Das Gegenwartsmusical im Spiegel des Deutschen Musikarchivs (I)

16. Dezember 2021
von Frédéric Döhl

Licht aus. Ouvertüre.

Dies ist die erste Episode einer mehrteiligen Reihe. Die erste Episode einer Entdeckungsreise in die Sammlung des Deutsche Musikarchivs (DMA). Eine Entdeckungsreise, die anhand eines ausgewählten Beispiels vorführen wird, wie sich eine musikalische Praxis, die in und für Deutschland wichtig ist, in ihren Konturen im Bestand des Deutschen Musikarchivs widerspiegelt. Und hieran zeigen, wie man als Archivar*in, Forscher*in, Journalist*in, Künstler*in oder schlicht Liebhaber*in das Deutsche Musikarchiv nutzen kann, um sich hörend und lesend, schauend und spielend zu erarbeiten, was eine bestimmte Musikkultur in diesem Land ausmacht.

Das Gegenwartsmusical ist besonders gut geeignet für ein solches Anliegen. Es handelt sich um eine musikalische Praxis, die in Deutschland wichtig und mit großem Angebot präsent ist – das deutschsprachige Bühnenwesen ist der drittgrößte Markt in Aufführungen und Publikum für Musicals weltweit ­–, aber nicht aus Deutschland stammt oder auf Deutschland beschränkt ist. Vielmehr ist das Gegenwartsmusical wie viele Musikkulturen bis heute eng international vernetzt. Es handelt sich aber zugleich um eine Musikkultur, die in ganz typischer Manier allerlei regionale Besonderheiten ausprägt. Ferner haben wir es mit einem zeitlich wie inhaltlich relativ klar abgrenzbaren Gegenstand zutun. Und vor allem mit einem spannenden Thema, bei dem derzeit ausnehmend viel passiert.

Eintrittskarten
Das Bild zeigt die Eintrittskarte des Autors zur Berliner Erstproduktion des Musicals „Rent“. Das Werk lief in New York für außergewöhnliche 12 Jahre (1996–2008) und spielte eine große Rolle bei der Renaissance des Musicals am Broadway ab Mitte der 1990er Jahre. In Berlin saß man damals fast alleine im Saal. Foto: Frédéric Döhl.

In mehreren Teilen wird daher an dieser Stelle gefragt werden:

  • Was macht das Musical in Deutschland heutzutage aus?
  • Welche Rolle spielt Musical auf den heimischen Bühnen und davon ausgehend in der deutsche Popularkultur? 
  • Welche Repertoires, Stile und Trends werden gepflegt und vielleicht auch geprägt?
  • In welchem Verhältnis steht das Angebot hierzulande zu den maßgeblichen internationalen Entwicklungen, namentlich in den beiden das Genre bestimmenden Zentren, New York und London?

Und erkundet, wie man den Bestand des Deutsche Musikarchivs nutzen kann, um sich Antworten auf diese Fragen anzunähern.

Seit mehr als 50 Jahren dokumentiert das Deutsche Musikarchiv in der Deutschen Nationalbibliothek auf der Basis eines gesetzlichen Auftrags die Entwicklung der Musik, des Musiklebens und die Arbeit der Musikschaffenden des 20. und 21. Jahrhunderts – soweit sich diese Entwicklung aus Musikwerken ableiten lässt, die als Noten oder als aufgezeichnete Musik veröffentlicht und verbreitet werden.

Basis seiner Sammlung von den Anfängen der Schallaufzeichnung bis heute sind die Noten und Tonaufnahmen, zu deren Abgabe alle deutschen Notenverlage und Labels gesetzlich verpflichtet sind. Aktuell umfassen die Bestände mehr als drei Millionen Medien (2 Millionen Tonträger und 1 Millionen Noten). Das DMA ist damit das zentrale musikbibliographische Informationszentrum Deutschlands. Und für diese Mediengruppen seine zentrale Archivbibliothek, mit besonderer Bedeutung für zeitgenössische Popularkultur und Jazz.

Im Ausstellungsraum des Deutschen Musikarchivs stehen vier geschwungene Bänke mit Abspielgeräten. An den Wänden stehen Vitrinen mit Tonträgern.
Neben einer starken virtuellen Präsenz ist der physische Ort von großer Bedeutung, um dem Deutschen Musikarchiv innerhalb Deutschlands ein Gesicht zu geben – etwa mit dem Ausstellungsbereich am Leipziger Standort der DNB. Foto: Bertram Kober, PUNCTUM

Mehr als das versteht sich das Deutsche Musikarchiv wie die Deutsche Nationalbibliothek insgesamt aber vor allem als ein aktives kulturelles Gedächtnis der Vergangenheit und der Zukunft. Ein lernendes gedächtnisinstitutionelles Instrument, das bestimmte Bereiche musikalischer Produktivität, die sich eben in medialem Kulturgut manifestieren, nicht nur systematisch sammelt, dauerhaft bewahrt, auffindbar hält und in seinen Räumlichkeiten und – wo rechtlich möglich – im Internet zugänglich macht. Sondern ein Ort, der allein und in Kooperation mit anderen musikthematischen Kulturerbeeinrichtungen als Partnerin von Forschung, Journalismus, Musikindustrie, Kunstschaffenden und Musikinteressierten aller Art dabei hilft, Musikkultur in Deutschland zu verstehen, zu reflektieren und darauf aufbauend zu vermitteln, was diese ausmacht, zu ihr gehört, aber auch in mannigfaltiger Weise mit internationaler Musikkultur verbindet, die in Deutschland lebendig ist, aber hier immer wieder eigene Spielarten und Traditionen entwickelt.

Will man sich erschließen, was Gegenwartsmusical in Deutschland ausmacht, stehen die Bestände des Deutschen Musikarchivs in einem Netzwerk von Informationsressourcen.

Das vom Theaterwissenschaftler und Kulturmanager Wolfgang Jansen 2011 gegründete Deutsche Musicalarchiv am Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ist neben dem Deutschen Musikarchiv der zweite zentrale öffentliche Anlaufpunkt für Musicalforschung in Deutschland. Unter anderem bietet es seit 2020 mit dem Musicallexikon Interessierten auch eine erste Orientierung über das Musicalrepertoire im deutschsprachigen Theater: Hier sind die Daten aller deutschsprachigen Ur- und Erstaufführungen von Musicals seit 1945 aufgelistet.

Wer darüber hinaus wissen möchte, was wie oft inszeniert, aufgeführt und besucht wird, erhält einen regelmäßig aktualisierten Überblick der Beststeller beim Deutschen Musikinformationszentrum (MIZ) des Deutschen Musikrats. Wer es noch genauer wissen will, wird in der ausnehmend informationsreichen jährlichen Werkstatistik „Wer spielte was?“ des Deutschen Bühnenvereins fündig, die anders als z.B. die korrespondierenden Statistiken für Broadway (IBDB) und Off-Broadway (IOBDB) nicht frei online abrufbar, aber in den Räumen der DNB einsehbar ist. Zudem existiert eine von Thomas Siedhoff 2018 erarbeite, fast 500 Seiten schwere und frei im Internet zugängliche Studie Deutsch(sprachig)es Musical. Sie schließt an Siedhoffs Handbuch des Musicals von 2007 an und ist die erste Adresse für alle weiterführenden Informationen zu Werken auf deutschen Bühnen, von den beteiligten Kreativen über die Verlage bis hin zu ausführlicheren Inhaltsangaben und Rezeptionsanalysen.

Was diese Ressourcen bereits für sich zeigen, ist, dass das deutschsprachige Musiktheaterwesen wie bei Schauspiel und Oper ein zusammenhängender, länderübergreifender Markt ist. Das gilt auch für die Musical-Sammlung des Deutschen Musikarchivs. Im Fall dieser musikalischen Kultur haben wir es also faktisch in den Beständen mit einem Deutschsprachigen Musicalarchiv im Deutschen Musikarchiv zu tun. 

Deutschsprachig ist dabei wörtlich zu verstehen. Die Erwartung, dass ein Musical in Deutschland wie ein Kinofilm, aber anders als zum Beispiel eine Oper oder ein Popkonzert auch bei Importen in deutscher Sprache, das heißt in Übersetzung angeboten wird, prägt diesen Kulturbereich seit jeher. Musical in Deutschland ist deutschsprachiges Musiktheater, egal, woher das gezeigte Stück stammt.

Was man aus diesen Ressourcen des Weiteren recht schnell zusammentragen kann, ist die Größe des hiesigen Musicalmarktes: Das Vorpandemieniveau lag bei gut 6 bis 7 Millionen Zuschauer*innen für Musicals, öffentliche und private Theater zusammengerechnet. Im Bereich des öffentlichen Theaters lag der Zuschauerschnitt um die 85% Auslastung und damit gut 10% über jenem der Oper. Zwischen 220 und 270 Produktionen von 100 bis 150 unterschiedlichen Musicals waren pro Spielzeit zu sehen (ohne den Sonderbereich Musicals für Kinder). Mehr als 150 professionelle Bühnen beteiligten sich, über das ganze Land verteilt. Jeweils ein gutes Dutzend Uraufführungen und deutscher Erstaufführungen waren alljährlich zu erleben – gut 10% des Angebots. Alle Spielarten von Musiktheater zusammengenommen, war das Musical für gut 2/3 des gezeigten zeitgenössischen Musiktheaters post-1945 verantwortlich.

Für den Moment einmal unterstellt – oder besser: gehofft –, dass sich die Lage nach Ende der Pandemie auf dieses Niveau hin erholen kann, ist zunächst festzuhalten, dass Musical in Deutschland ein in jeder Hinsicht signifikanter und relevanter Kulturbereich ist.

Aber wie klingt es? Hier kommt das Deutsche Musikarchiv ins Spiel.

Die Rolle des Deutschen Musikarchivs in all diesen Ressourcen ist eine spezielle: Da im Musical traditionell nur wenige Produktionen auf audiovisuellen Medien (Internet, DVD, Video etc.) regulär veröffentlicht werden, sind die sogenannten Cast Albums die wichtigste öffentlich zugängliche Quelle, um sich ein Bild davon zu machen, wie deutschsprachige Produktionen klangen, wenn diese aus dem Programm genommen sind. Und das geschieht regelmäßig rasch. Gerade im öffentlichen Theaterbereich sind Musicals oft nur für eine Spielzeit angesetzt.

„Starlight Express“. Foto: Jens Hauer. Mit freundlicher Genehmigung der Mehr-BB Entertainment.

Nur wenige Dauerbrenner gerade im privaten Musiktheater, allen voran Starlight Express in Bochum (seit 1988) und Der König der Löwen in Hamburg (seit 2001), werden über viele Jahre gegeben.

„Der König der Löwen“. Foto: Deen van Meer. Mit freundlicher Genehmigung der Stage Entertainment.

Auch diese Cast-Alben sind oft saisonale Produkte und verschwinden vergleichsweise schnell wieder aus dem Tonträgerhandel.

Während die korrespondierenden Ressourcen von der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins bis zum Deutschen Musicalarchiv zunächst einmal vor allem erlauben, sich zu erschließen, welchen internationalen, zuvorderst angloamerikanischen Werke Deutschland erreichen und welche hier selbst von heimischen Autor*innen und Produzent*innen geschaffen werden, sowie reichlich Produktionsmaterial bieten, ist das Deutsche Musikarchiv das zentrale, ebenso kontinuierlich wie systematisch wachsende Klangarchiv des Gegenwartsmusicals für alles an Ton- und Bildtonaufnahmen, die hierzulande veröffentlich werden. 

Hier sammelt das Deutsche Musikarchiv, das ist das Besondere, seinem gesetzlichen Auftrag folgend grundsätzlich auf Vollständigkeit. Von Meisterwerk bis Alltagskommerz, von Profi bis Amateur, von Hit bis Flop, von erwachsener Kunst bis Spaß für kleine Kinder – alles ist da. Es findet keine Vorauswahl nach wie auch immer gearteten Kriterien statt, sei es nun künstlerische Qualität oder kulturelle Bedeutung. Dieses Urteil wird den Nutzenden überlassen.

Anhand jener Bestände des Deutschen Musikarchivs wird diese Blogreihe das Jahr 2022 über in mehreren, monatlich veröffentlichten Episoden anhand von ausgewählten Produktionen die heutzutage prägenden Genres des Gegenwartsmusicals vorstellen. Anhand wesentlicher Werke in die zentralen Gattungen einführen wie Musical Comedies, Megamusicals, Disneycals, Concept Musicals, Movicals, Jukebox Musicals, Revisals, Dansicals, Antimusicals sowie dem ästhetisch ausnehmend vielseitigen neuen gesellschaftspolitisch engagierten Musical, für das sich seiner Vielschichtigkeit wegen noch kein kohärenter Genrebegriff durchgesetzt hat. Das Musical Hamilton mit seiner Integration von Hip-Hop und seiner Besetzung der weißen Gründerväter der USA mit Darsteller*innen of color steht stellvertretend für diese vielleicht spannendste Entwicklung des Gegenwartsmusicals.

„Hamilton“. Foto: Matthew Murphy. Mit freundlicher Genehmigung der Stage Entertainment.
  • Was erreicht von den Maßstab setzenden internationalen Arbeiten in diesen Genres  Deutschland?
  • Wie klingt es hier?
  • Was läuft gut und viel und was tut sich schwer?
  • Welche Genres dominieren?
  • Und was gibt es an besonderen heimischen Ansätzen, zeitgenössisches Musiktheater mit den Mitteln populärer Musik in diesen Genres oder vielleicht sogar darüber hinaus zu schaffen?

Zwei Ereignisse jüngst in deutschen Medien stecken die Weite des Rahmens ab, indem diese Blogreihe operiert mit all jenen Fragen, denen diese Entdeckungsreise in die Sammlung des Deutschen Musikarchivs nachspürt. Und zeigen an, dass das Bild, das sich daraus dann über das Gegenwartsmusical einstellt, ungemein vielschichtig ausfallen wird.

Das erste Ereignis ist ein trauriges. Am 26. November 2021 verstarb der amerikanische Komponist und Liedtextdichter Stephen Sondheim im Alter von 91 Jahren. Es folgten zeitnah Nachrufe auch hierzulande in allen Qualitätsmedien, von Tagesschau und Deutschlandfunk bis hin zu den großen Tages- und Wochenzeitungen. Der Tod dieser Broadway-Legende, so hieß es dort allerorten über ihn, war offenkundig eine große Sache – mit einer internationalen Ausstrahlung, die bis Deutschland reicht. 

Aber irgendwie zugleich auch nicht. Denn das Gros der Wortmeldungen war doch auffallend pflichtschuldig gehalten. An dezentraler Stelle irgendwo im Feuilleton oder online unter Künstlerisches oder in den durchlaufenden Tagesmeldungen platziert. Die wichtigsten Stationen beginnend mit West Side Story von 1957, zu denen Sondheim im Alter von Mitte 20 die Liedtexte verfasste, wurden vermeldet. Mehr aber auch nicht. In der New York Times war Sondheims Tod am 27. November 2021 der Aufmacher auf der ersten Seite – mit großem Foto mittendrin. Diesen Nachdruck erreichten die hiesigen Nachrufe durchweg nicht. Der Stellenwert der Sache blieb unklar.

Mehr noch werden viele sich gefragt haben, wer eigentlich dieser Mann war, dessen Wirken man hier an breiter Front Revue passieren ließ. Und über den ausgerechnet Andrew Lloyd Webber, seinerseits in Deutschland seit den 1980er Jahren der Inbegriff des Musicals schlechthin, sagte, er sei die „größten Legende, die zu meinen Lebzeiten im Theater gewirkt habe“. 

Ausgewählte Bücher von und zu Stephen Sondheim aus der Hausbibliothek des Autors. Foto: Frédéric Döhl.

West Side Story, sicher. Und dann gab es in jüngeren Jahren zwei starbesetzte Filmfassungen von Sondheim-Musicals, die im Kino gut liefen, Sweeney Todd. The Demon Barber of Fleet Street (2007) und Into the Woods (2014). Das haben auch viele mitbekommen, die sich ansonsten nicht für Musicals interessieren.

Aber warum am Broadway und im West End, den beiden zentralen Stätten des Musicals weltweit, schon zu Lebzeiten Theater nach Sondheim benannt wurden, dürfte den wenigsten klar sein, die nicht ausnehmende Liebhaber dieser Kunstgattung sind. Ich lehre regelmäßig Gegenwartsmusical in den Studiengängen der Film-, Musik-, Tanz- und Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Und selbst unter Studierenden, die zu solchen Vorlesungen und Seminaren kommen und oft über erhebliches Wissen über Gegenwartsmusical in Deutschland verfügen, ist das Gros von Sondheims Schaffen regelmäßig nicht bekannt. Und erst recht nicht die Gründe für seine herausgehobenen Stellung für diese Kunstform, wie sie sich z. B. in einer für das Musical außergewöhnlichen Fülle an Literatur über sein Schaffen widerspiegelt.

All das kommt nicht von ungefähr. Denn lässt man Sondheims Beteiligung an der West Side Story einmal außen vor, deren Rezeption in Deutschland vor allem über Leonard Bernstein erfolgt, so stellt man bei genauem Hinsehen fest, dass es bislang nur Sweeney Todd mit 36 Produktionen seit der Jahrtausendwende zumindest ins erweitere Repertoire deutschsprachiger Bühnen geschafft hat.

„Passion“. Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert. Mit freundlicher Genehmigung der Staatsoperette Dresden.

Das ist freilich eine Größenordnung, für die das meistinszenierte Musical im öffentlichen Theater hierzulande, My Fair Lady, nicht einmal zwei Spielzeiten braucht und andere Klassiker wie Fiddler on the Roof (Anatevka) oder Cabaret im Schnitt gut drei bis vier. Viele der anderen seiner Musicals, die man in London und New York inzwischen regelmäßig neu inszeniert, werden in Deutschland kaum oder bis heute sogar gar nicht gegeben. 

Die Nachrufe hingen so mehrwürdig in der Luft. Sie berichteten von etwas, das etwas Bedeutendes zu seien schien, das es hierzulande bislang aber nur sehr eingeschränkt zu erleben gibt. Wie z. B. 2011 mit der deutschen Erstaufführung von Passion (1994) an der Staatsoperette Dresden. Oder an den Landesbühnen Sachsen 2019 mit der erst zweiten Produktion von Sondheims Klassiker Sunday in the Park with George (1984) in Deutschland, einem der meistdiskutierten Werke der jüngeren Musicalgeschichte überhaupt.

„Sunday in the Park with George“. Foto: Pawel Sosnowski. Mit freundlicher Genehmigung der Landesbühnen Sachsen.

Warum ist das so? Was sagt diese kleine Geschichte über die Verfasstheit des Gegenwartsmusicals in Deutschland? Darüber, was hier gespielt wird, wo, von wem und wie? Was aber auch nicht? Ist Sondheim ein Sonderfall? Oder steht die Art seiner Rezeption in Deutschland für etwas, dass uns etwas über Musical hierzulande sagt?

Das zweite Ereignis ist ungleich fröhlicherer Natur. Es geschah gut drei Wochen zuvor, am 6. November 2021. Am anderen Ende jenes Spektrums, das das Gegenwartsmusical entfaltet. Anlässlich der Sondersendung zum 40. Jubiläum von Wetten, dass …? im ZDF mit Thomas Gottschalk. 

Neben launigen Auftritten von nationalen und internationalen Popstars wie Helene Fischer, Udo Lindenberg und ABBA wurde hier eine ausgedehnte Sequenz mit Auszügen aus einem Bühnenmusical dargeboten. Disneys Die Eiskönigin war zu sehen. Wenig später sollte es seine nationale Erstaufführung bei der Stage Entertainment in Hamburg, Deutschlands größter privater Musicalproduzentin, erleben.[1]

„Die Eiskönigin“. Foto: Johann Persson. Mit freundlicher Genehmigung der Stage Entertainment.

Die bei Wetten, dass …? im Querschnitt vorgestellte Arbeit ist die deutschsprachige Fassung des Musicals Frozen. 2018 bis 2020 lief es am Broadway. Derzeit wird es parallel zu Hamburg im Original im Londoner West End gespielt. 

Broadway und West End – das sind im Musical die internationalen Referenzpunkte. Hier werden die Trends gesetzt. Hier entsteht das Gros der internationalen Erfolgsstücke. 

Es gibt ein Musical jenseits dieser beiden Epizentren, so wie es ein Kino jenseits von Hollywood gibt. Aber die Gravitationskraft ist ungleich stärker im Fall des Musicals. Man kann über den deutschen Film ohne Rekurs auf Hollywood auch im Verhältnis zum französischen oder skandinavischen Kino reden. Über das deutsche Musical nicht.[2]

Das deutschsprachige Musiktheater ist der drittgrößte Markt für Musical weltweit in Umsatz und Publikum. Dass bei Wetten, dass …? aber ein Import aus Übersee zu bestaunen war, ist kein Zufall. Es hat viel mit dem zu tun, was Musical in Deutschland heutzutage ist. Und noch mehr damit, was viele hierzulande an Kunst mit dem Begriff Musical verbinden.

Basis jenes Bühnenwerks, dass im ZDF präsentiert wurde, ist der gleichnamige Disney-Musikfilm von 2013. Frozen war im Kino ein außerordentlicher Publikumserfolg mit Milliardengewinn und zwei Academy Awards (Oscars) als „Bester animierter Film“ und für das „Beste Filmlied“ (Let It Go). 

Gesungen vom Broadway-Star Idina Menzel, berühmt für ihre Rollen in den New Yorker Blockbustern Rent (1996) und Wicked (2003), stammt es von Kristen Anderson-Lopez und ihrem Mann Robert Lopez, seinerseits mit Avenue Q (2003) und The Book of Mormon (2011) einer der erfolgreichsten Komponisten des Gegenwartsmusicals am Broadway.[3] Diese wenigen Informationen zeigen bereits an, dass es kein Zufall war, dass Frozen den Weg von der Leinwand auf die Bühne und darüber schließlich als Premierenwerbung ins ZDF fand. Vielmehr steht Frozen in einer langen Reihe von Projekten von Disney seit Beginn der 1990er Jahre, die darauf angelegt sind, dieselben Stoffe in Film- und Bühnenfassungen erfolgreich mehrfach zu realisieren und international zu vermarkten. Dazu zählen allen voran die an Broadway und West End über Jahre laufenden und ausnehmend umsatzstarken Musicals Beauty and the Beast(1994), The Lion King (1997), Mary Poppins (2004), Aladdin (2011) und Newsies (2012) – die mehrheitlich in den vergangenen Jahren auch bereits in Deutschland zu sehen waren oder es noch sind.

Wenn Stephen Sondheim nun anders als international bis heute keine große Rolle auf deutschen Bühnen spielt, war denn dann das, was im ZDF zu sehen war, ein typisches, repräsentatives Beispiel für das, was an Musical heutzutage in Deutschland tatsächlich gepflegt wird? Was sagt es über Gegenwartsmusical hierzulande, wenn zwei zentrale Akteure des Broadway wie Sondheim und Disney anscheinend spürbar ungleich rezipiert werden? Und spiegeln sich derartige nationale Schwerpunkte im Repertoire dann auch in den Beständen an Tonaufnahmen, Noten, Büchern usw., die das Deutsche Musikarchiv erreichen?

Fragen wie diesen wird die Blogreihe in den kommenden Monaten nachgehen. Und hierbei sowohl die Eigenart der Sammlung des Deutschen Musikarchivs und ihre Möglichkeiten skizzieren wie darüber jene des Gegenwartsmusicals in Deutschlands.

Und es ist eine gute Phase für das populäre Musiktheater, die hier erkundet werden wird. Noch nie war das allgemeine Produktionsniveau so hoch wie heute. Befördert insbesondere durch exzellente Ausbildungsprogramme für Darsteller*innen, die weithin fehlten, als Andrew Lloyd Webber Musical Cats ab 1986 in Hamburg zu einem Phänomen wurde, eine wilde Boom-Phase auslöste und hierzulande die Wahrnehmung dessen veränderte, was Musical ist und ausmacht.[4] Seitdem hat sich die Zahl der öffentlichen und privaten Theater, die Musicals anbieten, verdoppelt. Das pro Spielzeit offerierte Repertoire verdreifacht. Und ästhetisch erheblich ausdifferenziert: Noch nie waren im öffentlichen wie im privaten Musiktheater derart viele unterschiedliche Spielarten des Musicals zu hören.

Ouvertüre Ende. Vorhang auf.

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Hier entlang zu Das Gegenwartsmusical im Spiegel des Deutschen Musikarchivs (II)

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Anmerkungen und weiterführende Hinweise
* Der Autor ist Strategiereferent der Generaldirektion der DNB [Kontakt]. Nebenher forscht und lehrt er universitär, insbesondere interdisziplinär als Privatdozent am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin.
[1] Die Darbietung im ZDF ist auf der Facebook-Seite der Stage Entertainment zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags nach wie vor abrufbar.
[2] Das gilt im Übrigen auch für das amerikanische Musical, das nur bezogen auf New York zu diskutieren ist, wie die Princeton-Professorin Stacy Wolf jüngst herausgearbeitet hat (Beyond America. The Pleasure and Promise of Musical Theatre Across America). Es gibt dort im Musical kein relevantes Repertoire, das nicht durch New York geht oder jedenfalls auf die dortigen Trends bezogen ist.
[3] Im Fall internationaler Musicals, die es zum Broadway oder ans West End schaffen, bietet die englischsprachige Wikipedia durchweg einen exzellenten, frei im Internet zugänglichen ersten Überblick – regelmäßig deutlich informationsreicher als das deutschsprachige Pendant.
[4] Zwei jüngst erschiene Bücher von Wolfgang Jansen erzählen ausführlich von dem, wofür Musical vorher stand in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs, in Ost (Popular Music Theatre under Socialism) und West (Musicals. Geschichte und Interpretation). Sein 2008 erschienes Standardwerk Cats & Co. Geschichte des Musicals im deutschsprachigen Raum ist die Referenzquelle für die wilde Zeit voller Träume, Glücksritter und Skandale zwischen der Premiere von Cats in Hamburg 1986 und der Jahrtausendwende. Über die Rahmenbedingungen und Produktionsprozesse im heutigen deutschsprachigen Musical hat 2018 der Musikwissenschaftler Jonas Menze eine umfangreiche Studie vorgelegt, die u.a. über eine Vielzahl Interviews tiefe Einblicke in die Verfasstheit der privatwirtschaftlich organisierten Musiktheaterlandschaft gewährt (Musical Backstages).

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Frédéric Döhl

2 Kommentare zu „Das Gegenwartsmusical im Spiegel des Deutschen Musikarchivs (I)“

  1. Ruprecht Langer sagt:

    Vielen Dank für den hervorragenden Artikel! Ich freue mich auf die folgenden Akte.

  2. K. Krüger sagt:

    Ein großartiger Artikel, der Lust auf mehr macht. Mehr Lektüre und mehr Musical! Vielen Dank für den Auftakt!

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