Wiborada – Schutzheilige der Bibliotheken

22. August 2026
von Elke Jost-Zell & Petra Kuhlemann

Library Love, Teil 2

Wiborada, eine junge Frau aus gut situierter Familie im Thurgau des 10. Jahrhunderts, fühlte sich schon früh zu einem Leben in Gebet und tätiger Nächstenliebe berufen.

Mit ihrem Bruder Hitto, der später als geweihter Priester dem Kloster St. Gallen beitrat, ging sie auf Wallfahrt nach Rom und lernte die Welt kennen. Sie eignete sich geistliche Bildung an und erlernte die lateinischen Psalmen. Wenig später folgte Wiborada ihrem Bruder nach Sankt Gallen, um dort als Inklusin zu leben. Sie ließ sich im Jahr 916 in eine Zelle an der Wand der Kirche St. Mangen in St. Gallen einmauern und blieb nur durch Fensteröffnungen mit der Welt verbunden. Lange Jahre wirkte sie als Seelsorgerin und Ratgeberin für viele Menschen.

Auf der Website Da-Sein finden wir eine Vorstellung davon, wie Wiborada lebte und wirkte: „Sie ließ sich aus freiem Willen einschließen, wie es damals einige taten. Wiboradas Kennzeichen war ihr bedingungsloses Da-Sein. Daraus wuchs ihre Kraft. Sie war die Person in der Stadt, von der alle wussten, dass sie da ist. Jederzeit erreichbar. Durch ihr Fenster pflegte sie regen Kontakt zur Außenwelt. Sie wurde zur Gesprächspartnerin für die Bevölkerung, für die Mönche des Klosters, den Abt, für Ratsuchende, Arme, aber auch für Reiche und Einflussreiche, Durchreisende, Neugierige. Wiborada war einfach jeden Tag da. Und das für alle.“ In einer Vision sah sie einen Überfall ungarischer Reiterhorden auf das Kloster voraus und warnte den Abt vor dem kommenden Unheil.

Bild der Heiligen Wiborada, Titelminiatur in der ältesten deutschsprachigen Übersetzung der Lebensgeschichten der St. Galler Heiligen. Stiftsbibliothek St. Gallen, Codex 586
Wiborada – Schutzheilige der Bücher, Bibliotheken und Buchbinder
Foto: Wikimedia Commons

Durch ihr schnelles und weitsichtiges Handeln sorgte sie dafür, dass der Abt das wertvolle Klostereigentum in Sicherheit bringen konnte. Gold und Silber lagerten in einer Waldfestung und die Bibliothek, deren Manuskripte sie teilweise eigenhändig gebunden hatte, kam auf die Insel Reichenau. 926 standen magyarische Plünderer vor den Toren des Klosters St. Gallen, doch der Schatz des heiligen Gallus blieb unauffindbar. Wiborada war wegen ihres Gelübdes zurückgeblieben und wurde von den enttäuschten Reitern erschlagen. Rom sprach sie 1047 für ihren Opfermut heilig – sie war die erste Frau, die heiliggesprochen wurde. Seitdem wird sie als Patronin der Bibliotheken, der Bücher und der Buchbinder verehrt und in der Ikonografie mit einem Buch und einer Hellebarde versehen, die ihr Martyrium darstellen. Auch einige Wunder werden ihr nach ihrem Tod zugeschrieben.

Zum 1100. Jubiläum ihrer Heldentat feiert ganz St. Gallen im Jahr 2026 seine Heilige und Schutzpatronin. Am 02. Mai, ihrem Todestag, feierte die Stadt diese inspirierende Frau mit einem Fest bei St. Mangen und bietet ansonsten während des gesamten Jubiläumsjahres gesellschaftlich breit aufgestellte und vielfältige Veranstaltungen wie Ausstellungen, andere künstlerische Formate, Diskussionen und interaktive Bildungsangebote an, bei denen die Bedeutung Wiboradas für Jung und Alt sichtbar gemacht werden soll. Eine der Veranstaltungen findet in der Stiftsbibliothek Sankt Gallen statt und beschäftigt sich mit weiblichen Lebenswelten im Mittelalter. Auch ihr allumfassendes Da-Sein für andere wird im Jubiläumsprogramm durch die Aktion Da-Sein erlebbar gemacht: „In diesem Jahr soll kein Tag vergehen, an dem ihre Zelle in St. Mangen leer ist. Jeden Tag ist ein Mensch da für die anderen Menschen in der Stadt – vom Nobody bis zum Bratwurstpromi. Ob Fußpflegerin oder Buschauffeur, ob Dozentin oder Bank-CEO, Zeitungsverkäufer oder Stadtpräsidentin: Alle haben ein offenes Ohr oder viel zu berichten und allerhand Expertise zum Teilen.“

Der Wiborada-Brunnen in Sankt Gallen
Der Wiborada-Brunnen in Sankt Gallen
Foto: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Im Katalog der DNB finden wir über Wiborada neun Publikationen – eine moderne zweisprachige Ausgabe der beiden Lebensbeschreibungen Wiboradas, einen Erlebnisbericht in Tagebuchform über einen Aufenthalt in einer Einsiedlerzelle ähnlich der von Wiborada, eine Aufsatzsammlung über Wiborada, einen Roman in verschiedenen Ausgaben und eine Hochschulschrift, die sich mit Friedrich Colner und seinen Übersetzungen, unter anderem der Heiligenvitae  Wiboradas, beschäftigt.

Wiborada lebte in einer Zeit, in der Bücher oft wunderbare Kunstwerke waren, deren Herstellung von Mühen, Kosten und enormem Zeitaufwand begleitet war und die nicht minder wertvoll waren als Gold und Silber, oft sogar noch wertvoller, da sie nicht nur aus kostbaren Materialien bestanden (handgeschöpftes Papier oder Pergament, per Hand beschrieben, bemalt und mit Edelmetallen und/oder Edelsteinen verziert), sondern auch Ideen und Geschichten enthielten. Nicht ohne Grund also wurden diese Kunstschätze oft mit Eisenketten an die klösterlichen Lesepulte gekettet – neben dem Verstecken, wenn Krieg und Plünderung drohten, war dies eine Maßnahme, um sie vor Diebstahl zu schützen.

Ein Werk, das dank Wiboradas Liebe zu Büchern erhalten blieb, könnte das Psalterium Gallicanum mit Cantica circa aus dem Jahr 820/830 sein, das sich noch heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet. Wer weiß, vielleicht war es sogar Wiborada, die das Buch einband oder neu band, bevor sie es rettete?

Eine Pergamentseite mit Buchmalerei (Initiale) aus dem 9. Jahrhundert
Handschrift auf Pergament: Der Wolfcoz-Psalter – früheste sanktgallische Initialkunst auf hohem Niveau
Psalterium Gallicanum mit Cantica Cod. Sang. 20
Foto: Stiftsbibliothek Sankt Gallen

Für eine Wegwerfgesellschaft wie unsere ist dieser Aufwand vielleicht schwer vorstellbar. Doch auch die heutigen, industriell gefertigten Bücher beherbergen geistige Schätze und benötigen unsere Fürsorge – damit sie uns auch für die nächsten 1100 Jahre (und darüber hinaus) als Artefakte und Zeitzeugen erhalten bleiben.

Bibliotheken wie die DNB sorgen dafür, dass die Werke der Literatur, der Kunst, Kultur, Wissenschaft und Musik in ihrer originären physischen oder digitalen Form verzeichnet werden, allgemein zugänglich sind und für alle Zeit aufbewahrt bleiben.

Petra Kuhlemann & Elke Jost-Zell

Petra Kuhlemann und Elke Jost-Zell sind als Bibliothekarinnen und Autorinnenteam für die Deutsche Nationalbibliothek tätig

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Wikimedia Commons

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