Herzlichen Glückwunsch, ihr „Störenfriede“!

28. Mai 2026
von Stephanie Jacobs

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum gratuliert mit einer virtuellen Ausstellung

Zeigt eine Versammlung, von vielen Menschen.

Die Jazzwerkstatt Peitz, deren Archiv das DBSM1 2024 im Kontext der Veranstaltungsreihe „Mediengeschichte des Protestes“ übernehmen konnte (Woodstock am Karpfenteich – blog.dnb.de), ist Anfang Mai mit dem Deutschen Jazzpreis geehrt worden – der höchsten Auszeichnung für den Jazz in Deutschland. Wir gratulieren dem Initiator der Jazzwerkstatt Ulli Blobel, der das Festival 1972 in der Lausitz aus der Taufe gehoben hat, und seiner Tochter Marie, die die Verantwortung für die Jazzwerkstatt im vergangenen Jahr übernommen hat, sehr herzlich – ebenso allen Jazzgrößen, die das „Woodstock am Karpfenteich“ großgemacht und ihm die Treue gehalten haben. Als kleine Würdigung von deren Verdiensten um die Musik – und die Demokratie und künstlerische Freiheit in der DDR – hat das DBSM zusammen mit dem musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Leipzig der Jazzwerkstatt eine virtuelle Ausstellung gewidmet, die gerade auf der Plattform der Deutschen Digitalen Bibliothek veröffentlicht wurde: Jazzwerkstatt Peitz | Virtuelle Ausstellungen DDB

Die Jury des Deutschen Jazzpreises begründet die Ehrung „Festival des Jahres“ wie folgt: „In der DDR ein Fanal des improvisierten Widerstands mit großem Zulauf, wurde die Jazzwerkstatt 1982 verboten. Den Geist von Freiheit und die internationale Strahlkraft bewahrt es auch nach seiner Wiederbelebung im Jahr 2011 bis heute. Unter dem Motto „Die Kunst der Freiheit – ein Festival zwischen Tradition und Wandel“ stand das grenzenlose Abenteuer Musik im Mittelpunkt der Programmgestaltung (Festival des Jahres – Deutscher Jazzpreis).

Hintergrund:


1973 in der Idylle der Niederlausitz gegründet, wurde die Jazzwerkstatt Peitz von der während der 70er Jahre immer zahlreicher an die Peitzer Fischteiche pilgernden Fans liebevoll „Woodstock am Karpfenteich“ genannt. Getrieben von jugendlicher Aufmüpfigkeit und künstlerischer Neugier mauserte sich der Ort zu einem Hotspot des internationalen Jazz in der DDR. Das Ziel: Der musikalischen und ideologischen Beschränktheit des Regimes etwas entgegenzusetzen und den musikalischen Aufbruch zu wagen. Weltniveau im Überwachungsstaat. 1982 schob der Staat dem musikalischen Treiben, das zuletzt 4.000 Jazzenthusiasten an die polnische Grenze lockte, einen Riegel vor und entzog den beiden Initiatoren Ulli Blobel und Peter „Jimi“ Metag die Genehmigung für das Festival. Die Werkstatt und ihr Erfolg waren der Stasi unheimlich geworden. Knapp 30 Jahre später belebte Blobel die Jazzwerkstatt wieder: Seit 2011 trifft sich der internationale Freejazz wieder am Rande der Lausitzer Teiche – seit 2024 in der Verantwortung von Blobels Tochter Marie.

Das Archiv der Jazzwerkstatt im DBSM

Seitdem das DBSM das Archiv der Jazzwerkstatt, die neben ihren Verdiensten um Demokratie und Freejazz auch mit dem Red Dot Award für beste Leistungen im Grafikdesign ausgezeichnet wurde, übernommen hat, konnte das Museum das Archiv einer größeren Öffentlichkeit durch zahlreiche Veranstaltungen und Formate bekannt machen. Der prominenteste Fürsprecher ist dabei sicherlich der Bundespräsident, der das im Herbst 2024 anlässlich der Archivübergabe im DBSM veranstaltete Jazzfestival mit einem Grußwort beehrte. Zur Videobotschaft des Bundespräsidenten: ⁣DNB – Jazzfestival – Störenfriede: Jazz, Protest und Revolution

Zeigt Frank Walter Steinmeier zur Eröffnung des Jazzfestivals, in Anzug.
Grußwort des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier zur Eröffnung des Jazzfestivals. (Bundespräsidialamt, 2024)

Das dreitägige Jazzfestival, das unter dem Titel „Störenfriede. Jazz, Protest und Revolution“ u.a. von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte und der Bundeszentrale für politische Bildung finanziert und vom Ostbeauftragten der Bundesregierung unterstützt wurde, war der spektakuläre Auftakt. Verschiedene Gesprächsforen nahmen im Kontext des Festivals Fragen nach der Kultur als Medium des Widerstandes in der DDR, aber auch heute in den Blick. Außerdem konnten wir die „Störenfriede“ auf der MS Wissenschaft – dem Schiff des Forschungsministeriums – unterbringen, das 2024 unter dem Motto „Freiheit“ auf Deutschlands Wasserstraßen unterwegs war und über 50.000 Besucher*innen anzog.

Es folgten die Erschließung des Archivbestandes über ein Citizen Science-Projekt und die automatische Einspielung der Daten in den Katalog der DNB, über den die Digialisate und Metadaten seitdem für Wissenschaft und Kultur zur weiteren Erforschung zur Verfügung stehen.

Wissen schafft Demokratie

Ferner konnte zusammen mit dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig und dem Deutschen Musikarchiv ein Seminar zur Geschichte der Jazzwerkstatt veranstaltet werden. Besonders hervorzuheben sind dabei die Zeitzeugengespräche, die im Rahmen des Seminars im DBSM stattgefunden haben und dem Archiv und dessen Erforschung als wertvolle Kontextualisierung und Vertiefung dienten.

Und schließlich wurde die Unterzeichnende mit dem Thema „Jazzwerkstatt Peitz als Ort des Widerstandes in der Diktatur der DDR“ zu den Deutsch-koreanischen Regierungskonsultationen eingeladen, die in jährlichem Wechsel in Deutschland und Korea stattfinden (Kultur als Medium des Widerstands – blog.dnb.de). Im November 2025 fanden die Konsultationen im Kanzleramt in Berlin statt, im Juni 2026 folgt die Einladung nach Seoul. Die Relevanz des Themas Störenfriede für die koreanische Seite liegt in der Bedeutung der Kultur als Medium des politischen Widersandes und in der Hoffnung, auch die koreanisch-koreanische Spaltung eines Tages überwinden zu können.

Zeigt Stephanie Jacobs, bei der 14. Sitzung des Deutsch-Koreanischen Konsultationsgremiums für Vereinigungsfragen.
14. Sitzung des Deutsch-Koreanischen Konsultationsgremiums für Vereinigungsfragen mit Staatsministerin Elisabeth Kaiser. Berlin, 18.11.2025. / Fotografiert im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen.

Das DBSM ist stolz, mit dem Archiv der Jazzwerkstatt Peitz ein Stück nationales Kulturgut zur Mediengeschichte des Protestes in Leipzig bewahren und der Forschung und Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Ich danke den Verantwortlichen, allen voran Ulli Blobel, für das Vertrauen in die Arbeit des DBSM, ohne das eine Schenkung des unikalen Bestandes kaum möglich gewesen wäre.

Stephanie Jacobs

ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.


  1. Deutsches Buch- und Schriftmuseum ↩︎
*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Claus Peter Fischer

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