Gutenberg und Metadaten

9. Dezember 2022
von Elke Jost-Zell und Anke Meyer-Heß
Reproduktion einer Seite aus der lateinischen Gutenberg-Bibel

Gutenbergs Mainz

Unsere bibliotheksblaue TARDIS transportiert uns nicht nur zurück in unsere deutsche Heimat, sondern auch einige Jährchen weiter in die Zukunft. Wir stehen in einer Werkstatt, in der ein kreatives Chaos herrscht und der Duft von Papier, Pergament, Holz und Metall in der Luft liegt. Sie erinnert ein wenig an den Bücher- und Dokumentensaal aus der Game of Thrones-Saga, über den in jedem Augenblick ein feueratmender Drache schweben und ein Lied aus Feuer und Eis anstimmen kann.

Zeitlich befinden uns im Jahr 1457, in der Übergangsphase von den mühsam handgeschriebenen Büchern aus Papier und Pergament zu den Inkunabeln (lat. Wiegendrucke), die mit dem Druck mit beweglichen Metalllettern und der Druckerpresse den modernen Buchdruck begründen. Also Bücher, wie wir sie kennen und lieben. Auch in diesen finden wir das vertraute „Metadatenformat“, das wir schon in der Antike und im Mittelalter entdeckt haben – den Kolophon. Er beinhaltet nun nicht nur die bibliografischen Angaben über Autor*innen, Titel etc., sondern auch Angaben zur Verbesserung und Verfeinerung von Texten, die auf eine frühe Form des Lektorats hinweisen. Auch die Namen der Lektoren, die das Upgrading vornahmen, verschweigen die Kolophone nicht.

Endlich – der Buchdruck!

Valerius Maximus, gedruckt in Mainz von Peter Schöffer, 18. Juli 1471: Kolophon (oder auch: Explicit) mit Druckvermerk und Druckerzeichen; public domain

So können wir im Mainz des Jahres 1457 den ersten gedruckten Kolophon im Psalterium des dynamischen Druckerduos Johannes Fust und Peter Schöffer bewundern. Im Druckereiwesen gibt der Kolophon nun nicht nur Auskunft über die Autor*innen, Titel, sondern auch über die verwendeten Schriftarten, die Namen der Designer, die Methode der Buchherstellung sowie Details über Papierart und Buchbindung. Die Angaben stehen am Ende des Buches, weswegen man den Kolophon wie schon im Mittelalter alternativ Explicit (lat. Ende, Ausgang) nennt. Fust und Schöffer arbeiten mit Johannes Gutenberg – oh yes, the great man himself! – zusammen. Sie erschaffen um 1450 mit dem Druck der kostbaren 42-zeiligen Bibel (B42) nicht nur eine der schönsten Inkunabeln der Welt, sondern auch das bahnbrechendste Buch der Druckgeschichte. Die B42 läutet das Zeitalter der Informations- und Kommunikationskultur in Europa ein und beschert Gutenberg im Jahr 1999 eine ehrenvolle Hommage als Mann des Jahrtausends. Das Trio druckt ungefähr 150 Bibeln auf Papier und circa 30 Exemplare auf Pergament. Von ihnen sind heute noch 49 bekannte Exemplare, teilweise nur einbändig oder als Fragment, erhalten.

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern symbolisiert damit auch einen allmählichen Egalisierungsbeginn des Bildungswesens. Waren bisher Lesen und Schreiben Adel und Eliten sowie in ihrem Dienst stehenden Menschen[*] vorbehalten, nehmen die Bücher und Zeitschriften nun Anlauf – für eine neue Karriere als Massenprodukt zu erschwinglicheren Preisen für eine breitere Leserschaft. Umso wichtiger werden qualitativ hochwertige Metadaten, die das Auffinden, Verzeichnen und Entdecken der Medienwerke in einem Meer der Medien ermöglichen!

Die Gutenbergbibel der Deutschen Nationalbibliothek

Eine kleine Randnotiz: auch die Deutsche Nationalbibliothek ist Eigentümerin einer einzigartigen, wunderschönen Gutenberg-Bibel, auf Pergament gedruckt, in zwei Bände gebunden und eingefasst in historische hölzerne Buchdeckel. Derzeit ist sie leider nicht an ihrem Platz in unserem Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig zu finden, sondern in der Russischen Staatsbibliothek in Moskau.

So bitten wir die TARDIS, den Chameleon Circuit zu verwenden und auch Russland im Schaltkreis zu sehen, damit wir unserer Bibel und den 150 weiteren Bücherschätzen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums (genauer gesagt aus der Klemm-Sammlung) der Deutschen Nationalbibliothek ein herzliches Hallo! sagen können …

Johannes Gutenberg-Bibel, Public domain, über Wikimedia Commons

 [*] Im irisch-schottischen Mittelalter (vor Papst Benedikt VIII auf der Synode von Pavia im Jahr 1022 und Papst Innozenz II. auf dem 2. Laterankonzil 1139 und den dort eingeleiteten und bekundeten Zölibatsbeschlüssen) gab es Doppelklöster und Frauen, die Priesterinnen und klerikale Gelehrte waren und/oder mit Priestern verheiratet. Diese Frauen hatten Zugang zu Schriftgut und waren Schriftgelehrte. Die beruflichen Schreiber waren zumeist Männer.

Auch in den Adelskreisen des Hochmittelalters erhielten Frauen Zugang zu Lehre und Bildung (Schreiben, Sprachen, Geschichte etc.) – sofern ihre Eltern Wert auf eine umfassende Bildung legten. Ein ebenso schönes wie berühmtes Beispiel ist Éléonore d’Aquitaine (~1124 – 1204), eine französische Gräfin, die hochgebildet und blitzgescheit war, zweifach Königin wurde, auch ihre Nachkommen auf europäische Throne hob und insgesamt ein langes, aufregendes Leben führte.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Anke Meyer-Heß

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