874–1950). Sie initiieren Spendenaufrufe, die jedoch nicht den erhofften Erfolg haben.

Wenngleich es dem Museumsverein binnen kurzer Zeit gelingt, mehr als 1.000 neue Mitglieder zu akquirieren und in der internationalen Fachwelt fast eine halbe Million Mark an Spenden einzuwerben, droht „der rapide Sturz der Mark […] alles wieder zunichte zu machen“,  wie Schramm die verfahrene Lage beschreibt. In den Protokollen des Landtags taucht das Thema des Bibelverkaufs in der Folge immer wieder auf und wird zu einer Prinzipienfrage des kulturellen Selbstverständnisses. So mahnt der Vizepräsident des Landtags, Wilhelm Bünger (1870–1937), im Januar 1923, „dass man mit der Veräußerung von Kulturdenkmälern – ein solches ist die Gutenbergbibel zweifellos – erheblich vorsichtiger sein soll, ja dass man überhaupt davon absehen soll in einer Zeit der Geldentwertung“. 

Max Slevogt: Skizze zu „Hektors Abschied von Andromache“ (Künstlerspende von 1922), Foto: DNB

Die rettende Idee

In dieser scheinbar ausweglosen Situation ersinnt Hans Heinrich Bockwitz (1884–1954), seit 1919 Assistent und ab 1929 Direktor des Museums, die Idee zu einer außergewöhnlichen Rettungsaktion: Er motiviert einige der namhaftesten zeitgenössischen Kunstschaffenden, das Museum zu unterstützen.

Das Resultat: die „Künstlerspende für das Deutsche Buchmuseum“. Die Mappe enthält insgesamt 20 Originalgrafiken, unter anderem von Lovis Corinth, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Käthe Kollwitz, Alfred Kubin, Max Liebermann und Max Slevogt. Die Sammlung beinhaltet Porträts und Landschaften, aber auch Genremotive, Tierdarstellungen und mythologische Szenen. Neben den Grafiken werden auch der Druck, das Papier und die buchbinderischen Arbeiten gespendet.

Die Initiative des Museums, dass es „in ausgezeichneter Weise verstanden hat, selbst die Bettelei […] zu organisieren“, wird vom Landtag schließlich einvernehmlich gelobt; die Forderung des Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands und Gewerkschafters Arthur Lieberasch (1881–1967), die Existenz des Museums zu sichern, indem es in Staatsbesitz überführt wird, verhallt jedoch.

200 Exemplare für den Erhalt des Museums

Die Auflage der Künstlermappe wird auf 200 Stück festgesetzt, der Verkaufspreis in Deutschland beträgt 400 Mark, die damals – um mit der Inflation Schritt halten zu können – mit der jeweils aktuellen „Schlüsselzahl des Börsenvereins“ multipliziert wird. Im Ausland kostet die Künstlerspende 100 Dollar. Verkaufsbeginn ist im November 1922 und tatsächlich hilft der Erlös, die Ausgaben des Museums für ein dreiviertel Jahr zu decken.

Den Gewinn der Grafikmappe schätzt der Vizepräsident des Sächsischen Landtags auf rund 50 Millionen Mark. Der große Erfolg der Künstlerspende gibt den Vorsitzenden des Trägervereins Anlass zur Hoffnung, „durch Anspannung aller Kräfte wenigstens unseren wichtigsten Kulturbesitz durch diese Zeiten hindurch zu retten“. 

Nachdem das Mappenwerk bereits im Januar 1923 bis auf wenige Exemplare vergriffen ist, beschließen die Beteiligten, im kommenden Jahr gleich zwei weitere Künstlermappen zu veröffentlichen. Die Realisierung dieser Bestrebungen erweisen sich angesichts von Inflation und unzureichender Unterstützung durch den Staat als ein Vorhaben mit vielen Hindernissen.

Ausschnitt einer Liste des Dankes für die Erste Künstlerspende, Foto: DNB

Ein Auf und Ab

Der Verkauf der Gutenberg-Bibel ist nunmehr zwar vom Tisch, doch eine mittelfristige Konsolidierung des Museums bleibt aus. So erkennt der Vorsitzende des Trägervereins Ludwig Volkmann (1870–1947) im September 1923 an, dass das Museum „betriebsbankrott“ sei und sieht sich damit in der Pflicht, die Schließung des Museums und Kündigung aller Mitarbeiter*innen auf den 1. Januar zu beantragen. Durch die Entlassung von Personal und Vermietung der Ausstellungsräume kann die vollständige Abwicklung des Museums kurzfristig zwar abgewandt werden. Ende 1925 ist die Lage jedoch so ernst, dass der einzige Ausweg zunächst in der Magazinierung des Museums und sodann, unter Mithilfe vonseiten der sächsischen Regierung, im Umzug des Museums in sehr bescheidene Räume in der Deutschen Bücherei besteht.

2. Mappe der Künstlerspende, 1926, Foto: DNB

Die zweite Mappe

Finanziert durch eine Bücher- und Grafikspende kann 1926 schließlich doch eine der zwei geplanten Folgemappen mit 15 Originalgrafiken in einer Auflage von 150 Exemplaren aufgelegt werden. Diese Mappe enthält Blätter unter anderem von Marcus Behmer, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. An den Verkaufserfolg der ersten Künstlerspende kann sie allerdings nicht anknüpfen.

Ihr Ziel – „unseren alten Kulturbesitz uns für eine hellere Zukunft [zu] erhalten“ – hat die Künstlerspende erreicht: Der über Jahre drohende Bibelverkauf kann verhindert und die, wenn auch schmale, Existenz des Museums über die kritischen Jahre der Inflation hinweg gerettet werden. Ohne diesen Bestandszuwachs der besonderen Art hätte das Museum, das 2026 seinen 140. Geburtstag feiern wird, die Inflation der 1920er Jahre nicht überlebt, wovor Albert Schramm bereits 1922 in seinem „Letzten Appell!“ gewarnt hat: „Oder soll das Buchmuseum, das in kurzem sein 40jähriges Bestehen feiern kann, kurz vor dieser Zeit zusammenbrechen!“

Diebstahl?

Abbildung einer leeren Grafikmappe
Leere Mappe der 1. Künstlerspende, 1922, Foto: DNB

Die Geschichte dieser existenzsichernden Spende wäre aber nur unvollständig erzählt, wenn unerwähnt bliebe, dass beide Exemplare der Grafikmappen, die im Museum aufbewahrt werden, nicht vollständig überliefert sind. Es fehlen neben den beiden Inhaltsverzeichnissen der Mappen drei der schönsten Blätter: Paul Klees Lithografie „Die Hexe mit dem Kamm“, das Selbstbildnis von Käthe Kollwitz, beide aus der Mappe von 1922, und ein Männerkopf von Karl Schmitt-Rottluff aus der zweiten Mappe. Alle Grafiken sind handsigniert.

Die Spuren dieses Verlusts liegen bis heute im Dunkeln. Die Tatsache, dass auch die Inhaltsverzeichnisse fehlen, weisen auf einen Diebstahl hin; alle drei Blätter sind 2006 in einem Ausstellungskatalog des Deutschen Buch- und Schriftmuseums veröffentlicht worden.  An der Aufklärung dieses Verlusts weiterzuarbeiten, sind wir der für die Geschichte des Museums zentralen Künstlerspende schuldig.

Virtuelle Ausstellung

Unter dem Titel „Kunst + Krise. Klee, Kokoschka, Kollwitz & Co. retten Museum vor dem Aus“ ist die Geschichte der Künstlerspende in einer bildreichen, virtuellen Ausstellung zusammengefasst.

Dieser Beitrag ist eine erweiterte Fassung des Kapitels zur Künstlerspende in der Publikation „Tiefenbohrung. Eine andere Provenienzgeschichte“. Infos zum Gesamtprojekt zur Provenienzgeschichte des Deutschen Buch- und Schriftmuseums sind hier zu finden: dnb.de/tiefenbohrung.

Stephanie Jacobs

Dr. Stephanie Jacobs ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.

Carolina Volkmann

Im Rahmen des Master-Studiengangs „Editions- und Dokumentwissenschaft“ der Bergischen Universität Wuppertal absolvierte Carolina Volkmann mit dem Themenschwerpunkt „Künstlerspende“ ihr Praktikum im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB

Ein Kommentar zu „Künstlerspende rettet Museum“

  1. Elke Jost-Zell sagt:

    Was für eine Geschichte! Vielen Dank dafür, und hoffentlich bleibt Hans Heinrich Bockwitz als stiller Held des DBSM in ewiger Erinnerung. Auch wenn die wundervolle Gutenberg-Bibel sich aktuell leider nicht in ihrer Heimstätte in Leipzig befindet, sondern in Moskau …

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  • ISSN 2751-3238