Schuppenwachtel, Federgeistchen, Tiefseevampir

17. November 2022
von Elke Jost-Zell und Karen Köhn

Der Sachbegriff in der Gemeinsamen Normdatei GND

Der Sachbegriff in der GND
Der Sachbegriff in der GND umfasst alles, was kreucht und fleucht, und vielerlei mehr!
Grafik: Elke Jost-Zell

Der Sachbegriff ist ein Instrument der thematischen Erschließung und Recherche.

Wozu benötigen wir ihn und was macht seinen Charme aus? Buchtitel, die aus blumigen Metaphern bestehen und damit potentielle Leser*innen und Käufer*innen anlocken sollen, spiegeln nicht immer den wahren Inhalt eines Medienwerks wieder.

So ist Das Leben der Mächtigen kein Enthüllungsbuch über die Schönen und Reichen aus der Glanz-und-Glamour-Welt, sondern ein Sachbuch über Bäume in Europa und den USA, die zu Naturdenkmälern erklärt wurden. Alien Empire ist weder ein Filmführer durch Ridley Scotts Filmreihe noch ein spekulatives Werk über Außerirdische in der Welt da draußen, sondern ein Fachbuch über Insekten. Und Der Sternwanderer ist keine Biografie über den Astronauten Neil Armstrong, sondern ein Fantasy-Roman des Schriftstellers Neil Gaiman.

Möchte man sich über das Literaturaufkommen eines bestimmten Themas informieren, sind Titelstichwörter oft, aber nicht immer hilfreich. Den tatsächlichen Inhalt eines Medienwerks jenseits der Eyecatcher-Titel geben dafür Sachbegriffe, auch Sachschlagwörter genannt, bei einer Recherche präzise und effektiv wieder.

Zwischen Haiku und Abstract

Unter einem Sachbegriff verstehen wir Bibliothekar*innen Bezeichnungen für Allgemein- und Individualbegriffe.

Man könnte auch sagen, Sachbegriffe in der GND sind all das, was keine Personen, Familien, Körperschaften, Konferenzen, Gebietskörperschaften, Geografika oder Werktitel sind. Gemeinsam mit diesen Normdatenarten beschreiben Sachbegriffe den Inhalt eines Medienwerks neutral, exakt und umfassend. Und da bekanntlich in der Kürze die Würze liegt, ist eine maschinell oder intellektuell vergebene Schlagwortfolge zwar (zuweilen) länger als ein Haiku, aber (immer) kürzer als ein Abstract – also die kürzeste Inhaltsangabe der Welt.

Wie entstehen neue Sachbegriffe (rein spekulativ betrachtet …)?

Sprache ist lebendig, immer im Wandel. Wörter entstehen und vergehen, Wortbedeutungen ändern sich, manches Wort ist solide wie Stein, manches Sprachgewitter und Wortfeuer erlischt im Wirbel der Zeit.

Dem entsprechend spiegelt die GND auch historische Sprachentwicklungen wieder – wie Gebrauchswörter, Fachtermini, wissenschaftliches Vokabular für Medienwerke entstanden, benutzt, abgelehnt und ersetzt wurden. Nicht umsonst sprechen wir von unserem „Wortschatz“, in dem wir oft Erstaunliches (Schuppenwachtel, Federgeistchen, Schluff), Skurriles (Schnauzenfalter, Tiefseevampir, Fossile Dinoflagellaten), Humoriges (Dampedei, Mumme, Willisauer Ringli) und auch die Gemüter erregendes (Indianer) finden – und in der GND für die Erschließung von Medienwerken verwenden.

Nehmen wir einmal Albert Einstein – möglicherweise suchte er nach einem sowohl wissenschaftlichen als auch Neugier weckendem Wort für eine Idee, die ihn beschäftigte. Kaum fand er es, plagte ihn die Furcht, dieser Begriff könnte schon vergeben sein. Vielleicht suchte er nun fieberhaft in Sach- oder Schlagwortkatalogen, prä-Internet in Zettelform, und stellte freudig fest, dass das Wort Relativitätstheorie noch nicht belegt und somit für die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie der Weg frei war. William Shakespeare bereicherte die englische Sprache um spekulativ circa 2000 neue Wörter, die wir teilweise noch immer verwenden. Es ist nicht überliefert, ob er sich beim Wühlen in elisabethanischen Bandkatalogen die Nächte um die Ohren schlug, um nach den Varianten der Begriffe Königsmord, Lärm, Nichts, Königreich, Pferd, Wahnsinn, Methode, Welt und Bühne für seine Dramen, Historien, Gedichte und Komödien zu suchen … aber denkbar! Der Rest ist Legende, sowohl was die deutsche Physik betrifft als auch die englische Literatur.

Normiert und kontrolliert

Die Bandbreite der Sachbegriffe ist riesig, aber nicht unendlich. Sachbegriffe basieren auf natürlicher Sprache, aber nicht jeder Begriff, der uns im täglichen Leben begegnet oder als Trendwort erst in aller Munde und dann schnell wieder vergessen ist, findet als Sachbegriff seinen Weg in die GND. Sie besteht aus dem, was wir ein kontrolliertes Vokabular nennen.

Normiert und kontrolliert bedeutet, dass die Schlagwörter referenziert, also durch Quellen wie Nachschlagewerke und Fachlexika, belegt sind.

Einen Begriff wie Exilliteratur finden wir natürlich in der GND als Sachschlagwort, da er nicht nur ein Schlüsselwort in der Sondersammlung unseres Deutschen Exilarchivs, DEA, ist, sondern auch in Nachschlagewerken wie Meyer und Brockhaus mit einem Eintrag und einer Definition verzeichnet wurde.

Aber man sucht vergeblich nach einem Normdatensatz für den Begriff Lostalgie, ein aus lost und Nostalgie zusammengesetztes Trendwort, das die Gefühle von Überforderung und Orientierungslosigkeit ausdrückt, die die Krisen und Kriege unserer Zeit begleiten. Oder Nocoiner, einem Begriff, der Personen bezeichnet, die keine Bitcoins oder andere Kryptowährungen besitzen oder diese mit Skepsis betrachten.

Für einen Sachbegriff, der sich jedoch im allgemeinen und fachlichen Sprachgebrauch etabliert hat und zu dem wir Literatur bekommen, wird erst dann ein eigener Datensatz kreiert, wenn er in verlässlichen Quellen wie Nachschlagewerken, Datenbanken und Fachlexika seinen Niederschlag findet. So ist das Waldbaden nicht nur bekannt, weil Goethe im „Walde so vor sich hin ging“ und Peter Wohlleben unser Augenmerk auf Bäume, Tiere und überhaupt die ganze Natur lenkt. Japanische Wissenschaftler untersuchten, warum das Wandeln im Wald so wohltuend ist und nannten es Shinrin yuko (Waldbaden). Ein Bücherwald an Literatur über das Thema erschien – und wir erstellten einen Datensatz, um die Medienwerke erschließen zu können. Bei dem brennenden Thema Planetare Gesundheit, zu dem uns jüngst Bücher erreichen, haben wir zunächst gezögert, da der Begriff noch recht neu ist, aber schließlich doch beherzt einen Datensatz angelegt.

Familiäre Bande

Der Sachbegriff steht im Datensatz nicht gern allein. Ihn umgeben Relationierungen, wie wir die verlinkten Beziehungen zwischen den Schlagwörtern nennen. Dabei unterscheiden wir zwischen Oberbegriffen, verwandten Begriffen und Unterbegriffen.

Schauen wir uns das Sachschlagwort Lyrik an als ein Beispiel mit verzweigten – und sehr erquicklichen – Relationierungen. Hier finden wir nicht nur die alternativen Bezeichnungen Dichtung, Poem, Gedicht etc., sondern auch den Oberbegriff Literatur und den verwandten Begriff Das Lyrische. Die Lyrik ist wiederum der Oberbegriff für untergeordnete Sachbegriffe wie Sonett, Streitgedicht und Liebeslyrik. Unter den Normdaten ist die Lyrik mit zahlreichen Werktiteln verlinkt, wie für das Gedicht Atemkristall von Paul Celan, Die gestundete Zeit von Ingeborg Bachmann oder Der siebente Ring von Stefan George.

Nun spinnen wir den Faden noch ein wenig weiter, denn die Sachbegriffe sind nicht nur mit anderen Normdaten relationiert, sondern natürlich auch mit den Titeldaten für die physischen Medienwerke wie Bücher und den nicht-physischen wie Netzpublikationen verlinkt.

International und multilingual

Da wir Bibliothekar*innen uns als ein interkulturell interessiertes, geselliges Völkchen betrachten, sind wir besonders glücklich über die Verknüpfungen zu u.a. den englisch- und französischsprachigen Vokabularen unserer Partner, der Library of Congress, Washington, (LCSH, Library of Congress Subject Headings) und der Bibliothèque Nationale de France, Paris (RAMEAU, Répertoire d‘Autorité-Matière Encyclopédique et Alphabétique Unifié) in unseren Sachbegriff-Datensätzen. Kennen Sie die zum Beispiel die Übersetzungen für die Sachbegriffe Erratischer Block? Auf Englisch heißen sie Boulders, auf Französisch Blocs (géomorphologie) – und Vulgo Findling. Große Einigkeit herrscht bei dem Sachbegriff Bibliografie – hier nutzen alle den schönen Wortstamm biblio in den landessprachlichen Variationen wie Bibliography, Bibliographie, Bibliografia.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Grafik: Elke Jost-Zell

Ein Kommentar zu „Schuppenwachtel, Federgeistchen, Tiefseevampir“

  1. tb sagt:

    So informativ und zugleich unterhaltsam kann ein Ausflug in die Welt der Sachbegriffe sein. Vielen Dank!

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