Antike Metadaten 2.0 – Alexandria!

13. September 2022
von Elke Jost-Zell und Anke Meyer-Heß

Foto der Tardis mit einem Schriftrollenbehälter: Foto Anke Meyer-Heß CC0

Eine Spurensuche nach den Metadaten der Antike wäre unvollständig, wenn sie nicht auch in den Norden Ägyptens zu DEM Highlight überhaupt führen würde, der berühmtesten Bibliothek der Geschichte.

Die Stadt Alexandria

Und so landet TARDIS in einer Wolke aus Sand und Staub auf dem Boden Alexandrias unter König Ptolemaios I. Soter. Ptolemaios war ein General Alexanders des Großen, beide lauschten als makedonische Schüler dem Universalgelehrten Aristoteles und waren Freunde und Weggefährten auf Alexanders Eroberungsfeldzug von Griechenland bis in den Irak über 10 Jahre und 25.000 Kilometer. Alexander schlief und träumte mit Homers Ilias (und einem Dolch) unter dem Kissen von der perfekten Stadt.

Iliad VIII 245-253 in codex F205 (Milan, Biblioteca Ambrosiana), late 5th or early 6th c. AD – Public domain, via Wikimedia Commons

Nach seiner Krönung als Pharao gründete er die Stadt im Jahr 331 v. Chr. Doch es war Ptolemaios, der Alexanders Traum realisierte und Alexandria in eine Metropole der Musen und der Gelehrsamkeit verwandelte. Für die Forscher*innen und Wissenschaftler*innen des Musaion errichtete er die sagenumwobene Bibliothek von Alexandria. Eine Welt-Bibliothek sollte sie sein, die das Wissen der Vergangenheit und der Gegenwart sammelte und die klügsten Köpfe unter ihrem Dach versammelte.

Stadtplan von AlxF – Friedrich Wilhelm Putzger, nach O. Puchstein in Pauly, Real-Encycl., Public domain, via Wikimedia Commons

Universalbibliothek

Eine solche Bibliothek nennen wir heute Universalbibliothek, da sie Medienwerke aller Wissensgebiete und Künste aller Zeiten in allen Sprachen und Übersetzungen sammelt und der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Die alexandrinische Bibliothek war nicht nur für männliche Wissenschaftler wie den Arzt Hierophilos, den Astronom Aristarchos und die Mathematiker Archimedes und Euklid ein Olymp des Wissens, wir begegnen auch Gelehrtinnen wie der Philosophin Hypatia in ihren Hallen.

Emsige Bibliothekare inventarisieren und katalogisieren in dieser öffentlichen (!) Bibliothek handbeschriebene Schriftrollen aus Papyrus, dem bevorzugten Schreibmaterial der Zeit. Papyrus ist ein aus der der Echten Papyruspflanze gewonnener Beschreibstoff, der in Streifen geschnitten, überlappend aneinandergelegt und kreuzweise überlagernd zu einem Blatt gequetscht und vom Pflanzensaft zusammengehalten wird. Getrocknet und poliert, kann das Blatt beschrieben, bemalt und zur Schriftrolle gewickelt werden.

Wenn wir einem Schreiber über die Schulter schauen, sehen wir nicht nur das mühsame Kopieren mit dem Kalamos, einem vorne spitz geschnittenen Schreibrohr aus Schilf oder Bronze, sondern können auch die Herstellung weiterer Metadaten live miterleben.

Auf Papyri-Kolophonen (bibliografischen Vermerken) notiert der Schreiber die bibliografischen Angaben über den Titel, die Autor*innen, Herkunft und Zustand des Werkes, heftet sie an die Schriftrolle und trägt diese in ein Bücherregal zur Aufbewahrung und für die Ausleihe. Doch nicht nur für die Auffindbarkeit im Regal sind Kolophone eine Orientierungshilfe, durch die Hinweise auf die Regierungszeit von Königen und prominente Schriftsteller*innen sind sie auch für die Datierung antiker Handschriften eine wertvolle Quelle. Als biologischer Informationsträger haben Papyrusrollen leider eine geringere Haltbarkeit als Tontafeln, nach circa 300 Jahren müssen sie erneut kopiert werden, und so haben nur wenige ägyptische Schriftrollen die Jahrtausende überstanden.

Der antiken Bibliothek von Alexandria können wir nur noch in einer TARDISschen Zeitreise begegnen. Sie wurde mehrfach und vollständig zerstört und kein Papyrusfragment lässt sich ihr eindeutig zuschreiben. Sie scheint uns heute wie ein Schatten im Nebel der Zeit. Doch ihr Erbe ist gewaltig, denn die Idee der Universal- und Nationalbibliothek verbreitete sich über den gesamten Globus.

Auch im modernen Ägypten findet diese Idee Gestalt – in der Bibliotheca Alexandrina, die 2002 nahe der vermuteten Stelle ihrer ehrwürdigen Vorgängerin errichtet wurde und heute den weltweit größten Lesesaal besitzt.

Blick von außen auf den Lesesaal von Alexandria – D-Stanley, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

Ein Funfact, bevor wir uns den Sand von den Schuhen klopfen und in der Bibliotheks-TARDIS ins Mittelalter reisen: die Kolophone der Antike geben uns nicht nur bibliografische Auskünfte über die Schriften dieser Zeit, sondern beinhalten auch farbenfrohe Flüche für die Plagegeister, die die Bibliotheken aller Zeiten heimsuchen: Bücherdiebe und -zerstörer!

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Foto Anke Meyer-Heß CC0

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