Moderne Metadaten – Zettelkatalog

16. Dezember 2022
von Elke Jost-Zell und Anke Meyer-Heß
TARDIS im Schnee mit Katalogkarten – Foto Anke Meyer-Heß CC0

Erinnern wir uns an den Beginn unserer Reise durch die Metadatenhistorie – schon in den antiken Megacities Hattusa und Ninive standen Kataloge für die bibliografische Orientierung in den Bibliotheken bereit und warteten geduldig auf Bibliothekare und Benutzer, die nach einem bestimmten Werk und seinem Aufbewahrungsort in diesen damals schon gigantischen Büchersammlungen suchten. Wir schütteln den Schnee und das Eis des klirrenden Moskauer Winters aus unseren Mützen, schälen uns aus den Wollschals und freuen uns auf die nächste Reiseetappe in die Welt der Metadaten.

Verlegerkartei – Foto Anke Meyer-Heß CC0

Über den großen Teich – gigantische Bibliotheken, gigantische Metadaten!

Lesesaal der Library of Congress – Foto: Carol M. Highsmith  – public domain, via Wikipedia

Die liebe TARDIS öffnet ihre Blautür und wir treten ein in die Swingin‘ Sixties, genauer gesagt das Jahr 1960 und in den eleganten Lesesaal der Library of Congress (LoC) in Washington, einer der größten Bibliotheken der Welt. Es duftet zart nach Holz und abermillionen Büchern. Ein Bibliothekar sortiert den Katalogeintrag für Harper Lees neu erschienenen Roman To kill a mockingbird (Wer die Nachtigall stört) in den alphabetischen Katalog – ein wundervolles Buch, das bis heute unermüdlich neu aufgelegt wird.

Zettelkataloge sind die MetadatenLabs ihrer Zeit. Nach den eher statischen Bandkatalogen bringen sie Flexibilität und Beweglichkeit in die Metadatenerfassung – anfangs schrieb man die Katalogzettel per Hand, dann mit der Schreibmaschine und schließlich gab es Computerausdrucke. Zettelkataloge bieten durch Haupt- und Nebeneintragungen für den Autor oder die Autorin und den Buchtitel (auch Hauptsachtitel) variable Möglichkeiten der Suche mit Metadaten. Hat ein Buch mehrere Autor*innen, stellt man auch mehrere Katalogkarten her, und bei einem Sammelwerk, also einen Buch mit zahlreichen Autor*innen – eines für eine beteiligte Person (Mitverfasser*in, Übersetzer*in, Herausgeber*in, Illustrator*in etc.) und ein weiteres für den Titel des Buches und sortiert sie alphabetisch unter den jeweiligen Suchkriterien ein. So finden wir Bücher unter Personen und/oder Sachtiteln und bleiben ganz nebenbei in Bewegung, wenn uns Nebeneintragungen und Verweisungen, eine frühe Mischung aus mouseover und Links, an andere Stellen im Katalog schicken.

Zettelkatalog der Library of Congress, Via https://blogs.loc.gov/law/2014/09/return-of-the-card-catalog/

Der Zettelkatalog der Kongressbibliothek ist die Suchmaschine ihrer Zeit und hat etwas ebenso Ästhetisches wie Ehrwürdiges. Ziehen wir einen der Holzkästen auf und blättern durch die Zettel, atmen wir den unvergleichlichen Geruch nach Papier und Geschichte ein.

Im Gegensatz zum Bandkatalog, dessen Einträge statisch und freie Plätze schnell gefüllt sind, kann er unkompliziert und schnell erweitert werden. Aber auch er hat einen großen Nachteil – die Bibliothek benötigt enorm viel Platz für die Katalogschränke, vor allem, wenn sie nicht nur einen Alphabetischen, sondern zudem noch einen Sachkatalog unterhält.

Eppelsheimer: ein Bibliothekar und sein Katalog

Bitten wir die TARDIS um einen Atlantik-Abstecher nach Frankfurt am Main. Denn dort gibt es in den Swinging Sixties eine ganz besondere Form des Sachkatalogs, die noch heute ihren Fanclub hat.

Wir betreten das Gebäude der Frankfurter Universitätsbibliothek, die nach der klassischen Eleganz der LoC eher formal auf uns wirkt – und sehr sachlich. Und schon sind wir bei der Sache: Sachkataloge haben den Vorteil, dass man mit ihnen thematisch mit Schlagwörtern (Sachbegriffe, Länder, Orte und Personen) suchen kann. Innerhalb der Sachbegriffe finden wir, nun wieder alphabetisch nach Autor*innennamen und Buchtiteln geordnet, die Zettel der Bücher, die damit erschlossen (oder beschlagwortet) wurden. Der berühmte Sachkatalog nach der „Methode Eppelsheimer“ steht prominent in der Eingangshalle. Hanns W. Eppelsheimer war Direktor der Universitätsbibliothek Frankfurt und danach Gründungsdirektor der Deutschen Bibliothek, dem Frankfurter Haus unserer heutigen Deutschen Nationalbibliothek. Er erfand diesen Bibliothekskatalog, der einen systematischen Sachkatalog mit verbaler Sacherschließung über freie Schlagwörter kombinierte. Auf dieser Grundlage entstand auch der Mainzer Sachkatalog, über den sich Johannes Gutenberg sicher sehr gefreut hätte. Zwischen 1919 und 1927 entwickelt, war der „Eppelsheimer“, wie er noch heute liebevoll in Frankfurt genannt wird, state of the art für die sachliche Erschließung. Heute nennen wir sie Inhaltserschließung und bearbeiten die Medienwerken sowohl intellektuell durch Fachreferent*innen und Bibliothekar*innen als auch mit maschinellen Methoden.

Schatzkarten für den Zettelkatalog: Regelwerke

Mit dem Erscheinen der modernen Zettelkataloge erwuchs eine neue Notwendigkeit: die der Regelwerke. Selbst wenn Metadaten noch so flexibel sind, bedarf es verbindlicher Regeln und Prinzipien, nach denen sie erstellt werden müssen, um gefunden werden zu können. Selbst die Piraten der Karibik brauchten Karten, Sternkonstellationen und Wegweiser, um die glitzernden Kostbarkeiten in den Schatzkisten zu finden, die findige Seeleute vor ihnen verbuddelt hatten. Die Schatzkarten der Bibliothekar*innen im deutschsprachigen Raum heißen in chronologischer Reihenfolge Preußische Instruktionen (PI), Regeln für die Alphabetische Katalogisierung (RAK) und Ressource Description and Access (RDA). Die PI waren noch sehr … preußisch, im Sinne streng grammatikalischer Regeln, die sich dem Verständnis eines Bibliothekslehrlings gerne entzogen (Ordnung zunächst nach dem Auto*innennamen – so vorhanden; jeder Buchtitel erst nach dem Substantivum regens und dann nach nachgeordneten Adjektiven …). Wir blättern im preußisch instruierten Zettelkasten nach der Sammlung Die schönsten deutschen Gedichte und finden den Zettel in der Reihenfolge Gedichte schönsten deutschen

Gescannte Katalogkarte aus dem systematischen Katalog der ULB Münster

Zur Freude fast aller Bibliotheksbenutzer*innen und Bibliothekar*innen wurden die PI Anfang der 1980er Jahre von den praktikableren Regeln für die Alphabetische Katalogisierung, RAK, abgelöst. Nach diesem Regelwerk finden wir den Gedichtband unter Weglassung des Artikels alphabetisch an der Katalogstelle schönsten deutschen Gedichte. Auch das internationale Regelwerk RDA, das 2015 wiederum die RAK ablöste, verzeichnet in alphabetischer Reihenfolge. RDA ist ein Regelwerk, das weltweit angewendet wird und einer virtuellen Katalogumgebung angepasst ist – und Nutzer*innen finden die gesuchten Medienwerke überall unter den gleichen Prinzipien.

So wie das Radio neben dem Fernseher, die DVD neben YouTube und netflix neben dem Finale einer Fußball-WM, sind auch die guten alten Zettelkataloge immer noch nicht aus der Mode gekommen. Noch heute windet sich so mancher Zettelkatalog mit seinen Abertausenden Zetteln voller Metadateninformationen durch historische Katalogsäle, als dekoratives Element in weiten Bibliotheksfluren oder von nostalgisch fühlenden Bibliotheksrebellen versteckt in Magazin- und Abstellräumen und erinnert in scheinbarer Unendlichkeit an eine harmlose Zwillingsschwester der Midgard-Schlange aus der nordischen Mythologie.

Coole Kataloge

So manche geschichtsbewusste Bibliothek bewahrt ihre Zettelkataloge zumindest teilweise auf, nutzt sie heimlich (bei Stromausfall oder aus Spaß) und archiviert sie liebevoll als historische Meilensteine. In der Library of Congress ist der Zettelkatalog nach einer Renovierung des Lesesaales in den 1980er Jahren in andere Räumlichkeiten ausgewandert und nicht mehr dorthin zurückgekehrt. Aber er genießt Kultstatus! Obwohl er schon seit 1980 nicht mehr aktualisiert wird, sehen wir auch heute noch Bibliothekar*innen und Leser*innen wie verzaubert vor seinen Katalogkästen stehen und mit verzücktem Blick blättern.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Foto Anke Meyer-Heß CC0

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