Exil erinnern – aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen

25. August 2023
von Marc Wurich

Zwei Exilausstellungen im Frankfurter Haus der DNB – ein Rückblick

1965

Am 28. Mai 1965 wurde erstmals eine Ausstellung in der Deutschen Bibliothek (DB) in Frankfurt eröffnet. In ihr präsentierte die damalige Abteilung X des Hauses ihre weltweit einzigartige Sammlung an Exilpublikationen einer breiten Öffentlichkeit. Der Bestand der Abteilung umfasste damals 8.000 Bücher und Zeitschriften, die während der zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur von Emigrierten im Ausland veröffentlicht wurden. In der Ausstellung „Exil-Literatur 1933–1945“ zeigte die DB mit etwa 300 ausgewählten Exponaten einen repräsentativen Querschnitt dieser Spezialsammlung. Kuratiert wurde die Schau vom ersten Sammlungsleiter Werner Berthold. Eine geeignete Ausstellungsfläche war in der Frankfurter Zeppelinallee, dem damaligen Standort des Bibliotheksgebäudes, allerdings erst noch zu schaffen. Aufgrund der „räumlichen Enge“, so der damalige Direktor Kurt Köster, musste für die Präsentation „eigens der Katalogsaal der Bibliothek freigemacht werden“[1].

Schwarz-weiß Foto. Menschen schauen sich die Vitrinen einer Ausstellung an.
Ausstellungseröffnung am 28. Mai 1965. Für die Ausstellung wurde eigens der Katalogsaal freigeräumt. Foto: DEA/DNB

Zur Eröffnung sprachen u. a. der hessische Kultusminister Ernst Schütte sowie Edwin Maria Landau, Präsident des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller in der Schweiz. Der SDS war nach Kriegsende maßgeblich an der Errichtung einer Bibliothek der Emigrationsliteratur an der Deutschen Bibliothek beteiligt, die sich zum heutigen Deutschen Exilarchiv entwickelte. Gemeinsam mit Kösters Amtsvorgänger, dem Gründungsdirektor des Hauses Hanns Wilhelm Eppelsheimer, initiierten somit ehemals Emigrierte selbst die Gründung des späteren Exilarchivs im Jahr 1949. Unterstützt wurden das Sammlungsvorhaben sowie auch die Ausstellung von den damals führenden Vertreter*innen der frühen Exilforschung in Deutschland, darunter Wilhelm Sternfeld und Walter A. Berendsohn. Beide waren zur Ausstellungseröffnung nach Frankfurt gereist. Ihre Arbeit unterstützte Anfang der 1960er Jahre in der Bundesrepublik eine neue Phase der Auseinandersetzung mit den Themen Exil und Emigration in Folge des nationalsozialistischen Terrors.

Schwarz-weiß Foto. Vier Männer im Gespräch
Prominente Gäste bei der Eröffnungsveranstaltung: Die frühen Exilforscher Wilhelm Sternfeld (2. v. l.) und Walter A. Berendsohn (2. v. r.) mit dem Leiter der Sammlung Exil-Literatur, Werner Berthold (l.), und DB-Direktor Kurt Köster (r.), Foto: DEA/DNB

Auch die Ausstellung in der DB ist Folge und Ergebnis dieser Entwicklung. Für das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 (DEA) bildete sie den öffentlichkeitswirksamen Auftakt zu einer bis heute fortgeführten aktiven Erinnerungs- und Bildungsarbeit, wie sie von den Initiator*innen von einst explizit vorgesehen war. Schon 1950 sah der damalige SDS-Präsident Walter Fabian in der gerade gegründeten Emigrantenbibliothek ein „Kampfmittel gegen das sich von neuem erfrechende Nazitum“[2]. Zwischen 1966 und 1970 geht die erste Ausstellung des DEA erfolgreich auf Wanderschaft. Sie wird an mehr als zwanzig Orten im In- und Ausland gezeigt. Ausstellung und Katalog trugen wesentlich dazu bei, die Erforschung des deutschsprachigen Exils zwischen 1933 und 1945 voranzutreiben. In den folgenden Jahrzehnten beleuchtete das DEA das Exilthema in zahlreichen weiteren Wechselausstellungen.

Schwarz-weiß Foto. Menschen schauen sich die Ausstellung an. Ein Mann hat den Ausstellungskatalog unter dem Arm.

2018

Am 8. März 2018 eröffnete das Exilarchiv seine erste Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“. Zur Eröffnung sandte der Zeitzeuge Ernest Glaser, dessen Flucht- und Exilerfahrung in der Ausstellung erzählt wird, per Videobotschaft einen Gruß. Er hatte dem Exilarchiv seinen Vorlass mit persönlichen Dokumenten zum Exil in Shanghai anvertraut. Außerdem sprachen die damalige Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, sowie der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici.

Der Entschluss, dem Exilarchiv und seiner reichhaltigen und einzigartigen Sammlung mit einer permanenten Ausstellung mehr Sichtbarkeit zu geben, zog zuvor einen umfassenden Umbau der Frankfurter Ausstellungsräume nach sich. Die Ausstellungsfläche wurde nahezu verdoppelt, um so auch künftig ausreichend Platz für Wechselausstellungen vorzuhalten. Zusätzlich mussten die erforderlichen konservatorischen Bedingungen geschaffen werden, um eine dauerhafte Präsentation von Originaldokumenten zu ermöglichen.

Moderner Ausstellungsraum mit viel Licht, verglasten Ausstellungsschränken und einer Treppe im Vordergrund
Eröffnung der Dauerausstellung am 8. März 2018, Foto: Anja Jahn Photography/Anja Jahn

Auf einer Fläche von knapp 400 Quadratmetern präsentiert das DEA in der Dauerausstellung 250 Exponate und mehr als 300 Exilpublikationen aus seiner Sammlung. Sie ist heute während der allgemeinen Öffnungszeiten der Deutschen Nationalbibliothek am Frankfurter Standort in der Adickesallee zu besuchen. Das DEA selbst ist auf über 33.000 Publikationen angewachsen und verwahrt mittlerweile mehr als 350 persönliche Nachlässe und institutionelle Archive. Dieser Vielfalt der Bestände zollt auch das Konzept der Dauerausstellung Wertschätzung. Es basiert, so schreibt Sylvia Asmus, die heutige Leiterin des DEA und Kuratorin der Dauerausstellung, im Katalog, „auf dem Anspruch, das deutschsprachige Exil nach 1933 möglichst umfassend in den Blick zu nehmen“[3]. Sie ermöglichen einen multiperspektivischen Blick in das facettenreiche Thema „Exil“, erzählen aber auch die Geschichte des DEA. Und nicht zuletzt, so Sylvia Asmus, „repräsentiert eine Dauerausstellung das Selbstverständnis einer Institution“ und gibt auch „Anlass, einen kritischen Blick auf die eigene Einrichtung, ihren Auftrag und das Sammlungsprofil zu richten, um das Anliegen und die Aktualität einer solchen Dauerausstellung herauszuarbeiten“[4]. Das bedeutet auch: Seinen von Beginn an eingeschriebenen Bildungs- und Vermittlungsauftrag wird das DEA auch weiterhin mit seinen Ausstellungen und dem reichhaltigen Veranstaltungsangebot nachkommen.

Drei Frauen schauen sich die moderne Ausstellung an.
Sylvia Asmus (l.), die Leiterin des Deutschen Exilarchivs, mit der damaligen Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (2. v. l.), und Elisabeth Niggemann (r.), Generaldirektorin der DNB, Foto: Anja Jahn Photography/Anja Jahn

[1] Vorwort zum Ausstellungskatalog „Exil-Literatur 1933–1945“.

[2] Protokoll der Hauptvorstandssitzung des Schutzverbands vom 21.2.1950.

[3] Einleitung zum Ausstellungskatalog „Exil. Erfahrung und Zeugnis“.

[4] Ebd.

111-Geschichten-Redaktion

Zum 111. Jubiläum haben wir, die Beschäftigten der Deutschen Nationalbibliothek, in Erinnerungen und Archiven gestöbert. Von März bis November präsentieren wir hier 111 Geschichten aus der Deutschen Nationalbibliothek.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Anja Jahn Photography/Anja Jahn

2 Kommentare zu „Exil erinnern – aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen“

  1. Michael Fernau sagt:

    Exilsammlungen bereits seit 1947 bei uns ausgestellt!#
    #
    Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sammeln die Deutsche Nationalbibliothek und ihre Vorgängereinrichtungen systematisch Exilliteratur und stellen sie der Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung. Die beiden Ausstellungen in Frankfurt am Main 1965 und 2018 beleuchten die neue Prägung der Sammlungen der Nationalbibliothek als deutscher Einrichtung seit der Nachkriegszeit.#
    #
    „Bücher der Emigration“, eine Ausstellung im März 1947 in der Deutschen Bücherei Leipzig, im Gründungshaus der Deutschen Nationalbibliothek, präsentierte schon früh eine erste Sammlung von Exilliteratur. Sie hat Werner Berthold sehr beeindruckt und bei seinem Engagement für ein Deutsches Exilarchiv in Frankfurt inspiriert (s. Brita Eckert, Die Anfänge der Exilforschung in der Bundesrepublik Deutschland bis 1975, Frankfurt am Main 2020, https://literaturkritik.de/public/Eckert-Exilforschung.pdf, S. 7).
    #

    1. Sylvia Asmus sagt:

      Vielen Dank für den Kommentar.
      Ganz richtig, 1947 hat im Leipziger Haus schon eine Ausstellung zur Exilliteratur stattgefunden.
      Die Leipziger Exilsammlung ist allerdings historisch ganz anders entstanden als die Frankfurter Nachkriegsgründung. Und auch die Ausstellung 1947 ist in diesem historischen Kontext zu sehen.
      Wer sich für die Entstehung der Leipziger Exilsammlung und die Ausstellung 1947 interessiert, dem empfehle ich folgende Bände:

      Zur Deutschen Nationalbibliothek (Deutsche Bücherei) im NS: Sören Flachowsky: Zeughaus für die Schwerter des Geistes, Band 2, insbesondere Seite 685 ff., https://d-nb.info/1211434095

      Zur Ausstellung 1947 in Leipzig: Christian Rau: Nationalbibliothek im geteilten Land, insbesondere Seiten 177, https://d-nb.info/1211495442

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Über uns

Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Mehr auf dnb.de

Schlagwörter

Blog-Newsletter

In regelmäßigen Abständen erhalten Sie von uns ausgewählte Beiträge per E-Mail.

Mit dem Bestellen unseres Blog-Newsletters erkennen Sie unsere Datenschutzerklärung an.

  • ISSN 2751-3238