Museen im digitalen Wandel
Von allen Einrichtungen des GLAM-Bereichs (Galleries, Libraries, Archives, Museums) sind Museen sicherlich diejenigen, die besonders publikumsstark sind. Mit ihren Dauer- und Wechselausstellungen und ihren Beständen und Sammlungen sind sie ein elementarer Teil der deutschen Kulturlandschaft. So bot es sich für das Datenkompetenzzentrum HERMES an, nach zwei Workshops an der Deutschen Nationalbibliothek mit der Spitzenforschung (zum Bericht „An der Schnittstelle von Forschung und GLAM“, zum Bericht „Hybride Kompetenzen für Forschung und GLAM“) einmal mit der Museumswelt über digitales Arbeiten und den Stellenwert des Umgangs mit Daten zu sprechen.
Zwei Tage lang haben wir im Rahmen eines Workshops an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt mit Vertreterinnen und Vertretern aus großen und kleinen Museen über Digitalisierung, Datenkompetenzen und das Personal gesprochen.
Das große Thema Künstliche Intelligenz
Wie in allen Einrichtungen des GLAM-Bereichs, ist auch im Museumswesen das Thema KI sehr präsent. Ob und wie KI genutzt wird, offenbart zwei Geschwindigkeiten in der Museumslandschaft: Die einen nutzen KI bereits produktiv, etwa um ihre Fotosammlungen einfacher durchsuchbar zu machen. Die anderen sind – aus ganz unterschiedlichen Gründen – noch nicht so weit.
Kompetenzen im KI-Bereich stammen vielfach von engagierten Einzelpersonen mit technischen Kenntnissen. Es wurde auf dem Workshop die Befürchtung geäußert, dass die Kluft zwischen denen, die KI nutzen und denen, die es nicht tu, irgendwann auffallend groß werden würde. Es gelte, alle mitzunehmen, damit sich nicht bloß ein Teil des Personals auf neue Entwicklungen einlasse, ein anderer hingegen nicht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops waren der Meinung, dass um KI-Expertise im Haus nicht umhin komme und das Wissen nicht an externe Experten delegieren solle. Wichtig dafür sei die Haltung im Haus und die Bereitschaft, den Wandel aktiv gestalten zu wollen.
Datenarbeit und Ausstellungen – Datenarbeit oder Ausstellungen?
Damit der digitale Wandel in Museen überhaupt stattfinden kann, kommt es auf eine Stelle besonders an: die Leitung. Die Haltung der Führungsebene ist grundlegend dafür, ob und wie sich die digitale Arbeit entwickelt. Dass Digitalisierung und die Arbeit mit Daten in vielen Häusern noch nicht akzeptiert sei, kam auf dem Workshop immer wieder zur Sprache.
Es ist ein Problem der Ressourcen und Kapazitäten. Soll mehr mit Daten gearbeitet werden, welche Aufgaben fallen dann weg? Besonders kontrovers wurde die Wortmeldung diskutiert, dass man doch die Zahl der Ausstellungen reduzieren könne – zugunsten der Digitalarbeit. Der Vorschlag traf auf viel Widerspruch: Ausstellungen gehören zum musealen Kerngeschäft. Dieses Kerngeschäft kann schon allein aus strategischen Gründen kaum vernachlässigt werden, denn Ausstellungen und Besucherzahlen sind im Museumswesen eine harte Währung. Es sind wichtige Kennzahlen, die da generiert werden. Das ist bei der Arbeit mit Daten nicht der Fall. Muss datengetriebene Arbeit im Museum also einen höheren Stellenwert bekommen? Denn auch in der Vorbereitung von Ausstellungen fallen Daten an, werden Datenbanken aufgesetzt und mit Inhalten gefüllt. Es ist beileibe nicht so, als stünden sich zwei völlig unabhängige Tätigkeitsbereiche gegenüber. Vielmehr wird das eine vom anderen benötigt.
Knackpunkt Personal
Das Kapazitätenproblem digitaler Arbeit ist nicht nur die Frage, wer kann die Aufgaben bewältigen, sondern auch, wer kann die Aufgaben bewältigen. Das Personal muss die Fähigkeiten besitzen, mit Daten umzugehen. Wichtig ist auch hier wieder die Haltung: Das Personal muss offen für Veränderungen und bereit sein, sich die notwendigen Fähigkeiten anzueignen. Auf dem Workshop wurde berichtet, dass das nicht überall der Fall sei. Widerstände gegen die Digitalisierung seien ganz unterschiedlich begründet. Mal sei es die Sorge, Aufgaben abgeben zu müssen, mal gar die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Auch die Angst vor Kontrollverlust könne ein Grund sein; man könne ja gar nicht wissen, was Dritte mit den Daten anstellen, die man ein einer zugänglichen Datenbank eingibt!
Dort, wo die Bedeutung der Datenarbeit für das Museum erkannt sei, müsse die Leitungsebene auf Weiterbildungen beharren, Schulungen müssten verpflichtend sein, ihr Besuch gar autoritär durchgedrückt werden – diese drastische Wortmeldung demonstrierte besonders, wie wichtig Datenkompetenzen im Museum inzwischen sind und wie sehr es Weiterbildungsmöglichkeiten bedarf. Die universitäre Ausbildung kann das weite Feld der Datenkompetenzen gar nicht vollständig abdecken, aber Grundlagen bieten und zur Selbsthilfe anleiten. Für alles, was konkret im Museumsalltag benötigt wird, sind flexible berufliche Weiterbildungen wichtig. Noch besser ist es natürlich, wenn die Kenntnisse durch praktische Anwendung erlangt wurden. Bei der Stellenbesetzung könne schon eine einschlägige Tätigkeit als studentische Hilfskraft den Ausschlag geben.
Stellensituation und Bewerbersituation
Der Quereinstieg ist im Museumsbereich nicht unüblich. Viele Beschäftigte der am Workshop teilnehmenden Einrichtungen hätten weder Museologie studiert noch ein Museumsvolontariat absolviert. Gleichzeitig gelten Promotion und Volontariat als Voraussetzungen für die begehrten Kuratorenstellen.
Doch ist der klassische museale Ausbildungsweg auch für die gegenwärtige Arbeit mit digitalen Daten im Museum geeignet? Um das herauszufinden, haben wir sechs Personae ausgelegt, die typische Absolventen der Ausbildungsgänge des GLAM-Bereichs darstellen. Davon stammen je zwei aus dem Bibliothekswesen, zwei aus dem Museumsbereich und zwei aus dem Archivwesen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops hatten die Aufgabe, bis zu drei Personen auszuwählen, die sie für eine Stelle im Bereich der Digitalisierung und Datenarbeit in ihren Häusern in Betracht zögen.

Das Ergebnis spiegelt das wider, was wir bereits auf einem anderen HERMES-Workshop beobachten konnten: Das Museumswesen wählte auch dieses Mal mehrheitlich Personae aus anderen GLAM-Bereichen aus und weniger jene aus dem Museumsbereich. Die beiden Personae, die am meisten gewählt wurden, stammen aus dem Bibliotheks- und dem Archivwesen. Von den Museums-Personae wurde eine von drei Personen und die andere von niemandem ausgewählt. Das unterstreicht, dass der Museumsbereich offen für den Quereinstieg ist – und in gewisser Hinsicht auch darauf angewiesen.
Was passiert als nächstes?
Die Erkenntnisse, die wir auf diesem und den anderen Workshops gesammelt haben, werden wir zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft und unser Projektpartner bei HERMES, in zwei Publikationen verarbeiten.
Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die rege Beteiligung und die gewinnbringenden Diskussionen!







