Neues vom Roten Florilegium

18. Juli 2026
von Udo von der Burg

Im September 2024 übergab Frau Prof. Dr. Dr. Dagmar Hülsenberg dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek als Schenkung ein Florilegium (Blumenbuch) – das Rote Florilegium[1]sowie Dokumente aus dessen Provenienzgeschichte. Zum damaligen Blogartikel gibt es nun aus der Forschungscommunity einen ergänzenden Kommentar von PD Dr. phil. habil. Udo von der Burg.

Teil des Blütenkranzes im Roten Florilegium
Teil des Blütenkranzes im Roten Florilegium. Foto: DNB

Die Frage: Ist es wahrscheinlich, dass sich das Rote Florilegium in den Händen sowohl der Eheleute Marie Elisabeth von Humboldt geb. Colomb verw. von Holwede und Ferdinand von Holwede als vielleicht auch von Ernst Leo von Holwede befand, bevor es über Umwege an den 1959 verstorbenen Alexander von Holwede gelangte? Oder liegt hier eine Mutmaßlichkeit vor, bei der eine durchaus wertbesetzte künstlerische Anonymität durch Verknüpfung mit einer weithin bekannten historischen Realität aus ihrer Unbestimmbarkeit gelöst und näher klassifizier- und verfügbar gemacht wird? Einziges Verknüpfungsglied bildet allein die Familienverbindung zwischen den Familien Colomb und von Holwede, die jedoch lediglich als „allgemein bekannter Zusammenhang“ vorgetragen wird und ebenso wie die weiteren Spekulationen um die Herkunft des Florilegiums vage bleibt.   

Paul Karl Wilhelm Alexander von Holwede (1878–1959) ist direkter Nachkomme von Friedrich Ernst von Holwede (1723–1765) und Maria Elisabeth geb. Colomb (1741–1796). Nach dem frühen Tode ihres ersten Ehemannes schloss diese 1766 eine zweite Ehe mit Alexander Georg von Humboldt (1720–1779); dieser Ehe entstammen die Brüder Wilhelm und Alexander. Aus der ersten Ehe ging der Sohn Heinrich Ludwig Friedrich Ferdinand (1762–1817) hervor, der in zweiter Ehe Vater des Sohnes Wilhelm Ferdinand Alexander (1795–1877) wurde. Dessen Sohn Florian Wilhelm Max Alexander (1743–1919) wurden die beiden Söhne Paul Karl Wilhelm Alexander (1878–1959) – der Besitzer des Florilegiums – und der jüngere Alexander Werner Georg Hans (1884-1943) geboren.   

Es ist nicht anzunehmen, dass das Florilegium etwa als alter Familienschatz über die Generationen hinweg vererbt worden ist; diesbezügliche Nachweise sind nicht vorhanden. Außerdem befand sich diese Holwede-Linie eher in weniger bemittelten wirtschaftlichen Verhältnissen, die zur frühzeitigen Veräußerung des Kunstgegenstandes hätten führen können. Paul Karl Wilhelm Alexanders Vater, sein Großvater, sowie sein Urgroßvater, der erste Ehemann von Maria Elisabeth Colomb, waren Militärs und schieden im Range eines Hauptmanns bzw. Majors aus. Der Vater des zuvor genannten Brüderpaares bekleidete nach Ausscheiden aus dem Militärdienst das Amt des Bürgermeisters von Meisenheim.  

Paul Karl Wilhelm Alexander trat am 13. März 1897 in das Kurhessische Regiment von Gersdorff Nr. 80 ein, das in Wiesbaden (I. und II. Bat.) und Bad Homburg (III. Bat.) stationiert war.[2] Für 1905 ist er dort als Leutnant und Adjutant verzeichnet. 1913 wird ihm das Hauptmannspatent verliehen, gegen Ende des I. Weltkrieges gerät er in Gefangenschaft. Wahrscheinlich wurde Paul Karl Wilhelm Alexander mit Auflösung des Kaiserlichen Heeres aus dem Militärdienst entlassen, denn Ehrenkroog gibt 1931 seinen Charakter als Major a. D. an.  Dies gilt gleichermaßen für seinen Bruder Alexander Werner Georg Hans, den Ehrenkroog ebenfalls als Major a. D. aufführt.

Bei den Verehelichungen der beiden Brüder fällt Auslandsbezug auf: Paul Karl Wilhelm Alexander heiratet am 30.9.1911 in Wiesbaden – dem Hauptgarnisonsort seines Regiments – Claire Peuser (geb.  Chicago 1887 und 1931 dort verstorben), Tochter eines Apothekenbesitzers. Der Bruder Alexander Georg Wilhelm Hans verehelicht sich am 14.8.1912 in Nottingham (England) mit Alice Neale Goodall oder Godall (geboren 1886 in Nottingham, verstorben: unbekannt). Es ist weiterer Auslandsbezug festzustellen: Der mittlere Bruder, Alexander Ladislaus Otto Günther (1879–1927) stirbt als Kaufmann in New York. Auch aus anderen Linien bzw. Ehen fassen Holwede-Abkömmlinge in Nordamerika Fuß.

Es ist denkbar, dass Paul Karl Wilhelm Alexander – wie auch sein Bruder – nach dem Tode ihrer Ehefrauen, Kinder aus diesen Ehen sind nicht bezeugt, nach Deutschland zurückkehrten, sofern sie sich hier nicht privat durch die Weimarer Zeit hindurchgeschlagen haben. Jedenfalls ist Paul Karl Wilhelm Alexander 1931 in Bad Homburg registriert, seinem alten Garnisonsort.  Die Wiederaufrüstung ab 1933 gab den beiden Brüdern Gelegenheit, wieder in ihre frühere berufliche Laufbahn einzusteigen; sie verfügten zudem über eine wenn auch bescheidene Auslandserfahrung. Für den 1. Juni 1933 verzeichnet das für Hermann Göring neu geschaffene Reichsluftfahrtministerium einen „Major a. D. von Holwede“ – leider keinen Vornamen – als: „Bürooffizier (beim Chef des Stabes)“.

Die beiden Brüder blieben bei ihrem neuen Berufsweg zusammen. Im Adressbuch von 1938/39[3] sind sie gemeinsam offensichtlich als Eigentümer des Anwesens „Am Gehölz 11“ (Alexander, Major) und „Am Gehölz 11a“ (Hans, Oberstleutnant, mit Fernsprechanschluss) in Berlin-Babelsberg aufgeführt. Im Verlauf des Krieges rückten sie sodann zu Obersten auf. Da Alexander Werner Georg Hans 24.5.1943 verstarb, wurde von Paul Karl Wilhelm Alexander das gemeinsame Domizil offensichtlich aufgegeben. Er bezog eine Wohnung in dem Hause Fürstenweg 47, der unter dem neuen politischen Regime in: Mendelssohn-Bartholdi-Straße umbenannt wurde. In diesem Hause, offensichtlich einem Mehrfamilienhaus, wohnten vor dem Kriege der Kaufmann Adolf Schillling, der NS-Bedarf und Ausrüstungs- und Militäreffekten vertrieb, sodann die Witwe Elise Schilling, der Elektromeister Erich Schilling sowie der Stadtbauamtmann Fritz Krüger. Nach dem Kriege[4] logierte im Hause Mendelssohn-Bartholdy- Straße 47 zur Untermiete auch der Vater von Elisabeth Steiner, bei deren Besuche des Vaters das Mädchen Elisabeth mit dem Oberst a. D. Paul Karl Wilhelm Alexander bekannt wurde. Dieser vermachte das Florilegium als Rest-Konvolut an Elisabeths Vater, der es an seine Tochter weitervererbte. Mit dem Tode von Wilhelm Paul Karl Alexander aus der II. Ehe des Heinrich Ludwig Fredrich Ferdinand erlosch dessen Nachkommenschaft, auch die – soweit ermittelbar – aus dessen 1801 geschlossenen dritter Ehe.

Es ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass das Florilegium auf dem direkten Wege von Heinrich Ludwig Friedrich Ferdinand an seinen Urenkel Paul Karl Wilhelm Alexander gelangt ist, völlig auszuschließen ist dies allerdings nicht. Das Florilegium könnte schließlich auch über eine der beiden Ehefrauen des Urenkel-Brüderpaares eingebracht worden sein. Indessen liegt neben dem Florilegium noch ein zweites Erbstück aus dem Besitz von Paul Karl Wilhelm Alexander vor: das Kapitäns- bzw. Hauptmannspatent des Hans Ehrenreich von Sanitz (1741–1805) aus dem Jahre 1782, dessen Sohn Friedrich Wilhelm August von Sanitz (1784–1833) durch seine Tochter Eleonore Albertine Karoline Henriette Hyppolita Elise (1816–1895) Schwiegervater von Ernst Leo von Holwede (1802–1872) wurde. Ernst Leo (General-Leutnant) war der erste Sohn aus der dritten Ehe des Vaters. Von seinen drei Söhnen, jeweils ohne männliche Nachkommenschaft, starb der letzte im Jahre 1929. Offensichtlich gelangten die Hinterlassenschaften an die Familie des vorälteren Halbbruders, mithin an Paul Karl Wilhelm Alexander bzw. Alexander Georg Wilhelm Hans. Gehörte auch das Florilegium zu diesem Erbe?

Briefumschlag mit Adresse und Briefmarke
Briefumschlag, adressiert an Alexander von Holwede. Foto: DNB, Julia Rinck

Es bleibt noch das Rätsel um die vorhandene briefliche Hinterlassenschaft zu diskutieren, die Briefumschläge des Absenders A. von Leth aus Lidingö/Stockholm von 1953 und 1955 an den Oberst a. D. in Potsdam/Babelsberg. Die Absenderin Katarina Elisabeth Armgard von Leth (1880-1964) war die Schwester des Malers Johann Otto Felix Siegfried von Leth (1883–1914), der 1907 in London Gertrud Brasch geheiratet hatte und 1812 von ihr geschieden wurde. Armgard von Leth, Logopädin und Psychoanalytikerin, lebte in Schweden zusammen mit ihrer Freundin, der schwedischen Psychoanalytikerin Anna Alfhild Thamm (1876-1959), die unter Mithilfe von Armgard von Leth 1943 die schwedische Psychoanalytische Vereinigung gründete. Der Grund für die Übersiedelung nach Schweden mag in dem ablehnenden Verhältnis der Nationalsozialisten zur Psychoanalyse bestanden haben, vielleicht auch zu dem expressionistischen Schaffen des Bruders. Wie Armgard von Leth Erbin ihres Bruders war, so gingen auch nach dem Tode von Alfhild Thamm Hinterlassenschaften auf sie über.  Eine spannende, jedoch vorerst unbeantwortete Frage besteht in dem Zustandekommen der Bekanntschaft zwischen den beiden Briefpartnern.

Somit gilt: Je mehr man sich bemüht, die Geschichte des Roten Florilegiums aufzudecken, um so spannender wird die Suche: Wir wissen, dass wir längst noch nicht alles wissen.   

Udo von der Burg

Priv.-Doz. Dr. phil. Udo von der Burg, Studium an den Universitäten Münster, Göttingen, Tübingen und Bochum (Pädagogik, Deutsch, Geschichte, ev. Theologie, Sozialwissenschaften); 1974 Promotion; 1989 Habilitation und Privatdozentur im Bereich Schulpädagogik und Didaktik, 1976 Fachleiter für Pädagogik; seit 1981 Lehrbeauftragter für Erziehungswissenschaft an der TU Dortmund. Breite Vortragstätigkeit, zahlreiche Publikationen.


[1] Basisliteratur neben dem Blogbeitrag zum Roten Florilegium (Das Rote Florilegium – blog.dnb.de):  Ehrenkroog, Hans Friedrich: Niedersächsische Beamtenfamilien. V. Die von Holwede, in: Familiengeschichtliche Blätter Bd. 29, Leipzig 1931, Sp.129-140; Genealogisches Handbuch des deutschen Adels, Bd. 20. 1959 (Adel B Bd. IV), S. 276-292).

[2] Bredow, Christian Werner Hans von und Wedel, Ernst von: Historische Rang- und Stammliste des deutschen Heeres, Berlin 1905. 

[3] Adressbuch der Stadt Potsdam, Bsbelsberg, Werder, Potsdam 1938.

[4] Vgl. Akte Potsdam 203 AVE (= Amt zum Schutze des Volkseigentums. Listenbereinigung) 6863. 

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Foto: DNB

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