Auf den Spuren jüdischer Musiker*innen

12. August 2026
von Isabelle Geyer, Klara Ring und Tina Zaumseil

Jüdische Musik ist vielfältig, facettenreich und nicht leicht zu vereinheitlichen. Aber was ist jüdische Musik?

Bereits der Begriff „jüdisch“ ist bis heute mit persönlichen, politischen oder ideologischen Bedeutungen verbunden. Jüdische Musik muss deshalb in ihrem zeitlichen, historischen und räumlichen Kontext betrachtet werden. Inspiriert vom vielfältigen Bestand des Deutschen Musikarchivs, insbesondere der über zwei Millionen Tonträger, möchten wir anlässlich des Tags der Schallplatte drei ausgewählte Personen vorstellen, deren Spuren bis heute auf Schellack und Vinyl im Archiv zu finden sind:

Manfred Lewandowski, Lin Jaldati und Felicitas Kukuck.

Vom Synagogenmusiker bis zur Dirigentin – sie alle lebten und wirkten im 20. Jahrhundert in Deutschland. Sie verbindet ihre jüdische Herkunft und die damit einhergehenden Einschränkungen und Verfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch – ihre Liebe zur Musik.

Manfred Lewandowski (1895-1970): ein Star-Kantor

Schwarz-Weiß-Fotografie. Manfred Lewandowski am Klavier in Königsberg, 1921.
Abbildung 1: Manfred Lewandowski am Klavier in Königsberg, 1921. Quelle: Leo Baeck Institute, F 37351, https://www.lbi.org/griffinger/record/237403.

Der Sänger (Bariton) und Kantor Manfred Lewandowski wird 1895 in Hamburg geboren. Wie schon sein Vater und Großvater vor ihm, arbeitet er als Kantor (hebr. Chasan). Längere Zeit ist er in Berlin tätig u.a. an der Synagoge Friedenstempel (s. Abb. 2), deren Einweihung er 1923 miterlebt und die im November 1938 von Nationalsozialisten zerstört wird. Im selben Jahr emigriert er über die Schweiz zunächst nach Frankreich und dann in die USA, wo er weiterhin viele Jahre als Kantor tätig ist. Im Jahr 1970 verstirbt er in Elkins Park im Alter von 75 Jahren.

Das Goldene Zeitalter der Kantoren

Schwarz-Weiß-Fotografie. Innenansicht der Synagoge Friedenstempel in der Berliner Markgraf-Albrecht-Straße 11-12, Blick auf die Bima.
Abbildung 2: Synagoge Friedenstempel in der Berliner Markgraf-Albrecht-Straße 11-12, Blick auf die Bima. In: Die Goldbergs, S. 31, https://d-nb.info/1064593054.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird in der westlichen Synagogenmusik von sogenannten Star-Kantoren gesprochen, deren Reichweite über die Rolle des Vorbeters (Chasan) hinausgeht.

Auch Lewandowski beginnt ab den 1920er Jahren als Konzertsänger aufzutreten und begeistert sein Publikum mit Aufführungen, Radioauftritten und Schallplattenaufnahmen. Zwischen 1926 und 1935 nimmt er erfolgreich mehrere Platten auf, z.B. bei den Labels Semer, Odeon und Homocord. Die Labels werben mit Lewandowskis Namen (s. Abb. 3 und 4).

Seine Funktion als Kantor ist eng mit seinem Wirken als Musiker verbunden. Er komponiert und singt im Besonderen für Gottesdienste, Feste und Konzerte der jüdischen Gemeinde (s. Abb. 5).

Ankündigung Simchat-tora-Fest unter Mitwirkung von Oberkantor Lewandowski, 1934: Synagogenverein Friedenstempel. Unter Mitwirkung der Herren Rabbiner Dr. Prinz, Oberkantor John, Oberkantor Lewandowski und Oberkantor Neumann veranstaltet der Synagogenverein Friedenstempel am 2. Oktober 1934, abends 8.30 Uhr, in den Räumen des Café Léon, Berlin W, Kurfürstendamm 156, Lehniner Platz, ein Simchat-tora-Fest. Im heiteren Teil wird Herr Alfons Fink anmelden. Eintrittskarten für Mitglieder 50 Pfg., für durch Mitglieder eingeführte jüdische Gäste (in beschränkter Anzahl) 1.00 RM.
Abbildung 5: Ankündigung Simchat-tora-Fest unter Mitwirkung von Oberkantor Lewandowski, In: Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, (Bd. 24, 29.09.1934, Nr. 36: 7), https://d-nb.info/1026601606.
Schellackplatte des Labels Semer aus dem Deutschen Musikarchiv
Abbildung 6: Schellackplatte des Labels Semer aus dem Deutschen Musikarchiv, https://d-nb.info/381906981. Foto: Geyer/ Zaumseil, DNB

Im Bestand des Deutschen Musikarchivs gibt es mehrere Schellackplatten von Lewandowski. Neben klassischen Stücken, wie z.B. G.F. Händels Largo (https://d-nb.info/1402945922), finden sich viele hebräische Gesänge, wie z.B. Kidush (https://d-nb.info/1402457502), ein wichtiger jüdischer Segensspruch (s. Abb. 6).

Flucht in die USA und Ausflug nach Hollywood

Mit der Machtergreifung durch die Nazis 1933 werden ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft schrittweise zunächst die Auftritte als Konzertsänger sowie schließlich das Leben in Deutschland unmöglich gemacht. 1938 emigriert er in die USA, wo er ab 1940 als Kantor und Lehrer an der Congregation Emanu-El in Philadelphia arbeitet.

In dem Film Der Vilner Shtot Khazn (englischer OT: Ouverture to Glory) von Max Nosseck aus dem Jahr 1940 ist Lewandowski in der Besetzung als Kantor mit seinem Gesang im Off zu hören, vgl. https://d-nb.info/1194434274 und https://d-nb.info/1039420249.

Gottesdienst im Exil

Foto von Manfred Lewandowski, 1949. Bildunterschrift auf orginal Foto: Manfred Lewandwoski seit 30 Jahren Kantor und Vorbeter, wirkt an den Hohen Feiertagen bei den Gottesdiensten der Congregation Habonim mit.
Abbildung 7: Manfred Lewandowski. In: Aufbau (Bd. 15, 23.09.1949, Nr. 38: 10), https://d-nb.info/1039310788

Im amerikanischen Exil schreibt Lewandowski für die Zeitschrift Aufbau. In dem Artikel Nach den Festen von 1941 betont Lewandowski die verbindende Kraft und Stärke des Neilah-Liedes Joh Schimcho (s. Zitat). Beim Hören der digitalisierten Aufnahme des Joh Schimcho (https://d-nb.info/1402457375) können wir uns versuchen vorzustellen, wie sich Lewandowskis Gesang, während des Gottesdienstes, möglicherweise anhörte.

So kam mir der Gedanke innerhalb des Gottesdienstes etwas wiederaufleben zu lassen, was drüben Generationen Kraft und Stärke gegeben hatte, in den ‚Stunden des Gebets‘. Es war mir gelungen, das bekannte ‚Neilah-Lied – Joh Shimcho‘, gedichtet von Jehuda Halevy, aus der Partitur der Jüdischen Gemeinde, neben anderen Gesängen, einzuführen. Das war etwas ganz Neues für eine amerikanische Congregation. Dennoch – diese schlichte, aber tief ergreifende Melodie – in den Ohren von Tausenden, die einst in den unvergesslichen Gotteshäusern Berlins beteten, nahm sofort gefangen…

Manfred Lewandowski: Nach den Festen. In:. Aufbau (Bd. 7, 24.10.1941, Nr. 43: 16)
https://d-nb.info/1039521606

Werke von und über Manfred Lewandowski in der DNB: https://d-nb.info/gnd/134811186

Was macht eigentlich ein Kantor?

Die Bezeichnung Kantor*in verweist im weiteren Sinne auf Personen, die hauptberuflich für die Kirchenmusik im Gottesdienst zuständig sind. Der Begriff Kantor stammt aus dem Christentum und wird erst seit dem 19. Jahrhundert auch im Kontext des synagogalen Gottesdienstes als Selbstbezeichnung verwendet. Die traditionelle Bezeichnung im jüdisch-liturgischen Musikverständnis ist im Hebräischen Chasan und meint die Rolle des Vorbetenden. Die Begriffe Kantor und Chasan werden heute häufig synonym verwendet.

Lin Jaldati (1912-1988): Sängerin, Tänzerin und Stimme des Widerstands

Was geschehen ist, darf nicht vergessen werden, damit sich für niemanden das wiederholt, was wir ertragen mussten.

Lin Jaldati

Kindheit und Jugend im jüdischen Amsterdam

Porträtfoto: Lin Jaldati ca. 1938
Abbildung 8: Lin Jaldati ca. 1938, Porträtstudie von Henk Wanink, Quelle: Wikimedia Commons

Lin Jaldati wird am 13. Dezember 1912 als Rebekka Lientje Brilleslijper in Amsterdam geboren. Sie wächst im armen Teil des dortigen jüdischen Viertels, dem „Jodenhoek“, auf, wo ihre Eltern ein kleines Lebensmittelgeschäft betreiben. Als Kind singt sie unter anderem im jüdischen Kinderchor und nimmt Tanzunterricht. Schon früh äußert sie den Wunsch, Tänzerin zu werden, ihr Vater ist jedoch dagegen. Nach Abschluss der Grundschule muss sie zunächst im Familiengeschäft helfen, eine höhere Schule kann sich die Familie nicht leisten. Mit 14 Jahren beginnt sie auf Geheiß ihres Vaters in einer Nähfabrik zu arbeiten. Trotz des Verbots setzt sie parallel heimlich ihre Tanzausbildung fort.

Frühes Künstlerisches Schaffen und Politisierung

Lin erhält Unterricht in Ausdruckstanz, klassischem Ballett und weiteren Tanzstilen. Bald beginnt sie eigene Solo-Choreografien zu entwickeln und zu ihren Tänzen jiddische Lieder zu singen. Ab 1930 wird sie Teil des „Nederlands Ballet“ von Lili Green. Ihren Künstlernamen Lin Jaldati nimmt sie Ende 1931 an. Dieser setzt sich aus ihrem Spitznamen Lin (abgeleitet von ihrem Vornamen Lientje) und dem hebräischen Wort für „mein Mädchen“ zusammen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten politisiert sie sich zunehmend, tritt der Kommunistischen Partei der Niederlande (CPN) bei und beteiligt sich an antifaschistischen Protestaktionen und Theaterprojekten.

Ende 1933 zieht sie zu Hause aus und wird Teil einer Pension für angehende Künstler*innen. Dort lernt sie auch ihren späteren Ehemann, den Pianisten und Musikwissenschaftler Eberhard Rebling kennen – ein aus Nazideutschland emigrierter Oppositioneller. Jaldati und Rebling werden sowohl auf der Bühne als auch im Leben ein Paar. Bei ihren Tanz- und Gesangsauftritten begleitet er sie meist am Klavier. Seit ihrer Jugend beschäftigt sich Lin intensiv mit jiddischer Kultur, was sich auch in ihrem fortlaufenden künstlerischen Schaffen widerspiegelt. So verfügt sie über ein umfangreiches Repertoire an jiddischen Liedern und Tänzen.

Verfolgung, Widerstand und Überleben

Nach der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht im Mai 1940 gehen Jaldati und Rebling in den Widerstand. Ab 1943 gehen sie mit ihrer zweijährigen Tochter in den Untergrund, gemeinsam mit weiteren Verfolgten leben sie in einem Versteck bei Amsterdam, dem „Hohen Nest“, das 1944 jedoch verraten wird. Lin Jaldati und ihre Schwester Jannie werden deportiert, zunächst in das Konzentrationslager Westerbork, dann nach Auschwitz und Bergen-Belsen. In allen drei Lagern begegnen sie auch Margot und Anne Frank. Lin und ihre Schwester überleben die Lagerhaft. Sie sind es, die Otto Frank später vom Tod seiner Töchter berichten und die Geschichte nach dem Ende von Anne Franks weltberühmten Tagebuch erzählen können. Jaldatis Eltern und ihr Bruder Jacob werden in Auschwitz ermordet – ein Verlust, über den sie nie hinwegkommt und der sie lebenslang prägt.

Neubeginn mit Musik

Nach Kriegsende kehrt Lin Jaldati zunächst in die Niederlande zurück und tritt bald wieder gemeinsam mit Eberhard Rebling auf. Ihr Repertoire erweitert sie nun um Widerstandslieder. Nach der Heirat und Geburt der zweiten Tochter Jalda ziehen sie 1952 in die DDR. Hier wird Jaldati rasch zu einer bekannten Künstlerin. Sie tritt mit jiddischen Liedern, Arbeiter- und Friedensliedern auf und erhält staatliche Unterstützung durch Rundfunk, Plattenaufnahmen und Konzerttourneen. Ihre erste Schallplatte erscheint 1955 beim Label Eterna und enthält unter anderem das „Partisanenlied“ (https://d-nb.info/140294585X) und „S’brent“ (https://d-nb.info/1402945779, vgl. auch Kurz-Dokumentation dazu im DDR-Fernsehen 1982. Sie ist eine wichtige Repräsentantin jüdischer Musik und antifaschistischer Erinnerung in der DDR, bleibt jedoch eine Ausnahmefigur in einem Umfeld, in dem jüdisches Leben nur begrenzt sichtbar wird.

Vermächtnis und Erinnerung

Auch Jaldatis Töchter werden Musikerinnen und treten gelegentlich gemeinsam mit ihr auf. 1986 erscheint unter dem Titel „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ die gemeinsame Autobiografie von Jaldati und Rebling (https://d-nb.info/1035749769). Am 31. August 1988 stirbt Lin in Berlin. Ihr Leben bleibt eng verbunden mit der Bewahrung jiddischer Kultur, dem antifaschistischen Widerstand und der Erfahrung des Holocaust. Bis zuletzt versteht sie ihre Kunst als Erinnerung und Auftrag.

Werke von und über Lin Jaldati in der DNB: https://d-nb.info/gnd/118816780

Was bedeutet „jiddisch“?

Das Wort „jiddisch“ stammt aus dem Englischen und bedeutete ursprünglich einfach „jüdisch“. Erst seit rund 100 Jahren bezeichnet es im Deutschen auch die jüdisch-deutsche Sprache, die sich aus mittel- und oberdeutschen Dialekten entwickelt hat. Infolge des Holocausts und der fortschreitenden Sprachassimilation sank die Zahl der Sprecher weltweit drastisch. Während es vor 1940 noch etwa 11 Millionen waren, sind es heute nur noch rund 1 Million, die diese Sprache sprechen.

Felicitas Kukuck (1914-2001): Komponistin und Musikpädagogin, die jüdische und christliche Inhalte verband

Felicitas Kukuck am Klavier, Hamburg, 1961.
Abbildung 14: Felicitas Kukuck am Klavier, Hamburg, 1961. Quelle: : https://www.felicitaskukuck.de

Am 2. November 1914 wird Felicitas Kukuck in Hamburg geboren. Initiiert von ihrer Mutter, einer ehemaligen Sängerin, erhält sie bereits in frühen Jahren ihren ersten Klavierunterricht und studiert schließlich an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin. 1936 legt sie die staatliche Privatmusiklehrerprüfung in Klavier ab. Zu diesem Zeitpunkt erfährt Felicitas Kukuck zum ersten Mal von ihrer jüdischen Herkunft. Ihre Eltern hatten zwei Jahre nach ihrer Geburt den Familiennamen Cohnheim in Kestner geändert. Die 1935 neuerlassenen Nürnberger Rassengesetze stuften Felicitas Kukuck nun jedoch als sogenannte „Vierteljüdin“ ein, wodurch ihr eine Unterrichtserlaubnis in der Folge verwehrt bleibt. Stattdessen setzt sie ihr Studium im Hauptfach Querflöte fort.

Als Schülerin bei Hindemith

Komponist Paul Hindemith (1895–1963) mit Studenten, 1937. Rechts neben ihm Felicitas Kestner (später Kukuck)
Abbildung 15: Komponist Paul Hindemith (1895–1963) mit Studenten, 1937. Rechts neben ihm Felicitas Kestner (später Kukuck). Fotograf unbekannt, CC0, Wikimedia Commons.

1937 folgt mit dem Eintritt in die Kompositionsklasse von Paul Hindemith die mit ihren Worten „entscheidende Wende“ in ihrem Leben als Komponistin. In Hindemith findet sie einen Lehrmeister, der ihr lebenslang als Vorbild gelten sollte. Hindemiths Auffassung, Musik müsse ein breites Publikum adressieren und verständlich sein, teilt sie uneingeschränkt. 1939 legt Kukuck ihre künstlerische Reifeprüfung ab. Zu Ehren ihres Lehrers Hindemith, der bereits ein Jahr zuvor als „entarteter Künstler“ in die Schweiz ins Exil gegangen war, spielt sie bei ihrer Prüfung dessen Zweite Klaviersonate und besteht die Prüfung dennoch.

Berufsverbot

Dank einer Sondergenehmigung wird Kukuck Ende 1938 in die Reichsmusikkammer aufgenommen – jedoch mit erheblichen Einschränkungen: das offizielle Unterrichten und öffentliche Auftreten werden ihr verwehrt.

Die Heirat mit ihrem Schulfreund Dietrich Kukuck im Juli 1939 rettet Felicitas Kukuck wahrscheinlich das Leben. Während ihre Eltern und ihr Bruder nach England emigrieren, kommt für sie selbst eine Emigration nie in Frage, wie sie rückblickend beschrieb: „Ich selber blieb in Deutschland. Die Musik – die deutsche Musik, das Land Johann Sebastian Bachs hielt mich fest. Hier war ich verwurzelt. Hier wollte ich leben. Ich wäre nie fortgegangen.“ 1 Stattdessen unterrichtet und komponiert sie trotz fehlender Genehmigung weiter und versteckt bis zum Kriegsende die Jüdin Elisabeth Veilchenfeld, ehemalige Lehrerin der Hamburger Talmud-Tora-Schule, bei sich.

Kukuck als Komponistin

Das Oeuvre von Felicitas Kukuck umfasst über tausend Werke, darunter vor allem Vokal- und sogenannte „Gebrauchsmusik“. Die Stimme und die Blockflöte sind ihre Hauptinstrumente. Insbesondere biblische Geschichten faszinieren die Komponistin seit ihrer Schulzeit und prägen ihr gesamtes kompositorisches Schaffen, wie beispielsweise die biblische Oper „Der Mann Mose“ (Uraufführung 1987, vgl. Abb. 17, 18). Viele ihrer Vokalwerke führt Kukuck mit dem von ihr gegründeten Kammerchor Blankenese auf. Zu ihren bekanntesten Werken zählt das Volkslied „Es führt über den Main“ (https://d-nb.info/gnd/1111792771).

Rückkehr zu den jüdischen „Wurzeln“

Felicitas Kukuck bei der Verleihung der Johannes Brahms-Medaille mit der Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, 1995
Abbildung 18: Felicitas Kukuck bei der Verleihung der Johannes Brahms-Medaille mit der Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, 1995. Quelle: https://www.felicitaskukuck.de

Mit über 70 Jahren schließt sich Felicitas Kukuck der Friedensbewegung an. Ihre Musik steht fortan im Dienst ihrer politischen Haltung. Doch auch mit der Shoah setzt Kukuck sich nun erstmals kompositorisch auseinander. Sie vertont Texte der jüdischen Dichter*innen Nelly Sachs, Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger. Am 4. Juni 2001 stirbt Felicitas Kukuck in Hamburg-Blankenese. Heute kennen vor allem Sänger*innen die Werke Kukucks aus Schulmusikbüchern. Viele ihrer „großen“ Werke blieben hingegen größtenteils auf Kukucks eigenen Wirkungskreis begrenzt und gerieten bis heute mehrheitlich in Vergessenheit. Seit 2016 erinnert immerhin eine Straße in Hamburg-Altona an die so fleißige Komponistin.

Das Komponieren ist für mich mein Leben. Ich bin glücklich, daß ich komponieren kann, daß ich es immer weiter erlerne. Gleichzeitig bedeutet es für mich den Kontakt zu Menschen und unter Menschen zu sein. Neue Kompositionen sind nicht für die Schublade, nicht für mich, sie sollen gesungen und gespielt werden, sie sind für andere Menschen.

Zitiert nach Ruth Exter, 1988. In: Cordula Sprenger. Felicitas Kukuck als Komponistin von Solo- und Chorliedern. Marburg 2008. S. 17, https://d-nb.info/991551419.

Werke von und über Felicitas Kukuck in der DNB: https://d-nb.info/gnd/120491923

Was sind die Nürnberger Gesetze?

Die Nürnberger Gesetze wurden 1935 erlassen und legitimierten die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. In den rassistischen und antisemitischen Gesetzen wurden Menschen nach der Anzahl ihrer jüdischen Vorfahren in undurchsichtige Kategorien unterteilt, wie z.B. Voll-, Halb- oder Vierteljuden. Diese Willkür hatte zur Folge, dass sie entrechtet und verfolgt wurden.

Isabelle Geyer

Isabelle Geyer studierte im Bachelor Religionswissenschaft und ist nun im Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTWK Leipzig. Im Rahmen ihres Praktikums an der DNB lernte sie die Bestände des Musikarchivs kennen.

Klara Ring

Klara Ring promoviert in Historischer Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar zum Thema „Olga Brandt-Knack, Ilse Fromm-Michaels, Felicitas Kukuck – Künstlerisches Selbstverständnis und innere Emigration dreier Hamburger Künstlerinnen zwischen 1930 und 1950“. Daneben ist sie als freiberufliche Musikvermittlerin tätig.

Tina Zaumseil

Tina Zaumseil arbeitet im Musiklesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und studiert berufsbegleitend Informationsmanagement an der Hochschule Hannover.


Quellen / Literatur:

Zu Lewandowski

Zu Jaldati:

Zu Kukuck:

  • Exter, Ruth: Felicitas Kukuck: Biographie und Musik einer Komponistin im 20. Jahrhundert (Hamburg, Univ., Hausarbeit, 1988).
  • Johannsen, Margret: Art. „Felicitas Kukuck“, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, hrsg. Von Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Hamburg: Universität Hamburg, 2006, online verfügbar unter https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_1443, aufgerufen am 12. Juni 2026.
  • Johannsen, Magret: Art. „Felicitas Kukuck“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hrsg. von Beatrix Borchard, Nina Noeske und Silke Wenzel, HfMT Hamburg, 2003ff. und HfM Weimar, 2022ff. Stand vom 1. Februar 2019, online verfügbar unter https://mugi.hfmt-hamburg.de/receive/mugi_person_00000459, aufgerufen am 17. Juni 2026.
  • Kukuck, Felicitas: Autobiographie in Form eines Tagebuchs ab 17. April 1989, 33 Seiten, Typoskript. Sprenger, Cordula: Felicitas Kukuck als Komponistin von Solo- und Chorliedern: exemplarische Untersuchungen zu zeitgeschichtlichem Umfeld und stilistischen Einflüssen, Teilw. zugl.: Gießen, Univ., Magisterarb., 2007, https://d-nb.info/991551419.

  1. Eike Funck im Gespräch mit Felicitas Kukuck. In: Intervalle I, Arbeitskreis Musik in der Jugend, Wolfenbüttel: 1980, S. 13. ↩︎
*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Geyer / Zaumseil, DNB

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  • ISSN 2751-3238