Tradition und Zukunft: Die IAML-Konferenz in Thessaloniki 2026
Zahlreiche Jubiläen
2026 ist das Jahr der Jubiläen, und sie wurden während der Konferenz alle gefeiert. Das bedeutendste ist der 75. Geburtstag der IAML selbst, der Hand in Hand mit dem zehnjährigen Bestehen ihrer griechischen Ländergruppe einhergeht. Das Internationale Repertorium der Musikliteratur, RILM, welches seit seiner Gründungeng eng mit IAML verbunden ist, wird 60. Und auch die gastgebende Einrichtung, die Universität Thessaloniki, wurde zu ihrem 100. Geburtstag besungen, genau wie das zu ihr gehörige Institut für Musikwissenschaft, das vor 40 Jahren gegründet wurde.

Hervorragende Rahmenbedingungen, um Musikbibliotheken, Musikarchive und Dokumentationszentren, aber auch Fachpublikum aus Kultur und Wissenschaft und zahlreiche ausstellende Firmen zusammenzubringen.
Viele Teilnehmende, viel Kultur
Mit mehr als 300 Teilnehmenden aus 45 Ländern war die Konferenz gut besucht. Der größte Teil kam dabei – wie in der Vergangenheit auch – aus Europa und Nordamerika. Umso schöner war es, auch Menschen aus Afrika, Südamerika und Asien begrüßen zu können. Die verschiedenen Förderprogramme der IAML ermöglichten es einigen jungen Kolleginnen und Kollegen aus weniger privilegierten Ländern, erstmals eine Jahrestagung zu besuchen. So war die Mischung der Teilnehmenden ebenso vielseitig wie die Bandbreite der Themen.

In Thessaloniki sind seit Jahrtausenden so viele Kulturen aufeinandergetroffen und haben ihre musikalischen Spuren hinterlassen. Die makedonische, römische, byzantinische und osmanische Zeit haben die Stadt nachhaltig geprägt und so lag ein Fokus der Tagung auf der reichen und vielseitigen Musiktradition der Stadt und Möglichkeiten, diese mit modernen Mitteln zu archivieren, zu reaktivieren, zu erforschen und zugänglich zu machen.
Digitalität und KI
Gleichzeitig setzte sich ein Trend der letzten Jahre fort. Eine große Menge an Vorträgen, Symposien und Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit den Fragen rund um Künstliche Intelligenz. Teils mit Enthusiasmus ob der neuen Möglichkeiten der Nutzung dieses Werkzeugs, teils aber auch mit der großen Sorge, wie Bibliotheken und Archive mit Daten-Crawls und KI-Agenten umgehen sollen, und wie sich der Buch- und Musikmarkt durch KI-generierte Medien wandelt.

Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) wurde von Ruprecht Langer, dem Direktor des Deutschen Musikarchivs, vertreten. In einer Präsentation sprach über das breite Spektrum an digitalen Sammlungen in der DNB: Von der Sammlung unkörperlicher Audio-Dateien und Notenausgaben, von automatischer Verschlagwortung, vom geplanten neuen Webarchiv und von der Funktionsweise des digitalen Langzeitarchivs. Dieser Beitrag führte zu einer lebhaften Diskussion zu einzelnen Details des Vortrags, stets mit dem Vorhaben, zu diesen Punkten im Gespräch zu bleiben und voneinander zu lernen.
Als Leiter der Sektion „Wissenschaftliche Bibliotheken“ moderierte er ein Panel zum Thema Wasserzeichen. Hier berichteten Kolleg*innen aus München, Dresden, Berlin und Salzburg von verschiedenen Datenbanken, den Vorteilen des thermografischen Verfahrens und einer neuen inter-institutionellen Daten-Community.
Die National Libraries Study Group
2024 entstand innerhalb der IAML eine neue Arbeitsgruppe, die sich mit Fragen und Problemstellungen befasst, die in der Regel vordergründig Staats- und Nationalbibliotheken betreffen. Als Leiter dieser Gruppe lud Ruprecht Langer im vergangenen Jahr zu einem Brainstorm ein, welche Themen diese Gruppe künftig fokussieren solle. Den größten Zuspruch fand das Thema Cyber Security. Dankenswerterweise erklärte sich Frankie Perry bereit, dieses Thema aus Sicht der British Library zu beleuchten. Als Reaktion auf den verheerenden Cyber-Angriff 2023 hat die British Library unter anderem ihre Backup-Maßnahmen erheblich verbessert, darunter unveränderliche Backups, die von Angreifern nicht ohne Weiteres verändert oder verschlüsselt werden können, sowie Air-Gapped-Backups, die vom operativen Netzwerk isoliert sind. Dadurch wird sichergestellt, dass auch im Falle einer Kompromittierung der Systeme zuverlässige Wege zur Wiederherstellung bestehen.
Auch die DNB ist regelmäßig Angriffen ausgesetzt. Um zu umreißen, wie die Bibliothek auf diese wachsende Bedrohung reagiert, berichtete Ruprecht Langer in einem Impulsvortrag vom Aufbau einer sogenannten Zero-Trust-Architektur in der Bibliothek. Hier geht es um die Annahme, dass sich Malware jeglicher Art bereits innerhalb unseres Systems befindet und der Schutz z.B. über eine Firewall nicht ausreicht. Vielmehr soll schädliche Software daran gehindert werden, sich lateral auszubreiten und zu viel Zugriff auf kritische Prozesse zu erhalten.
Dass sich beim Thema Cyber Security die Frage gar nicht stellt, ob ein Angriff stattfinden wird, sondern vielmehr, wann und in welchem Ausmaß, ist Dreh- und Angelpunkt der genannten Strategien. Eine wichtige Erkenntnis innerhalb der Runde der Nationalbibliotheken war, dass die Bedrohungslage von den unterschiedlichen Institutionen in der Regel ähnlich eingeschätzt wird. Die Maßnahmen allerdings, dieser Bedrohung beizukommen, unterscheiden sich zum Teil stark. Häufig liegt das an den zur Verfügung stehenden personellen, technischen und finanziellen Ressourcen. Hier wurde vor allem der Hinweis auf kostenfreie virtuelle Weiterbildungen dankbar angenommen, wie sie zum Beispiel die Information Technology Section der IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) immer wieder anbietet.

Der letzte Punkt auf der Agenda der Arbeitsgruppe der Nationalbibliotheken war die Wahl des Schwerpunkthemas der folgenden Sitzung. 2027 soll es um einen Erfahrungsaustausch gehen, wie die Rolle einer Nationalbibliothek in den einzelnen Ländern definiert ist, insbesondere dann, wenn bedeutende Teile der kulturellen Sammlung eines Landes auf unterschiedliche Bibliotheken, Archive und Forschungseinrichtungen verteilt ist. Es scheint keine Seltenheit zu sein, dass umfangreiche Sammlungen – auch im Musikbereich – nicht in der Nationalbibliothek bewahrt werden. Wie die Zusammenarbeit funktioniert, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es gibt, welche Risiken aber auch Chancen eine solche Verteilung kulturellen Erbes mit sich bringen, und wie wir hier von einander lernen können – all das legt die Basis für eine angeregte Diskussion.
2027 wird die Jahrestagung der IAML in Toronto stattfinden, die Vorbereitungen des Vorstands, des Ortskomitees, der Sektionen und Arbeitsgruppen laufen bereits jetzt.






