Verbriefte Freundschaft

16. März 2022
von Jakob Hoffmann und Stephanie Jacobs

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum zeigt in der neuen Ausstellung einen Großen der europäischen Illustratorenzunft: Axel Scheffler. Mit über 18 Millionen verkauften Exemplaren zählt der von ihm gezeichnete „Grüffelo“ zu den 15 meistverkauften Kinderbüchern aller Zeiten. „Verbriefte Freundschaft“, eine gemeinsame Ausstellung mit dem Museum für Kommunikation Frankfurt, zeigt den Zeichner Axel Scheffler von seiner privaten Seite: als Absender zahlloser gezeichneter Briefumschläge, mit denen er seine Freund*innen dies- und jenseits des Ärmelkanals adelt.

Briefumschlag von Axel Scheffler an Anke Kuhl, Zeichnung: Axel Scheffler

Axel Schefflers fantastische Briefbilder

Wer glaubt, mit der Entwicklung der modernen Kommunikationstechnologien verliere der auf Papier geschriebene, gefaltete und mit einem angefeuchteten Gummierstreifen verklebte Brief seine Bedeutung, hat noch niemals einen Umschlag von Axel Scheffler in seinem Briefkasten gefunden. Die große zeichnerische Geste im kleinsten Umschlagsformat, jeweils voller individueller Anspielungen, zeigt: Mit Fug und Recht kann behauptet werden, dass uns erst Mail, WhatsApp, Signal und Co. den Wert des persönlichen, gar handgeschriebenen Briefes so recht gelehrt haben. Je breiter der Raum ist, den die elektronische Informationsvermittlung in unserem Alltag einnimmt, desto größer ist die Distinktion zwischen der ubiquitären Kommunikation via Bits und Bytes und derjenigen auf Papier. Das Digitale adelt das Analoge – das gilt für Brief und Buch gleichermaßen.

Axel Schefflers Briefkosmos ist ein Glücksfall, nicht nur für romantisch geschulte Brief-Aficionados: Ob verspielt oder frech, ob anzüglich, schüchtern oder provokativ – der gezeichnete, gemalte oder collagierte Umschlag bietet den Einstieg in die papierne Kommunikation zwischen Absender und Adressat*in. Seit mehr als 40 Jahren nun vertraut Scheffler diese kleinformatigen Kunstwerke den knallroten Londoner Postkästen an, von denen sie in alle Welt verschickt werden. In ihrer Schrift-Bild-Kombination zeigen die Briefbilder nicht nur unterhaltsame Szenerien, sondern sind facettenreiche und bedeutungsschwangere Zeichenwelten, deren tiefere Sinnzusammenhänge bisweilen nur genau zwei Menschen entschlüsseln können: derjenige, der den Brief zuklebt, und diejenigen, die ihn aufschlitzen.

Briefe und Zeichnungen von Axel Scheffler an Manfred von Papen, Foto: DNB

Brieffreundschaften

Viele dieser mit unikalen Umschlägen dekorierten Brieffreundschaften erstrecken sich über Jahrzehnte. In ihren Briefbildern gehen Zeitgeschichte und Beziehungsgeschichte eine besondere Liaison ein. Oft spielt das Weltgeschehen mit – Brexit, Queen, Europa etc.; manchmal scheinen Tiere – von der Ameise über Schlangen und Mäuse bis zum Elefanten – das kauzige oder innige Verhältnis zwischen Absender und Adressat*in anzudeuten. Zu den Empfänger*innen gehören zahlreiche Illustrator*innen und Künstlerfreund*innen – Rotraut Susanne Berner, Anke Kuhl, Philip Waechter, Thomas M. Müller, Jörg Mühle, Tilman Spreckelsen, Yvonne Kuschel & Beck, Moni Port und viele andere. Ein Netzwerk verbriefter Freundschaften von beachtlicher stilistischer und figuraler Bandbreite, inszeniert auf kleinstem Raum.  

Vor allem aber zeigen die Umschläge die künstlerische Originalität des in aller Welt bekannten Illustrators Axel Scheffler. In ihrer Farb- und Fabulierlust erinnern die Briefbilder bisweilen an illuminierte Handschriften. Zugleich grüßt Scheffler mit seiner Vorliebe für Vignetten zu den Romantikern herüber. Genüsslich dröseln seine Bilderfindungen die Szenerien auf, subtil schleicht sich große zeichnerische und kompositorische Qualität in das kleine Format.

In zwei ganz unterschiedlichen Konzeptionen zeigen das Museum für Kommunikation Frankfurt und das Deutsche Buch- und Schriftmuseum Leipzig insgesamt ca. 500 Umschläge. Die Leipziger Schau gliedert das Material in einem großen Raumnetz um die Brieffreundschaften herum, die Frankfurter als wandfüllende Chronik. So ist die Zwillingsausstellung zugleich ein schöner Freundschaftsbeweis zweier seit langem vertrauensvoll verbundener Häuser.

Ausstellungen

Von Monstern Mäusen und Menschen. Axel Schefflers fantastische Briefbilder
Museum für Kommunikation Frankfurt, 12. März bis 24. Juli 2022

Verbriefte Freundschaft. Axel Schefflers fantastische Briefbilder
Dt. Buch- und Schriftmuseum der Dt. Nationalbibliothek Leipzig, 16. März bis 25. September 2022

Flankierend zu den Ausstellungen erscheint zudem die mit zahlreichen Bildern ausgestattete Publikation „Axel. Scheffler. Verbriefte Freundschaft. Illustrierte Umschläge“ im Péridot-Verlag, Köln, herausgegeben von Jakob Hoffmann und Stephanie Jacobs. Die Publikation ist über den Verlag oder das Dt. Buch- und Schriftmuseum erhältlich, Preis: 16,99 Euro.

Schreib mal wieder!

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum hat zudem unter dem Titel „… schreib mal wieder! Zur Kulturgeschichte des Briefes“ eine neue virtuelle Ausstellung bei der „Deutschen Digitalen Bibliothek“. Die Ausstellung stellt die Anfänge des Briefes vor und fragt nach, was im 18. Jahrhundert einen guten Brief ausmachte. Sie erzählt skurrile Geschichten und blickt in die Gegenwart und Zukunft der schriftlichen Kommunikation.

Jakob Hoffmann

Jakob Hoffmann (Frankfurt/Main) ist Comic-Kenner und Kurator der beiden Ausstellungen in Frankfurt/Main und Leipzig.

Stephanie Jacobs

Dr. Stephanie Jacobs ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Zeichnung: Axel Scheffler

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