Restituiert und zurückgekauft
In den letzten Jahren hat die Deutsche Nationalbibliothek mehrere Buchkonvolute restituiert, die über die Bücherverwertungsstelle Wien in den Bestand der Deutschen Bücherei Leipzig gelangt sind, so unter anderem an die Erb*innen nach Valentin Rosenfeld und Gottfried Bermann Fischer. Die Bücherverwertungsstelle wurde im September 1938 vom Reichspropagandaamt Wien eingerichtet. Ihre Zweck bestand darin, Buchbestände, die der Sicherheitsdienst der SS und die Gestapo nach dem „Anschluss“ Österreichs aus Privatbibliotheken, Buchhandlungen und Verlagen beschlagnahmt hatten, zu sichten und an Bibliotheken im Deutschen Reich zu verteilen. Um diese Sichtung zu koordinieren, wurde Albert Paust, der Leiter der Erwerbungsabteilung der Deutschen Bücherei Leipzig, für mehrere Monate nach Wien abgeordnet. Während seiner Tätigkeit in Wien sorgte Paust dafür, dass rund 550 Schriften nach Leipzig geschickt und in den Bestand der Deutschen Bücherei eingearbeitet wurden. Aus heutiger Sicht sind diese als NS-Raubgut zu bewerten und daher als Fundmeldungen in der Lost Art-Datenbank veröffentlicht. Im Dezember 2025 konnte nun für ein weiteres Konvolut aus der Bücherverwertungsstelle eine gerechte und faire Lösung gefunden werden.
Der sozialdemokratische Politiker Wilhelm Ellenbogen


Das Konvolut umfasst fünf überwiegend kleinformatige Schriften, von denen drei einen eindeutigen Bezug zur österreichischen Sozialdemokratie aufweisen. Vier der Bände sind im vorderen Einband mit dem Exlibris von Wilhelm Ellenbogen gekennzeichnet; das fünfte trägt auf dem Titelblatt seinen eigenhändigen Schriftzug.

Wilhelm Ellenbogen wurde am 09. Juli 1863 in Lundenberg (heute: Břeclav, Tschechien) geboren und übersiedelte als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern nach Wien, wo er zur Schule ging und Medizin studierte. Neben der Ausübung seines Arztberufs engagierte er sich politisch: Als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs gehörte er 1904-1918 dem Reichsrat an. Von 1918 bis 1934 war er Abgeordneter des österreichischen Nationalrats. In den 1920er Jahren setzte er sich intensiv mit dem Faschismus als Herrschaftsform auseinander und kritisierte offen die Nähe von Bundeskanzler Ignaz Seipel zu Mussolini.
Nach der Ausschaltung des österreichischen Parlaments durch die Regierung von Engelbert Dollfuß im März 1933 wurden die Strukturen der sozialdemokratisch und marxistisch orientierten Arbeiterbewegung in Österreich schrittweise zerschlagen. Dabei kam es im Februar 1934 in mehreren Städten zu Widerstand gegen die Durchsuchung von Parteigebäuden, die sich zu den sogenannten Februarkämpfen ausweiteten. Infolgedessen ordnete die Regierung Dollfuß zahlreiche Verhaftungen an, von denen auch Wilhelm Ellenbogen betroffen war. Im Mai 1934, nach dem Inkrafttreten der autoritären Maiverfassung, wurde er aus der Haft entlassen, aber weiterhin polizeilich überwacht. Er gab daher seine aktive politische Betätigung auf.
Unmittelbar nach der Annexion Österreichs im März 1938 wurde Ellenbogen erneut kurzzeitig verhaftet, aber bald wieder aus der Haft entlassen. Im Mai 1939 emigrierte er zusammen mit seinen Geschwistern Gisela und Leopold zunächst nach Paris. 1940 gelang es ihnen, über Südfrankreich und Madrid nach Lissabon zu reisen und sich auf einem Passagierschiff nach New York einzuschiffen. Im New Yorker Exil gehörte Wilhelm Ellenbogen dem Vorstand des Austrian Labour Committees an. Er verstarb 1951 in New York.
Zwischen Wien, Stockholm und Leipzig: Konkurrierende Ansprüche auf Ellenbogens Privatbibliothek
Dass die Nationalsozialisten Wilhelm Ellenbogen nach der Annexion Österreichs verfolgten, lag nicht allein in seinen politischen Überzeugungen begründet. Da er jüdischer Herkunft war, unterlag er ebenso wie seine Geschwister den antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen und musste im Juni 1938 gegenüber der Vermögensverkehrsstelle Wien seine finanziellen Verhältnisse offenlegen. Als seine Vermögenserklärung im Dezember 1938 als Grundlage zur Berechnung der „Judenvermögensabgabe“ herangezogen wurde, reichte Ellenbogen bei der Vermögensverkehrsstelle eine aktualisierte Übersicht über seinen Vermögensstand ein. Darin wies er insbesondere darauf hin, dass die Gestapo im Oktober 1938 etwa 1.000 Bände seiner insgesamt rund 5.000 Bände umfassenden Privatbibliothek beschlagnahmt hätte, sodass sich der Wert seiner Bibliothek vermindert habe. Im Februar 1939 teilte er der Vermögensverkehrsstelle schließlich mit, dass er den Restbestand seiner Bibliothek verschenkt habe und nunmehr auch dieser Wert von seiner Vermögenserklärung abzuziehen sei.
Ellenbogens Schenkung seiner Privatbibliothek an die Stadtbibliothek Stockholm zog monatelange Auseinandersetzungen zwischen dem Königlich Schwedischen Konsulat in Wien, der Vermögensverkehrsstelle und der Österreichischen Nationalbibliothek nach sich. Während die Vermögensverkehrsstelle einer Übergabe der Bibliothek an die Schwedische Gesandtschaft zunächst zustimmte, lehnte die Österreichische Nationalbibliothek die Ausfuhr der Bibliothek mit der Begründung ab, dass die Bibliothek marxistisches und jüdisches Buchmaterial enthalte. Im April oder Mai 1939 wurden die Bücher daher zwischenzeitlich in die ÖNB überwiesen. Die diplomatischen Verwicklungen mit der schwedischen Gesandtschaft waren damit allerdings nicht beendet. Letztlich sprach sich das Auswärtige Amt des Deutschen Reichs aus außenpolitischen Gründen für eine restlose Freigabe und Ausfuhr von Ellenbogens Bibliothek aus. Im Dezember 1939 wurde sie an den schwedischen Konsul in Wien übergeben. Ob sie aber tatsächlich nach Schweden überführt werden konnte, bleibt fraglich. Nach 1945 wurden nicht nur in der ÖNB Wien, sondern auch in anderen österreichischen Bücherdepots Bände aus Ellenbogens Bibliothek wiedergefunden.

Für die fünf Bände, die im Bestand der Deutschen Bücherei Leipzig identifiziert werden konnten, lässt sich anhand der Zugangsbücher feststellen, dass je zwei Bände im Dezember 1938 und im Januar 1939 verzeichnet wurden; der fünfte Band wurde im Juni 1939 ins Zugangsbuch eingetragen. Zum Zeitpunkt der Auseinandersetzungen zwischen der ÖNB Wien und der schwedischen Gesandtschaft befanden sich diese Bände also bereits in Leipzig. Wahrscheinlich gehörten sie daher zu dem Bestandteil der Bibliothek, den die Gestapo bereits Anfang Oktober 1938 bei Ellenbogen beschlagnahmt hatte. Drei der Bände wurden wegen ihrer sozialdemokratischen und sozialistischen Inhalte sofort nach dem Eingang in den Bestand der Geheim-Abteilung zugewiesen und mit dem entsprechenden Zensurstempel gekennzeichnet. Wahrscheinlich hatte Paust alle fünf Bände gezielt ausgewählt, weil die Titel im Bestand der Deutschen Bücherei noch nicht vorhanden waren.
Gemeinsame Restitution dank Israelitischer Kultusgemeinde Wien und Lost Art
Wie schon bei früheren Fällen mit Österreich-Bezug konnten wir auch für die Recherche zu Wilhelm Ellenbogen an die Provenienzforschung der Österreichischen Nationalbibliothek anknüpfen. Bereits 2004 beschloss der Kunstrückgabebeirat die Rückgabe von 82 im Bestand der ÖNB identifizierten Druckschriften. Da Wilhelm Ellenbogen unverheiratet und kinderlos verstorben war und auch seine Geschwister keine direkten Nachkommen hatten, erwies sich die von der Restitutionsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien durchgeführte Erbenermittlung jedoch als langwierig und konnte erst 2019 abgeschlossen werden. Auf die Ergebnisse dieser Ermittlung konnte nun aber auch die DNB zurückgreifen, um die Rechtsnachfolger zu kontaktieren.
Die Veröffentlichung der in Leipzig identifizierten fünf Bände in der Lost Art-Datenbank schaffte außerdem zusätzliche Synergien: Im Rahmen der Provenienzforschung zur Bibliothek der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) identifizierte das Bundesarchiv in Berlin seinerseits einen Band mit dem eigenhändigen Autogramm von Wilhelm Ellenbogen. Auf der Basis der Fundmeldungen zu Ellenbogen in Lost Art nahmen die Kolleg*innen in Berlin Kontakt mit uns auf, um den Stand der Erbenermittlung in Erfahrung zu bringen. Beim Austausch über die jeweiligen Provenienzketten in beiden Einrichtungen zeigte sich, dass der Band in der Bibliothek des Bundesarchivs wahrscheinlich ebenfalls auf die Bücherverwertungsstelle Wien zurückgeführt werden kann. Er wurde 1948/49 aus der Öffentlich Wissenschaftlichen Bibliothek Berlin, der früheren Preußischen Staatsbibliothek, in das in Gründung befindliche Marx-Engels-Lenin-Institut übernommen. Die Preußische Staatsbibliothek war eine der Empfängerbibliotheken, die von der Bücherverwertungssstelle Wien mit Bänden bedacht wurde und dürfte den Band daher auf diesem Weg erhalten haben. Aus dem Marx-Engels-Lenin-Institut wurde später das Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED in Berlin. 1992 wurde seine Bibliothek per Vertrag zwischen dem Bundesarchiv und der Partei des Demokratischen Sozialismus in die SAPMO eingebracht.
In einer gemeinsamen Restitutionsvereinbarung einigten sich die Deutsche Nationalbibliothek und das Bundesarchiv mit den Rechtsnachfolgern von Wilhelm Ellenbogen auf eine Restitution mit einem anschließenden Rückkauf. Die Bände können daher nunmehr rechtmäßig im Bestand der beiden Bibliotheken verbleiben.
Quellen und Literatur
Österreichisches Staatsarchiv Wien, AdR, E- uReang, VVSt, VA 8819.
Eintrag „Wilhelm Ellenbogen“, in: Wien Geschichte Wiki, zuletzt aktualisiert am 04.11.2024, URL: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Wilhelm_Ellenbogen (zuletzt abgerufen am 14.01.2026).
Wilhelm Ellenbogen, Menschen und Prinzipien. Erinnerungen, Urteile und Reflexionen eines kritischen Sozialdemokraten, bearbeitet und eingeleitet von Friedrich Weissensteiner, Wien u.a. 1981.
Murray G. Hall und Christina Köstner, „… allerlei für die Nationalbibliothek zu ergattern …“. Eine österreichische Institution in der NS-Zeit, Wien 2006.






