Was bleibt? Die Verantwortung für Vergessen
Plädoyer für einen „Tag des Vergessens„
Unsere Gesellschaft kennt zahlreiche Tage des Gedenkens – vor allem im November häufen sich die Anlässe für Erinnerungen. Das Vergessen hingegen hat keinen vergleichbaren Platz im öffentlichen Kalender. Dabei gehört es ebenso selbstverständlich zu unserer Geschichte wie das Erinnern. Was wir bewahren, was wir vergessen und was wir vielleicht sogar vergessen wollen, sagt viel über unser Verhältnis zur Vergangenheit aus – und hat damit entscheidenden Einfluss auf unsere Zukunft.
„Es ist die Vergänglichkeit.“ Mit dieser überraschenden Antwort beginnt Thomas Mann 1952 seinen kurzen Essay Lob der Vergänglichkeit. Nicht das Dauerhafte, Unveränderliche ist für ihn das höchste Gut, sondern die Endlichkeit. Erst die Vergänglichkeit verleiht dem Leben seinen Wert. Denn sie schafft Zeit – und damit die Möglichkeit von Entwicklung, Veränderung und Neubeginn.
Was für das menschliche Leben gilt, lässt sich auch auf unser Verhältnis zur Vergangenheit übertragen. Erinnern und Vergessen sind keine Gegensätze, zwischen denen wir uns entscheiden müssten. Sie gehören untrennbar zusammen. Ohne Erinnerung verlieren wir unsere Geschichte, ohne Vergessen womöglich die Fähigkeit, Gegenwart und Zukunft zu gestalten.
Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat in ihrem Buch Formen des Vergessens (2016) daran erinnert, dass nicht das Erinnern, sondern das Vergessen der Normalfall menschlichen und gesellschaftlichen Lebens ist. Erinnern verlangt Anstrengung. Vergessen geschieht dagegen oft unbemerkt. Doch Vergessen ist keineswegs immer ein passiver Vorgang. Es kann entlasten, Orientierung schaffen, Neues ermöglichen. Es kann aber auch gezielt eingesetzt werden, um Menschen, Ereignisse oder unbequeme Wahrheiten aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen.

Assmann unterscheidet sieben Formen des Vergessens, vom automatischen und selektiven bis zum strafenden, defensiven oder konstruktiven Vergessen. Damit wird deutlich: Vergessen ist nicht grundsätzlich ein Verlust und Erinnern nicht automatisch ein Gewinn. Entscheidend ist, was warum vergessen wird, durch wen und mit welchen Folgen oder Zielen.
Für Gedächtniseinrichtungen ist diese Einsicht eine besondere Herausforderung. Sie verstehen sich traditionell als Institutionen des Bewahrens, als Schutzräume gegen das Vergessen. Sie sammeln, dokumentieren und erhalten Zeugnisse der Vergangenheit, damit diese auch künftigen Generationen zugänglich bleiben. Doch so notwendig diese Arbeit ist: Auch Gedächtniseinrichtungen können nicht alles bewahren.
Jede Sammlung beruht auf Entscheidungen:
- Was wird aufgenommen, was ausgesondert?
- Welche Geschichte wird erzählt, welche bleibt unsichtbar?
- Und wer darf darüber entscheiden?
Jedes Museum ist deshalb nicht nur ein Ort des Erinnerns, sondern auch ein Ort des Vergessens.
Historische Sammlungen spiegeln nicht einfach die Vergangenheit wider. Sie sind Ergebnisse gesellschaftlicher Machtverhältnisse, wissenschaftlicher Interessen und kultureller Wertvorstellungen. Lange Zeit galten die Hinterlassenschaften politischer und gesellschaftlicher Eliten als besonders bewahrenswert, während die Geschichte etwa von Frauen, Arbeiterinnen und Arbeitern, Minderheiten oder kolonisierten Gesellschaften kaum Beachtung fand. Vieles wurde nicht gesammelt, manches bewusst ausgeschlossen. Diese Lücken lassen sich heute nicht ohne Weiteres schließen. Mehr noch: Heute reißen wir andere Lücken in das Gewebe der institutionalisierten Erinnerung.
Die Verantwortung von Museen, Archiven und Bibliotheken besteht deshalb nicht allein darin, vorhandene Bestände zu schützen. Sie müssen auch die Entstehungsbedingungen ihrer Sammlungen hinterfragen, Entscheidungswege transparent und Leerstellen sichtbar machen sowie verdrängte Perspektiven erschließen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit kolonialen Erwerbungskontexten ebenso wie mit politischen Ausgrenzungen, gesellschaftlichen Tabus und den Mechanismen des kulturellen Kanons.
Wie schwierig das Verhältnis von Erinnern und Vergessen geworden ist, haben wir mit der Ausstellung Forget it?! Zukünfte und Geschichten der Wissensspeicherung, im Frühjahr dieses Jahres gezeigt. Die Schau verfolgte die menschliche Sehnsucht, Wissen und Erfahrungen über die eigene Lebenszeit hinaus zu bewahren – von historischen Hungersteinen, die vor wiederkehrenden Dürren warnen, über Zeitkapseln bis zu digitalen Speichern und der Nutzung von DNA als Datenträger.
„Forget it?! Zukünfte der Wissensspeicherung“ ist weiterhin als virtuelle Ausstellung bei der Deutschen Digitalen Bibliothek erlebbar: Forget it?! | Virtuelle Ausstellungen DDB
Lesen Sie mehr zu „Forget it?!“ und den Erfahrungen, Meinungen und Anregungen aus der Ausstellung in unseren Blogbeiträgen:
„Zettel über Zettel. Vergessen und Erinnern“
„Wunderkammer, Mythos, Alltag, Zukunftsvision“

Dabei wird ein bemerkenswerter Widerspruch sichtbar: Während Menschen über Jahrtausende darum kämpfen mussten, Wissen vor dem Verschwinden zu retten, verfügen wir heute über technische Möglichkeiten, nahezu unbegrenzte Mengen an Informationen zu speichern – aber auch auf Knopfdruck vergessen zu amchen, für alle Ewigkeit. Daher: Mehr Speicherung bedeutet eben nicht automatisch mehr Erinnerung.
Gerade die digitale Gegenwart lässt daran zweifeln. Informationen können scheinbar unbegrenzt aufbewahrt werden und dennoch aus dem Blick geraten. Daten verschwinden durch technische Defekte, veraltete Formate, wirtschaftliche oder politische Interessen sowie gezielte Löschungen. Zugleich wird das Recht auf Vergessenwerden zu einer wichtigen Voraussetzung persönlicher Freiheit. Nicht jede Jugendsünde, jede intime Mitteilung, jeder Irrtum sollte dauerhaft öffentlich verfügbar bleiben.
Als zentrale Frage kristallisiert sich dabei heraus:
Was wollen wir bewahren – und was sollten wir vergessen dürfen?

Besonders eindrücklich wird diese Frage mit Blick in eine ferne Zukunft. Wie lässt sich zum Beispiel das Wissen um die Gefahren radioaktiver Abfälle über Jahrtausende erhalten, wenn Sprachen, Zeichen und möglicherweise ganze Kulturen verschwinden? Hier wird Erinnerung zur Überlebensfrage. Vergessen könnte katastrophale Folgen haben.
Vergessen kann aber auch zur Waffe werden, wenn autoritäre Regime durch Zensur, Löschung und Unterdrückung von Informationen das gesellschaftliche Gedächtnis kontrollieren. Die Bewahrung von Dokumenten ist dann kein neutraler Vorgang, sondern eine Form des Widerstands.
Gerade daraus erwächst eine politische Verantwortung der Gedächtniseinrichtungen. Sie dürfen sich nicht darauf beschränken, die Vergangenheit als vermeintlich abgeschlossene Geschichte zu präsentieren. Sie müssen nachvollziehbar machen, wie Geschichtsbilder entstehen, warum bestimmte Erinnerungen öffentlich präsent sind und andere nicht. Sie müssen Widersprüche aushalten und auch solche Zeugnisse zugänglich machen, die vertraute Erzählungen infrage stellen oder den ethischen Vorstellungen unserer Gesellschaft widersprechen.
Allerdings ist die Antwort darauf nicht, einfach immer mehr zu sammeln. Denn auch eine Überfülle an Informationen kann das Erinnern erschweren. Wer alles gleich wichtig nimmt, verliert die Fähigkeit zur Unterscheidung. Gedächtniseinrichtungen müssen deshalb auswählen, ordnen und gewichten. Entscheidend ist, dass sie diese Entscheidungen begründen, offenlegen und immer wieder überprüfen.
Dabei geht es nicht um ein staatlich oder institutionell verordnetes Erinnern. Museen sollten vielmehr Räume schaffen, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen aufeinandertreffen können. Ihre Aufgabe ist es nicht, ein endgültiges Geschichtsbild festzuschreiben, sondern historische Erkenntnis zu ermöglichen und gesellschaftliche Verständigung zu fördern.

Und dazu gehört auch, das Vergessen selbst zum Thema zu machen: nicht nur die bewahrten Objekte zu zeigen, sondern ebenso die verlorenen, die ausgeschlossenen oder die bewusst vernichteten oder zerstörten Spuren. Die Leerstellen einer Sammlung können ebenso viel über eine Gesellschaft erzählen wie ihre kostbarsten Exponate.
Thomas Manns Lob der Vergänglichkeit erinnert uns schließlich daran, dass Bewahren nicht bedeuten kann, die Zeit anzuhalten. Vergangenheit ist unwiederbringlich vergangen. Wir können ihre Spuren sichern, sie befragen und immer wieder neu deuten. Aber wir können sie nicht unverändert festhalten.
Gerade darin liegt die Zukunftsaufgabe von Gedächtniseinrichtungen: Sie sollen nicht alles für immer bewahren wollen, sondern dafür sorgen, dass auch kommende Generationen die Möglichkeit haben, sich ein eigenes Bild von der Vergangenheit zu machen.
Nicht alles muss erinnert werden. Aber was wir vergessen, wer darüber entscheidet und welche Folgen dieses Vergessen hat, darf uns nicht gleichgültig sein.
Stephanie Jacobs
ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.






