Provenienzdokumentation in eigener Sache

11. April 2022
von Cornelia Ranft

Am 13. April findet bereits zum vierten Mal der Tag der Provenienzforschung statt. Er wird initiiert vom Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. und dient dazu, durch eine Reihe von Veranstaltungen das Thema der Herkunft von Sammlungsbeständen aus Museen, Bibliotheken oder Archiven in die Öffentlichkeit zu bringen.

Aus diesem Anlass möchten wir heute über ein Thema aus unserem Haus berichten, das überhaupt erst die Grundlagen für weiterführende Provenienzrecherchen legt: Die Dokumentation unserer hauseigenen Provenienzmerkmale, also Stempel, Signaturen, Kürzel oder andere Hinweise, die im Verlauf unserer langjährigen Bibliotheksgeschichte auch in unseren Vorgängereinrichtungen Deutsche Bücherei und später Die Deutsche Bibliothek mit ihren bis zu drei Standorten Leipzig, Berlin und Frankfurt am Main entstanden sind. Heute befindet sich die Deutsche Nationalbibliothek an den zwei Standorten Leipzig und Frankfurt am Main. Unsere hauseigenen Provenienzmerkmale sind so umfangreich, dass wir heute nur eine Auswahl aus dem Leipziger Standort zeigen möchten.

Was sind Provenienzmerkmale?

Was sind Provenienzmerkmale überhaupt? Sie kennen es: Zu einem runden Geburtstag haben Sie ein Buch erhalten. In den Buchdeckel oder auf die erste Seite hat die schenkende Person einen Glückwunsch geschrieben – er oder sie hat also eine Widmung im Buch hinterlassen. Vielleicht haben Sie auch bei Ihren Büchern zu Hause Ihren Namen eingestempelt oder handschriftlich eingetragen. In einem anderen Titel finden sich viele angestrichene Passagen oder gar Notizen, weil Sie für das Studium lernten. Und im alten Lieblings-Märchenbuch steht der Name der Oma. Jeder hat vermutlich das eine oder andere besitzanzeigende Herkunftsmerkmal im Bücherschrank. So hat es auch die Deutsche Nationalbibliothek.

Signaturschilder

Im Laufe der über 100jährigen Geschichte der Deutschen Nationalbibliothek mit ihren Vorgängereinrichtungen gab es viele Geschäftsgänge, die sich mit der Zeit veränderten und weiterentwickelten, manchmal wegfielen und neu dazu kamen. Die Geschäftsgänge richteten sich auch nach den verschiedenen Medienarten wie Monografien, also einmalig erschienene Titel, und Serien wie Zeitschriften und Zeitungen. Die wichtigsten bibliothekarischen Provenienzmerkmale stellen in diesem Zusammenhang unsere Signaturschilder dar.

Es werden drei verschiedene Signaturbeispiele gezeigt.
Im Laufe der Zeit haben sich die Farbe und Form, sogar die Schriftart der Signaturschilder gewandelt. Foto: DNB, Cornelia Ranft, CC BY SA 3.0 DE

Die Signaturschilder haben eine Vielzahl von Farben und Formen, die dafür gedacht waren, die unterschiedlichen Medienarten voneinander zu unterscheiden und auch um fehlgestellte Titel schnell im Regal zu identifizieren.

Ab 1913 waren die Schilder für Monografien in der Regel quadratisch, für Seriensignaturen oval. In den 1990er Jahren endete mit der Seriensignatur auch die ovale Form des Signaturschildes. Die unterschiedlichen Farben gaben Aufschluss über das Format der Medienwerke. Bis etwa 2015 stand gelb für das Format A, blau für das Format B, weiß für das Format C. Im Laufe der Zeit änderte sich technisch bedingt auch die Schriftart. Heute werden aus arbeitsorganisatorischen Gründen nur noch eckige weiße Signaturschilder verklebt.

Besitzstempel

Auch der Besitzstempel der DNB erzählt eine Geschichte. Mal ist er größer, mal kleiner, mal wurde eine andere Stempelfarbe genutzt. Der heute genutzte Stempel basiert auf einer Ölstempelfarbe für Archive, ist somit alterungsbeständig und schadet dem Papier nicht. Dennoch wird heute nur noch in Ausnahmen gestempelt.

Vier Einzelfotos verschiedener Stempel.
Verschiedene Stempel der DNB. Foto: DNB, Cornelia Ranft, CC BY SA 3.0 DE

Sondersammlungen

Schon immer haben auch Sondersammlungen wie etwa das Deutsche Musikarchiv, das Deutsche Buch-und Schriftmuseum, die Leipziger Exil-Sammlung oder die Bibliothek des Börsenvereins ihre eigenen Stempel und Kennzeichnungen verwendet. Diese Sammlungen stehen heute am Leipziger Standort. Die Herkunftsstempel erzählen dabei die Geschichte der Sammlung, von vergangenen Standorten und auch damit verbundenen großen Umzügen.

Bearbeitungsmerkmale

Heute spielt in allen Geschäftsgängen der Deutschen Nationalbibliothek der buchschonende Aspekt eine große Rolle, weshalb auch intern möglichst keine Anmerkungen oder buchschädigende Vermerke an Exemplaren angebracht werden sollen. Denn die Deutsche Nationalbibliothek ist eine Archivbibliothek mit dem Auftrag, Bestand dauerhaft zu sichern und dessen Nutzung langfristig zu gewährleisten. Doch besonders in der Zeit bevor Computer die Arbeit erleichterten, war es erforderlich, manche Hinweise direkt im Buch zu vermerken. So hatten die zuständigen Mitarbeiter*innen sofort alle Informationen parat. Nachfolgend stellen wir die wichtigsten Bearbeitungsmerkmale vor.

Als die Deutsche Bücherei 1913 zu sammeln begann, wurden die Eingangsdaten oft ins Buch gestempelt oder handschriftlich eingetragen (links). Heute stehen diese Informationen im Datensatz. In den frühen Anfängen der Bibliothek waren außerdem Mitarbeiterkürzel üblich (rechts). Später wurden diese durch Geschäftsgangsfahnen ersetzt.

Von der Sacherschließung ergänzte Verfassernamen auf den Titelblättern verschiedener Buchexemplare.
Sacherschließungsergänzungen zu Verfassernamen auf Titelblättern. Foto: DNB, Cornelia Ranft, CC BY SA 3.0 DE

Auch handschriftliche Sacherschließungsergänzungen wie vollständige Verfassernamen oder Erscheinungsjahre waren früher üblich, wenn das Titelblatt oder das Impressum diese Informationen nicht enthielten.

Buchbinderzeichen im Nachsatz verschiedener Buchexemplare
Buchbinderhinweise (Stempel und rotes x), Hausbuchbinderei. Foto: DNB, Cornelia Ranft, CC BY SA 3.0 DE
Vermerk "Ersatzexemplar" im Eck des Titelblatts eines Buches.
Eintragung „Ersatzexemplar“ am Seitenrand auf der Rückseite des Titelblatts. Foto: DNB, Cornelia Ranft, CC BY SA 3.0 DE

Die Eintragung Ersatzexemplar zeigt, das Verluste nach Möglichkeit durch Ersatzbeschaffungen ersetzt wurden. Für die Provenienzforschung im Haus sind diese Informationen unerlässlich, weil sie oft der einzige Hinweis auf einen eventuellen unrechtsmäßigen Besitz sind.

Bearbeitungsmerkmale dieser Art erschließen uns die bibliothekarischen Praktiken, mit denen frühere Generationen von Bibliothekar*innen unseren Bestand bearbeitet und verzeichnet haben. Indem wir die Kürzel und Stempel dieser jahrzehntealten Praktiken dokumentieren, lernen wir vieles über die eigene Bibliotheksgeschichte und die Herkunft der Sammlungen. Gerade für die Erforschung der Herkunft unserer Bestände ist es wichtig zu unterscheiden, ob Merkmale erst im Zuge bibliothekarischer Geschäftsgänge in die Bücher gelangten oder ob sie sich zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Bibliothek bereits darin befanden. Ist Letzteres der Fall, könnten die Merkmale auf frühere Vorbesitzer*innen und eine mögliche unrechtmäßige Erwerbung hindeuten. Aus diesem Grund dokumentieren wir alle Herkunftszeichen, die nicht auf die hauseigene Kennzeichnung zurückzuführen sind, in unseren Datensätzen und versuchen, mit Hilfe weiterer Recherchen die Vorbesitzer*innen zu identifizieren. Gleichzeitig streben wir an, unrechtmäßig erworbene Titel an ihre Vorbesitzer*innen bzw. deren Erb*innen zurückzugeben und gerechte und faire Lösungen zu finden.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Tags der Provenienzforschung 2022.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Fassade der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig. Foto: DNB, Cornelia Ranft

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Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

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